Mit der EP some of us aren’t made for heaven präsentiert wavvyboi wieder eine gender- und genrefluide Position in der Musikwelt. In theatralischen Pop-Rock-Songs vertont er den Struggle mit der eigenen Identität noch bunter als zuvor.
Expressiv seit 2017
Dieses Jahr kam der größte Trubel um wavvyboi im Rahmen des ESC, bei dem er es im deutschen Vorentscheid auf den zweiten Platz schaffte. Dabei hätte er es definitiv verdient, Deutschland im Finale zu vertreten. Denn wavvyboi hat so vieles, was auf dieser Bühne zählt: Persönlichkeit, einen expressiven Stil, Ohrwürmer, Humor und Haltung zu wichtigen Themen wie Genderidentität und Diversität. Ein wenig Rockstar, ein wenig Emo-Rapper, ein wenig Pop-Queen, aber all das eben mit der Awareness, die früheren Generationen an Musiker:innen gut getan hätte.
Mit dieser Mischung hat sich der nichtbinäre Musiker, der alle Pronomen für sich akzeptiert, schon vor einigen Jahren seinen Platz in der Musiklandschaft geschaffen. Seit seinem 2022er-Album kamen nur noch Singles, doch mit some of us aren’t made for heaven bringt wavvyboi nun eine EP, die einen Bruch markiert. Wie klingt denn der neue wavvyboi? Deutlich rockiger und nochmal eine Ecke dramatischer, so könnte man das kurz zusammenfassen.
Theatralischer denn je
Der bereits für den ESC-Vorentscheid präsentierte Song black glitter zeigte das: Mit überrumpelnder Wucht hauen die Gitarren und Drums nach der ersten Hook rein. Das klingt wie die logische nächste Evolutionsstufe von My Chemical Romance: Die Gitarrenharmonien erinnern an Queen und Glam Rock, der Song ist aber so einprägsam und bunt wie 2000er-Pop-Punk, mit Texten über das stolze Zeigen der eigenen Identität. Der „Lalala“-Teil am Ende macht den Song leider etwas stumpf, aber als erster Eindruck knallt black glitter schon mal ordentlich rein.
Den nächsten Track wanderlust hätte wavvyboi fast stattdessen für den ESC eingereicht, und das ist bedauernswert, denn der macht das Ganze nochmal eine Ecke besser. Die Halloween-Vibes, das Muse-artige Gitarrensolo, die eingestreuten deutschen Zeilen – all das hebt die Theatralik auf eine höhere Stufe. Auch der Darkwave von fragile machine passt in diese düsterere Ästhetik.
Dieses Level an Drama hat bei wavvyboi selten so viel Spaß gemacht wie auf dieser EP, denn hier schafft er es, die Extravaganz, für die er steht, auch musikalisch noch stärker auszudrücken. Die Emo-Trap-Elemente lässt er so gut wie hinter sich, auch die Pop-Punk-Teile klingen weniger nach fröhlicher Jugend. Dafür gibt es interessantere Akkordfolgen und Melodien, die manchmal etwas Neoklassisches haben und anders verlaufen als die Hörgewohnheiten im Pop es vermuten würden.
Jede Performance ist etwas musicalhafter als zuvor inszeniert, die Produktion der Gitarren und Drums ist fast Metal. Das klingt alles modern und komprimiert bis zum geht nicht mehr, aber dadurch umso druckvoller und glänzender. Und das passt super zu wavvybois Botschaften darüber, man selbst zu sein und sich nicht für andere zurückzuhalten.
Der Himmel soll warten
Wavvyboi selbst wurde früher wegen seines androgynen Aussehens ausgegrenzt und sah erst durch Artists wie David Bowie oder Brian Molko, dass es für die Identität keine Regeln und Grenzen gibt. Mit seiner Musik will er nun auch so einen Safe Space für andere schaffen. Der Titeltrack der EP bringt das auf den Punkt: some of us aren’t made for heaven. Wenn das Konstrukt „Himmel“ etabliert hat, angeblich keinen Platz für jemanden wie wavvyboi zu haben, sagt er eben: „I’m a monster with no shame, no god could create“.
„Wir wollen gar nicht ins Paradies, wenn damit verbunden ist, sich ein Leben lang selbst zu verleugnen und anzupassen“, erklärt wavvyboi zum Song. Das ist auch der Kerngedanke der EP: „Einige von uns passen nun einmal nicht in diesen auf Konformität gedrillten Kontext. Stattdessen erschaffen wir unser eigenes System außerhalb der Norm. Mir ist wichtig, mit meinen Songs einen Diskursraum zu gestalten, um gewisse Dinge zu hinterfragen.“
Persönliches und Poppiges
Ihm geht es auf der EP also größtenteils um Themen, bei denen er lange mit sich selbst ringen musste, mittlerweile aber erkannt hat, dass sie so viele andere auch plagen. Das macht die Probleme nicht weniger relevant – ganz im Gegenteil, gerade deswegen ist es wichtig, sie anzusprechen. In wanderlust verfolgt ihn der Tod seiner Mutter, in fragile machine besingt er die Tendenz zum Peoplepleaser, der sich in Beziehungen ausnutzen lässt. Das sind persönliche Geschichten, mit denen sich aber viele, die zuhören, identifizieren können.
Relatability und wichtige Werte schreiben sich heutzutage zwar viele Pop-Künstler:innen auf die Fahne – was etwas Gutes ist! –, aber teilweise versumpft es in langweilig komponierten Songs. Dagegen ist ein Song wie bird abwechslungsreich, nimmt Einflüsse quer aus der Rockgeschichte und baut ein episches Finale auf, passt dabei aber immer noch kompakt ins Popformat. Wavvyboi schafft es, sich auf dieser EP musikalisch neu zu gestalten; seine Merkmale, die ihn bis hierher bekannt gemacht haben, aber beizubehalten. Nur leuchten sie nun noch etwas stärker.