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Die Kings Of Leon haben ins Great American Songbook hineingeschmökert. An den Stellen, in denen es um akustische Americana-Elemente geht, haben sie gleich mehrere Post-Its hinterlassen – und mit O My Beloved ein wunderschönes, zartes Album daraus geformt. Es ist eine Art Gegenentwurf zum ruppigen Vorgänger. Wenn auch ein unfreiwilliger.
Die Kings Of Leon sind in einer Phase ihrer Karriere angekommen, in der das eigene Werk genügend Raum für selbstreferenzielle Exkurse erlaubt. 2024 fragten sie geradezu desillusioniert Can We Please Have Fun und tobten sich lustvoll und unapologetisch in ihren schmalligen Rock’n’Roll-Roots aus. Laut war es da, scheppernd und krachend. Endlich mal wieder eine Band in einem Raum in Nashville, keine Reißbrettstrategien, keine verzweifelten Versuche, Only By The Night doch noch mal zu reproduzieren.
Dieses Freischwimmen hat offenbar gut getan. Und bis heute angehalten: Ohne ein Album wie Can We Please Have Fun wäre O My Beloved nicht vorstellbar. Es ist ihr bislang intimstes und offenstes Album – mit großem Abstand. Es ist auch das erste, das sie vom ersten bis zum letzten Handgriff selbst produziert haben. Spricht auch für dieses neue Selbstverständnis, mit dem die Followills in ihre neue Karrierephase starten.
Vertonte Familiengeschichte
Es ist ihr zehntes Album in 27 Jahren. Das ist nicht mehr die Posterboy-Band, die den Garage Rock neu erfand und vor 20 Jahren zu Idolen einer Generation aufstieg. Das ist eine gewachsene Band, die seit 25 Jahren in dieser Besetzung spielt und in dieser Zeit sehr viel Gelegenheit hatte, ihre kreative Vision auszuformulieren. Auch deshalb klingt O My Beloved einerseits unverkennbar und andererseits so wahr, persönlich und tief, dass man sich unweigerlich in einem Album wähnt, das längst in den Klassiker-Kanon der amerikanischen Musikgeschichte aufgenommen wurde.
Das Album verzichtet bewusst auf den ausladenden Sound, der einen Großteil ihrer Karriere prägte. An seine Stelle tritt ein ungefilterter Geist der US-amerikanischen Musiktradition. Blues, Rock, Americana, untrennbar verbunden mit der Aura Nashvilles. „Wir haben bereits alles übertroffen, was wir uns je erträumt hatten, und etwas geschaffen, das unglaublich besonders ist. Ich dachte mir: Wäre es nicht wunderschön, ein Album zu machen, das auf all das zurückblickt, was wir erlebt haben, und würdigt, wie wir hierhergekommen sind?“, so sagt Leadsänger Caleb Followill über dieses Werk, das eine Art Familienalbum darstellen soll. Ein Denkmal für die Familie, für ihre Kindheit, aus der etwas derart Einzigartiges entstand. Nostalgisch ja, melodramatisch nie, dekoriert mit dem unsterblichen Mythos ihrer Heimat Tennessee.
Zufällig akustisch
Die Akustische ist diesmal das prägende Saiteninstrument, aufgedreht wird selten bis gar nicht. Dennoch ist der Ansatz ein anderer wie etwa bei Pressure Machine von den einstigen Rivalen The Killers. O My Beloved wirkt eher wie das MTV Unplugged-Album der Kings Of Leon, weil die Essenz, die Größe und die Melancholie nach wie vor in diesem Songs zu spüren sind. Das Spannende: Eigentlich sollte der Nachfolger von Can We Please Have Fun mindestens ebenso rumpeln und dröhnen. Doch dann bricht sich Caleb Followill das Bein, muss pausieren. Und spürt, dass da noch eine ganz andere Seite in ihm steckt.
Es ist den Kings Of Leon hoch anzurechnen, dass sie dabei mal nicht nach Bruce Springsteen, Tom Petty oder Neil Young klingen, wie es ja fast alle Rockbands tun, die sich mal an einem großen amerikanischen Akustikalbum versuchen. Dafür ist ihr Stil zu charakteristisch – und spannenderweise völlig unabhängig vom gewählten Instrumentarium.