Ein Standardwerk des Soul: Mit Otis Blue/Otis Redding Sings Soul veröffentlicht Otis Redding am 15. September 1965 einen Meilenstein, der bis heute auf etlichen Plattentellern rotiert. Aufgenommen wurde das Album in weniger als 24 Stunden, was nicht zuletzt am hochkarätigen Personal im Studio liegt.
Mitte der Sechziger gehört Otis Redding bereits zu den großen Namen der US-Soulszene. Sein Debüt Pain In My Heart kletterte im März 1964 auf Platz 20 der US-R&B-Charts, der Nachfolger The Great Otis Redding Sings Soul Ballads sogar bis auf Rang drei. Dabei begann seine Karriere eher unspektakulär: „Alle wollten schon nach Hause gehen“, erinnert sich Stax-Studiochef Jim Stewart an die erste Session mit Redding zu Beginn der Sechziger, die eigentlich nur als kurzer Abschluss des Arbeitstags gedacht war. Doch als Redding Hey Hey Baby und These Arms Of Mine sang, verflog die Feierabendstimmung in der Plattenschmiede in Windeseile und wich großer Begeisterung. „Er sang aus vollem Herzen“, so Stewart – und bekam einen Plattenvertrag.
Die Songs auf Otis Blue
Mit der Arbeit an seinem dritten Album Otis Blue/Otis Redding Sings Soul beginnt Redding im Sommer 1965. Er und Stax wählen einige Coversongs aus, zum Beispiel My Girl von den Temptations, Satisfaction von den Rolling Stones und Wonderful World von Sam Cooke, der ein halbes Jahr zuvor erschossen wurde((LINK)). Ebenfalls auf der Tracklist zu finden sind zwei weitere Stücke von Cooke (Change Gonna Come und Shake) sowie Rock Me Baby von B. B. King. Soul, Gospel, Blues und vor allem: Black Empowerment – Redding singt die Songs auf Otis Blue nicht nur über jeden Zweifel erhaben virtuos, sondern setzt auch ein Statement inmitten der Bürgerrechtsbewegung. Einen Hit für die Ewigkeit landet er mit seiner Eigenkomposition Respect – wenn auch anders als gedacht.
„All I’m askin’ is give me a little respect“: ein Appell, den Otis Redding damals an die Frau in seinem Leben richtet. Die Inspiration für den Song liefert mutmaßlich Schlagzeuger Al Jackson Jr., der Redding in einem Gespräch nach einer Tour wissen lässt: „Worüber beschwerst du dich? Du bist die ganze Zeit unterwegs. Alles, was du zuhause erwarten kannst, ist ein bisschen Respekt.“ Eine Aussage, die Redding wohl ein wenig missversteht und in eine Hymne des leidenden, schwer arbeitenden Mannes verpackt – aber nicht mit Aretha Franklin. Sie nimmt Respect im Februar 1967 als Coversong auf: als feministische Hymne für Frauen, in der sie mehr Respekt für das weibliche Geschlecht fordert. Gut gespielt.
Otis Redding im Circle Store:
Otis Blue: Ein Klassiker an einem Tag
Die Aufnahmen von Otis Blue beginnen am 9. Juli um 10 Uhr vormittags. Ab 20 Uhr legen Redding und seine Musiker eine mehrstündige Pause ein, damit seine Band ein paar lokale Gigs spielen kann – und am nächsten Tag um 14 Uhr ist das Album vollständig im Kasten, also in weniger als 24 Stunden (mit Konzerten dazwischen!). Das geht nur mit Profis, die Redding zur Genüge an der Hand hat: Seine Musiker sind die Stax-Hausband Booker T. & The M.G.’s mit ihrem Leader Booker T. Jones. Am Klavier sitzt Isaac Hayes – und die Bläsersektion besteht aus Mitgliedern von den Mar-Keys und den Memphis Horns. Die Monoversion von I’ve Bee Loving You Too Long nahmen Booker T. und seine Mitmusiker bereits im April auf, spielten für Otis Blue allerdings noch eine neue Stereoversion ein.
Als Otis Blue am 15. September 1965 erscheint, sorgt nicht nur die Musik darauf für Aufsehen, sondern auch das Cover, denn auf der Platte ist eine weiße Frau zu sehen. Es handelt sich dabei um ein Stockfoto, auf dem wohl das deutsche Model Dagmar Dreger abgelichtet wurde. Ob das kontroverse Artwork dazu beiträgt, lässt sich nicht sicher nachverfolgen, doch Otis Blue geht stolze 250.000 Mal über die Ladentheke, stürmt auf Platz eins der US R&B-Charts und mit Platz 75 knackt Redding zum ersten Mal die Top 100 der regulären US-Albumcharts. Bis heute gilt Otis Blue als Meilenstein des Genres – zum einen aufgrund der Songauswahl, zum anderen wegen Reddings gekonnter Darbietung.