unpeople: Vier Köpfe, ein gepflegter Kontrollverlust

unpeople
Foto: Bridie Cummings
Bitte Zählermarke einfügen

Mit we are unpeople machen die Brit:innen aus schweren Riffs, kantigen Vocals und kollektiver Neugier ein Debütalbum mit Haltung. Wir trafen die Vier beim Hurricane Festival und erfuhren unter anderem, warum der beste Song manchmal der ist, den man zunächst nicht mehr hören will.

Jake Crawford hatte keine Lust mehr auf haunted. Dabei war es seine eigene Idee gewesen: ein musikalischer Ausgangspunkt, den die anderen aufgriffen und zum Song ausbauten. Alle mochten das Ergebnis. Alle außer Jake. 

Em Lodge erinnert ihn daran, dass der einstige Problemfall inzwischen zu seinen Lieblingssongs des Albums zählt. Diese kleine Anekdote steht exemplarisch für das Zusammenspiel von unpeople: Vier Freunde, die sich menschlich und musikalisch in- und auswendig kennen und ergänzen; Zweifel sind erlaubt, und manchmal wissen die anderen früher als man selbst, welches Potential eine Song-Idee haben kann.

„Also mussten mich alle anderen einfach davon überzeugen, dass es sich lohnt, die Zeit und Mühe zu investieren, um ihn auf das Niveau der anderen Songs zu bringen.“ So erklärt Jake, warum er dem Song doch noch eine Chance gab. Heute seien sie alle unglaublich glücklich mit dem Ergebnis. 

Und auch das steht irgendwie für unpeople: Experimentierfreude, Kreativität, unerwartete Wendungen, pure Energie. Die Songs auf we are unpeople strotzen davon, immer wieder wird man in Tempowechsel geworfen, in scheppernde C-Parts und klirrende Breakdowns, auf die dann wieder groovy Momente folgen.

Alle Knöpfe drücken

Jake und Luke kennen das Geschäft bereits von Press To MECO. Mit unpeople, 2023 gegründet, führen sie ihre Freude an verzahnten Stimmen und kantigen Gitarren in einer neuen Konstellation weiter. Beim Gespräch auf dem Hurricane Festival sitzen sie mit Bassistin Em Lodge und Schlagzeuger Richard Rayner zusammen. Wie entschieden diese vier vom gemeinsamen Schreiben erzählen, passt zum Selbstverständnis der Band. 

Luke beschreibt das Prinzip so: Selbst wenn jemand einen zu 90 Prozent fertigen Song mitbringe, seien es die letzten zehn Prozent der anderen, die daraus unpeople machten. „Es gibt nichts, was nicht auf den Tisch kommt“, sagt er. Die Band habe neugierige Köpfe, die gar nicht anders könnten, als sämtliche Knöpfe zu drücken und zu schauen, was passiert. Das klingt nach einem Rezept für endlose Proberaumdiskussionen. Hier erklärt es vor allem, warum die Musik so viele Haken schlägt, ohne ihren Sinn für den Refrain zu verlieren.

Die musikalische Verwandtschaft ist breit. PUP und Deftones werden im Band-Promotext als Einflüsse genannt; Jake und Luke verbindet außerdem die Liebe zu AC/DC. In einem früheren Interview schwärmte Luke von Everything Everything. Dazu kommt die häufig gezogene Parallele zu Reuben: jener britischen Band, bei der Melodie, Härte und eigensinniger Humor ebenfalls hervorragend miteinander auskamen. Einfluss, persönliche Lieblingsband und klanglicher Vergleich sind unterschiedliche Dinge. Zusammen ergeben sie aber einen brauchbaren Lageplan für unpeople.

Man kann diesen Sound als Alternative Rock mit Post-Hardcore-Kanten beschreiben. Spannender ist, was er mit seinen Gegensätzen anstellt. Mehrstimmiger Gesang knallt auf schwere Riffs, wuchtige Basslines auf treibende Drums.

Große Hooks, kleine Widerhaken

Das am 9. Oktober 2026 über SharpTone erschienene we are unpeople bündelt diesen Ansatz in zwölf Tracks. clouds, friends und the garden bilden den Auftakt, die bereits von der EP unpeople  bekannten waste und smother finden ebenfalls ihren Platz. Das Debüt beginnt damit ausgesprochen selbstbewusst: Die Band stellt ihr Vokabular vor und vertraut darauf, dass es für ein ganzes Album trägt.

clouds verbindet einen melodischen Einstieg mit einem schweren Riff, the garden setzt auf einen markanten Bassimpuls. Der Song ist uns übrigens auf dem Hurricane live am meisten hängen geblieben und hat uns das ganze Wochenende nicht mehr losgelassen. unpeople bilden hier einen wirksamen Zugang zu einer Musik, die in ihren Arrangements viel auf einmal möchte: Bewegung, mitreißende Refrains und kleine Widerhaken für den nächsten Schleudergang. Dabei ist Zugänglichkeit aber nie mit musikalischer Bequemlichkeit zu verwechseln. unpeople gehen nicht die logischen, einfachen Wege, sondern suchen sich spannende neue Melodien, Akkordfolgen und Arrangements, die dann trotzdem harmonisch aufgehen.

Inhaltlich steckt hinter der ausgelassenen Oberfläche mehr als gute Festivalverwertbarkeit, sondern echter Tiefgang. Jake beschreibt friends als Auseinandersetzung mit seiner Angst, sich einem anderen Menschen emotional zu öffnen. Der Wunsch nach Nähe kollidiert mit dem Reflex, sich vor möglichen Verletzungen zu schützen. 

blueprints erweitert das Spektrum um eine ruhigere, großzügiger angelegte Seite samt großem Gitarrensolo. Die Band spricht selbst von ihrem Vorstoß in Richtung Stadionballade. Für die Dramaturgie ist dieses bewusste Luftlassen entscheidend: Wenn jeder Song sofort die nächste Eskalation verspricht, verliert die Eskalation irgendwann ihren Reiz. Hier bekommt das Album Raum, seine emotionale Reichweite zu zeigen.

Und dann ist da haunted. Abwechslungsreich, fiebrig, brodelnd. Ausgerechnet dieses Stück musste also gegen die Skepsis seines Ideengebers verteidigt werden. Die Geschichte verleiht dem Songwriting quasi eine handwerkliche Dimension: Was leicht und überschwänglich wirkt, ist das Ergebnis hartnäckiger gemeinsamer Arbeit. 

kangareuben erzählt die andere Hälfte davon. Beim Hurricane berichten unpeople, dass sie noch während der Aufnahmen an einzelnen Abschnitten des Songs schraubten. Der Song konkurrierte außerdem mit einem weiteren Kandidaten um einen Albumplatz.

Genau darin liegt ein sinnvoller kritischer Maßstab für diese Platte. Zwölf Songs in dieser unpeople-Dichte könnten die Hörer:innen überwältigen, vielleicht in ihrer charmanten Bandbreite übervoll wirken. Dass bekannte EP-Stücke wiederkehren, begrenzt zudem den Neuigkeitswert für langjährige Fans. Zugleich erfüllen genau diese Stücke auf einem ersten Album eine nachvollziehbare Funktion: Sie gehören zur Vorstellung dieser Band. we are unpeople macht also genau das, was es im Titel verspricht: Die Band wird in ihrer großen Bandbreite vor- und ihre musikalische Experimentierfreudigkeit ausgestellt. Daraus ergibt sich ein kohärentes Gesamtkunstwerk, das zu keiner Zeit langweilig wird, aber auch nicht übersättigt.

Ein Wir für die Übersehenen

Der Bandname setzt einen gesellschaftlichen Rahmen: „unpeople“ bezeichnet Menschen, die als politisch unwichtig oder wertlos behandelt werden. Aus dieser Abwertung macht die Band eine gemeinsame Identität. Darin steckt auch die Pointe des Albumtitels. Wer sich übersehen fühlt, findet hier seine Crowd. Die Mischung aus Wut, Humor und zugänglichen Melodien passt zu diesem Anspruch. 

In welchem Szenario hört man denn jetzt so ein Album? Wir haben die Band gefragt: Richard möchte Sterne, eine Feuerstelle und etwas zu essen. Jake entscheidet sich für Mojitos mit seiner Familie in der Küche seiner Mutter. Luke würde gern zu einem Grand Prix der Achtzigerjahre nach Brands Hatch reisen. Em wünscht sich eine Zugfahrt, deren Landschaft exakt zu den Songs passt. Bei as you were soll der Zug in den Bahnhof rollen.

Vielleicht ist das die schönste Gebrauchsanweisung für we are unpeople: ein Album, das Bewegung und Gemeinschaft verspricht, aber auch in kleine Allein-Momente passt. Die zwölfminütige Prognummer ist übrigens nicht dabei – jedenfalls noch nicht, wie Jake ergänzt. Seine knappe Ergänzung im Gespräch: „Noch. Ja.“ Wir freuen uns drauf und versprechen uns davon wieder eine Riesenportion Experimentierfreude. 

Und auch allen Konzertfans seien unpeople hier nochmal ans Herz gelegt! Die Band kommt Anfang 2027 auf Tour und wir werden mit Sicherheit da sein.

unpeople auf Tour in Deutschland:

03.02.2027: Köln – Helios37
05.02.2027: Hamburg – Molotow
06.02.2027: Berlin – Urban Spree
09.02.2027: München – Strom

Weiter stöbern im Circle Mag:

Dein daily News-Update im Circle Mag

Bleib stets up-to-date in Sachen Musik und Popkultur mit unseren täglichen News, Reviews und Features. Viel Spaß beim Stöbern!

Dein neues Zuhause für All Things Vinyl

Von Rock über Pop bis zu Hip-Hop und Jazz – bei uns gibt's alles für dein Plattenregal.