Review: Der obszöne Elektropunk von „No Lube So Rude“ ist Peaches’ wichtigstes Queer-Manifest
platten20.02.26
Über zehn Jahre hat Peaches kein neues Album mehr veröffentlicht. Die Popmusik ist auch dank Vorreiterinnen wie ihr inzwischen herrlich queer geworden. Den Kampf für diese Rechte führt sie mit den obszönen, lauten, elektronischen Sexhymnen von No Lube So Rude so entschlossen wie nie. Das war nie willkommener als heute.
Wie viele Wortspiele mit Sex kann man eigentlich noch machen?
Peaches: Ja.
Die Electroclash-Göttin ist zurück. Und natürlich ist das eine feuchte, explizite, schmutzige, geile Angelegenheit. Es ist aber eben mehr als das. Und wenn es schon davor ein grober Fehler war, Peaches als Porno-Electro abzustempeln, dann doch nie so sehr wie 2026. No Lube So Rude ist ein unapologetisches Manifest für den Freak in uns. Weil es einerseits so locker, unverschämt und horny mit dem Thema umgeht, dass selbst der Riege an Brat-Popstars die Schamesröte ins Gesicht steigt. Und weil sie andererseits all jene an den Pranger stellt, die queere Rechte beschneiden wollen.
Wir brauchen Peaches
„Braucht es das noch?“, fragen da sicherlich manche. Das sind aber eben dieselben Menschen, die überzeugt davon sind, dass wir Pride Parades nicht mehr brauchen, „weil Schwule doch mittlerweile auch alles dürfen“. Fakt ist aber eben: Wir brauchen Peaches. Und wir brauchen sie mehr denn je.
Auf ihrem ersten Album seit zehn Jahren erfüllt die Electroclash-Pionierin ihre selbstauferlegte Prophezeiung, nach der sie niemals zum Mainstream kommen werde, sondern der Mainstream doch bitteschön zu ihr kommen soll. Und siehe da: Der Sapphic Pop von Chappell Roan oder Billie Eilish ist in ihrer Abwesenheit zur größten Musik des Planeten geworden. Peaches wusste eben immer schon, wie es geht.
Mein Körper, meine Entscheidung
Das beweist sie auch auf No Lube So Rude. Es ist ein Album, das so unverblümt und sexuell aufgeladen klingt wie Madonna wahrscheinlich insgeheim immer gern geklungen hätte. Es ist Punk ohne Gitarren, harter Clubsound, zu dem sie obszöne Handlungen beschreibt und mit der Welt als solche ins Gericht geht. Peaches stand schon immer für körperliche Autonomie, für freie Geschlechteridentität und es ist tatsächlich tragisch, dass diese Rechte heute zunehmend unter Beschuss geraten oder sukzessive wieder zurückgebaut werden.
Entsprechend viel Furor steckt in Songs wie dem Trap-Stakkato von Fuck How You Wanna Fuck, in dem sie mit Elon Musk und Abtreibungsgegnern abrechnet. Not In Your Mouth None Of Your Business verdankt seinen Titel einer leidenschaftlichen Rede ihres langjährigen Partners, des Künstlers Black Cracker, und wird zum ultimativen Protestsong des Albums.
Wütender Protest
Aber natürlich ist die komplette Angelegenheit ein Protest. Ein lauter, ein wütender Protest gegen all die, die meinen, über fremde Körper oder sexuelle Identitäten bestimmen zu dürfen. Da ist es eigentlich zweitrangig, dass die Kanadierin das Rad nicht neu erfindet: Elektro, Trap, Dance, Punk, es ballert, es scheppert, es kreischt. Sie schmiert es aber so herrlich mit Gleitgel ein, dass es sofort zur Sache gehen kann. Und gliedert (hihi, Glied geschrieben) dann sogar Retro-Arcade-Sounds oder eine Violine in ihre Songs ein.
Peaches’ neues Album ist eine Art Korrektiv, ein Gegengewicht zu allem, was falsch läuft in der Welt. Es ist aber auch eine unverhohlen schmutzige Sammlung von Songs, die in einer anderen Zeit einen Prozess wegen Obszönität ausgelöst hätten. Heute wird sie damit wahrscheinlich keinen Aufschrei verursachen, was aber natürlich fast ein wenig schade ist, weil sehr viele Menschen dieses Album hören sollten. Die Prüden, die Bigotten, die Heuchler, all jene eben, die Deutungshoheit für Dinge beanspruchen, die sie einfach nichts angehen. Weiter so, Peaches. Weiter so.