Daniele Luppi verwandelt vergessene Studiobänder in ein neues Album

Daniele Luppi
Foto: Liz Hart

Daniele Luppi veröffentlicht mit Wilma sein neues Album, gebaut aus jahrzehntealten Bändern italienischer Studiomusiker:innen. Wir stellen den Komponisten dahinter vor.

Daniele Luppi arrangierte Streicher für die Red Hot Chili Peppers, Broken Bells und Dave Gahan und arbeitete außerdem mit Gnarls Barkley, Depeche Mode und John Legend. Für seine Titelmusik zu Magic City erhielt er 2014 eine Emmy-Nominierung, ein Jahr später folgte eine weitere für die Netflix-Serie Marco Polo. Am 9. Oktober veröffentlicht Luppi sein neues Album Wilma digital. Die LP erscheint am 13. November bei Verve/slowplay. Konzipiert ist die Platte als musikalische Begleitung zu einer Liebesgeschichte, die nie verfilmt wurde.

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Daniele Luppi holte pensionierte Studiomusiker:innen zurück in Morricones Klangwelt

Luppi kam 1972 in Padua zur Welt und erhielt zunächst eine klassische Ausbildung am Klavier. Später beschäftigte er sich mit Jazzorgel. Nach seiner Jugend in Mailand zog der Musiker nach Los Angeles, wo er bis heute lebt.

Sein Debüt An Italian Story erschien 2004. Dafür brachte Luppi Musiker:innen zurück ins Studio, die früher mit Ennio Morricone, Piero Umiliani und Armando Trovajoli gearbeitet hatten. Parallel schrieb er Filmmusik, etwa für die Bruce-Willis-Komödie Assassination of a High School President und den mexikanischen Independentfilm Malos Hábitos.

Ebenfalls 2004 begegnete Luppi Brian Burton, besser bekannt als Danger Mouse. Der Produzent war gerade durch The Grey Album bekannt geworden. Ein Jahr nach ihrem Kennenlernen begannen beide mit der Arbeit an einem gemeinsamen Projekt. Ursprünglich ging Burton davon aus, es bereits 2006 veröffentlichen zu können. Tatsächlich dauerte die Produktion fünf Jahre länger.

Rome erschien schließlich 2011. Aufgenommen wurde das Album in den Forum Studios in Rom – mit Marc 4, dem Chor I Cantori Moderni und der Sopranistin Edda Dell’Orso. Damit wirkten genau jene Musiker:innen mit, die zuvor den Klang von Morricones Filmmusiken geprägt hatten. Jack White und Norah Jones übernahmen jeweils bei drei Stücken den Gesang. In den amerikanischen Rock-Charts erreichte das Album Platz fünf.

2017 setzte Luppi seine Arbeit mit Milano fort. Das Konzeptalbum erzählt von Außenseiter:innen, Modefiguren und Drogenabhängigen im Mailand der Achtzigerjahre. Die Stimmen lieferten Parquet Courts und Karen O. Danach wurde es ruhiger. 2022 veröffentlichte Luppi die EP Charm Of Pleasure, 2024 komponierte er für HBO die Musik zu The Jerrod Carmichael Reality Show.

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Tausende ungehörte Aufnahmen bilden die Grundlage von Wilma

Für Wilma konnte Luppi auf ein umfangreiches Archiv italienischer Studioaufnahmen zugreifen. Die Bänder stammen aus den Sechziger- bis frühen Achtzigerjahren und waren ursprünglich für Filme, Dokumentationen, Werbespots und Kurzfilme eingespielt worden. Ein großer Teil des Materials wurde jedoch nie verwendet.

Die beteiligten Studiomusiker:innen werden mitunter als italienische Entsprechung der amerikanischen Wrecking Crew beschrieben. Sie waren auf zahllosen Produktionen zu hören, blieben in den Credits aber häufig unerwähnt. Mehr als tausend Aufnahmen hörte Luppi durch, bevor er auswählte. Seine Rolle dabei vergleicht er mit der eines Dokumentarfilmers: „Ich arbeite mit vorhandenem Material, das sind die alten Aufnahmen. Ich füge neue Gesichter hinzu, das sind meine Sänger:innen, und schreibe ein Drehbuch, das sind die Texte. Dann kommen Schnitt und Farbkorrektur, also die Tonarbeit. Der Unterschied ist nur: Anders als ein Dokumentarfilmer habe ich aus dem Gefundenen eine völlig neue Geschichte erfunden.“

Den Gesang teilen sich Michael Kiwanuka und Orion Sun. Beide übernehmen jeweils drei Stücke, beim Schlusstitel singen sie gemeinsam. Die übrigen drei Titel des Albums sind reine Instrumentalstücke. An den Texten war außerdem Shungudzo beteiligt, eine Grammy-prämierte simbabwisch-amerikanische Songwriterin, die zuvor für Jessie Ware und Angélique Kidjo arbeitete. Über Kiwanuka sagt Luppi: 

„Er hat ein tiefes Gespür für das Menschliche. Das steckt in jeder Zeile, die er singt, und in jeder Aufnahme, die er macht.“

Daniele Luppi über MIchael Kiwanuka, der auf Wilma ebenfalls zu hören sein wird.

Von Die Goonies bis Fantasy Island

Die drei Zwischenspiele Reverie #1, Reverie #2 und Reverie #3 nahm er auf einem Yamaha DX7 aus dem Jahr 1984 auf. Das Gerät blieb der einzige Synthesizer des Albums, und zwar ausschließlich mit Werks-Presets. Auch die Live-Drums spielte Luppi selbst ein, gemischt wurde allein über ein Lexicon PCM70. Gesucht hatte er nach dem charakteristischen Hall der Filmmusiken seiner Kindheit. Als konkretes Vorbild diente ihm Dave Grusins Musik zu Die Goonies. Welche Aufnahmen er verbaut hat, weist das Album einzeln aus.

Vier Stücke greifen auf Kompositionen von Alberto Baldan Bembo zurück, Blame Games nutzt Sandro Brugnolinis Bacharachico, To Some Degree ein Stück von Franco Tamponi. Während der Aufnahmen von Fallin’ Dreams sang Kiwanuka im Regieraum beiläufig die Melodie der Instrumentalspur mit. Daraus entwickelten sich die Begleitstimmen, die in einem einzigen Durchgang aufgenommen wurden. Orion Sun wiederum schickte Luppi vor der Arbeit an So Low Bilder aus der Fernsehserie Fantasy Island.

Auch das Schlussstück verdankt seinen Titel einem spontanen Moment. Die Zeile You Could Be The Sun, I Could Be The Moon sang Kiwanuka während einer frühen Skizze nur einmal – im sechsten Take – und griff sie anschließend nicht mehr auf. Luppi bat ihn später, den Satz an drei Stellen des Songs zu wiederholen. Zum Abschluss sind Kiwanuka und Orion Sun gemeinsam zu hören, ohne Hall und ohne weitere Effekte.

Mit Wilma ist das Projekt noch nicht beendet. Das Album bildet den Auftakt zu einer geplanten Trilogie.

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