platten
Bernie Taupin gibt den Crooner: Elton Johns Texter bezaubert mit „The Sea Has No Mercy“
40 Jahre lang hat Bernie Taupin kein Album mehr veröffentlicht. Und noch nie ein komplett selbstkomponiertes. Mit den traurigen Shanties von The Sea Has No Mercy ändert er das. Und zeigt, dass Elton Johns brillanter Poet auch als Musiker und Crooner eine Ausnahmeerscheinung ist. Ganz klar die Überraschung des letzten Musikquartals.
Bernie Taupin ist einer der größten Geschichtenerzähler der Musikwelt. Gemeinsam mit Elton John erobert er ab den späten Sechzigern von England aus den Rest der Welt und betört ein Millionenpublikum mit den Klängen und Worten von Klassikern wie Rocket Man, Levon, Tiny Dancer, Goodbye Yellow Brick Road. Ohne ihn, das weiß auch Elton John, wäre das alles so nie passiert.
Bernie Taupins neues Album für Zuhause:
Taupins erstes richtiges Soloalbum
56 Jahre nach ihrem gemeinsamen Durchbruch Your Song hat Bernie Taupin immer noch nicht genug vom Geschichtenerzählen. Mit einem großen Unterschied: Diesmal macht er alles allein. The Sea Has No Mercy mag nicht sein erstes Soloalbum sein – zwischen 1971 und 1987 erschienen drei Werke – doch es ist das erste, das er ganz allein komponiert und getextet hat.
Jahrzehntelang hat Taupin Texte für Elton John geschrieben, aber auch für Jefferson Starship, für Alice Cooper, für Heart. Dutzende, eher hunderte Texte, die in unser kollektives Musikgedächtnis gesickert sind und für immer dort bleiben werden. Mit 76 Jahren schreibt er endlich mal nur für sich. Und da musste offenbar einiges raus: The Sea Has No Mercy ist ein reflexives, berührendes, stilles Folk-Album, eine Kollektion von Shanties, Bänkelliedern und melancholischen Balladen, die man in dieser Intensität nur am Ende einer langen und stellaren Karriere schreiben kann.
Vom Anhalter zum Oscar-Gewinner
Aber worüber singt ein Bernie Taupin denn nun, wenn er endlich nur für sich erzählen kann? Auch nicht unbedingt über großartig andere Dinge. Er erzählt vom Leben und seinen Kämpfen, von den Aufs und Abs, von all dem, was eben so passiert in bald acht Dekaden auf diesem Planeten. Und erlebt hat Bernie Taupin viel: Er wächst auf einer Farm im Norden Englands auf, reist als Teenager per Anhalter durch Englands Straßen, besucht Pubs. Mit 17 antwortet er auf eine Anzeige eines gewissen Reginald Dwight. Es wird sein Leben für immer verändern. Und führt 50 Jahre später sogar zu einem gemeinsamen Oscar für den Song (I‘m Gonna) Love Me Again aus dem Elton-John-Biopic Rocketman.
So intim wie die American Recordings
All die Grandezza, den Glamour, das Bling-Bling, die man eben von Elton John kennt, sucht man hier aber vergebens. „Es ist der Soundtrack seines eigenen Lebens — eine Platte, die ihn so persönlich wie nie zeigt und die Erfahrungen seiner 76 Lebensjahre in zehn Songs destilliert“, so seine Plattenfirma. Und das trifft es: The Sea Has No Mercy ist Taupins American Recordings: intime, zarte, elegische Folk-Songs, die ihn mal als Crooner zwischen Leonard Cohen und Tom Waits, mal als sehnsüchtigen Troubadour im Stile eines melancholischen Mark Knopfler in seiner späten Solophase zeigen.
Inspiration für The Sea Has No Mercy bekam Taupin laut eigenen Aussagen durch die Arbeit an seiner 2023 veröffentlichten Autobiografie Scattershot und der Mitarbeit an einer kommenden Dokumentation über sein Leben. „Ich hätte die Lieder dieses Albums nicht als jüngerer Mann schreiben können. Sie zeigen eindeutig den 76-jährigen Bernie Taupin“, so der Künstler.
Keine Spur von Elton John
Bernie Taupin ist ein begnadeter Poet. Aber eben auch ein talentierter Komponist und Arrangeur. Aufgenommen wurden seine ersten eigenen Songs in Nashville von einer Band mit dem schönen Namen Tennessee Stone Cutters, bestehend aus den Studiomusikern Adam Wright (Gitarre), Glen Worf (Bass) und Michael Rojas (Keyboard). Beteiligt war auch Brandi Carlile, die ja erst vergangenes Jahr ein Album mit Elton John veröffentlichte. Auch Taupins Tochter Georgey ist zu hören – ganz im Gegensatz zu Elton John. Aber wahrscheinlich war es für Bernie Taupin einfach wichtig, das ohne seinen langjährigen Partner und Freund durchzuziehen.