Review: Mit „While The Flood Rages“ vertont Max Richter die Apokalypse

Max Richter
Foto: Rory Van Millingen

Niemand erzählt Geschichten mit Klang wie Max Richter. Nach zahlreichen bewegenden Soundtracks ist das Kompositionsgenie jetzt mit den dräuenden Untergangsklängen von While The Flood Rages zurück – seiner ganz persönlichen Apokalypse.

Stürmisch und bedrohlich, aufbrausend und wogend, dann wieder ganz leise und zart: Das Universum von Max Richter ist eines der faszinierendsten, die man in der gegenwärtigen Musik entdecken kann. Max Richter komponiert nicht einfach nur. Er erschafft Klänge zwischen Traum, Erinnerung und Zeit, Musik der Sphären, der Sterne.

Die Melancholie einsamer Nächte

Max Richter ist ein Erzähler. Das macht auch sein jüngstes Werk While The Flood Rages deutlich. Seine Alben lesen sich wie Geschichten, verbinden den schwebenden Sound eines Films mit den minimalistischen Wiederholungen elektronischer Musik und dieser tiefen Melancholie, die jede:r kennt, der oder die nachts allein wachliegt. Das ist mal von hypnotischer Ruhe und mal von einer beinahe elektrisch aufgeladenen Unruhe – ein beeindruckendes Register, das der unangefochtene König der Neoklassik da mit Klavier, Streichern und elektronischen Klängen evoziert.

Wer ihn nur von Werken wie The Blue Notebook oder Sleep kennt, wird überrascht sein, wie vergleichsweise brutal er klingen kann. While The Flood Rages ist hierbei ein fantastisches Beispiel für die Vielgestalt dieses Künstlers. Richters dritte Zusammenarbeit mit dem Choreografen Wayne McGregor ist eine Auftragsarbeit für das National Ballet Of Canada und das Royal Opera House, inspiriert von Margaret Atwoods gefeierter MaddAddam-Trilogie. Dennoch, und das ist zentral, ist das hier keine von Richters Filmmusiken, sondern eher eine Hommage, die die großen Themen der Trilogie aus einer anderen künstlerischen Perspektive beleuchtet.

While The Flood Rages für Zuhause:

Wasserlose Flut

In drei Sätzen nähert sich Richter der Apokalypse, die ihm als Vorlage dient. Eine wasserlose Flut ist Thema der Bücher, eine Metapher für eine Apokalypse aus Unternehmensgier, ökologischem Zusammenbruch und Seuchen, die zum Entstehen einer neuen Form bioingenieurtechnisch geschaffenen Lebens führt. Wer jetzt denkt, dass Richter die aktuell sehr alarmistisch um KI geführten Debatten sehr clever und zeitgeistig in sein Werk einfließen lässt, wird überrascht sein zu hören, dass das Album bereits vor der Coronapandemie entstand.

Natur gegen Maschine

While The Flood Rages ist ein instrumentaler Zeuge der Apokalypse, ein Werk mit einem ganz eigenen Puls, den Richter aus dem bearbeiteten Klang von Wasser erzeugt. Er manipuliert seine organischen Klänge bewusst, um dem Ganzen etwas Maschinelles, Industrielles zu geben, doch kalt sind seine Stücke dennoch zu keinem Zeitpunkt. Hier treffen sterile Einwahltöne auf warme Klaviermelodien, orchestrale Schönheit auf pochende Industrial-Sounds. In seiner chimärenhaften Natur erinnert das ein ums andere Mal an Pink Floyd.

Das Summen der Bienen

Düster ist das alles, ziemlich düster. Das Heulen des Windes und das Summen der Bienen erscheinen da beinahe wie Relikte aus einer untergegangenen Zeit, in der wir noch die Möglichkeit hatte, der Natur in all ihrer Schönheit zu lauschen. Das ist wahrscheinlich die größte Stärke von While The Flood Rages: Das Werk lässt uns etwas schmerzlich vermissen, das noch gar nicht fort ist.

While The Flood Rises ist ein Meisterwerk, Richters einzigartige Vision. Ein eigenständiges Werk mit einer ganz eigenen Sicht auf die Menschheit und ihre Zukunftsperspektiven, ja, und dennoch eine Annäherung an Atwoods warnende Worte. Richter warnt auch. Mit Musik, die man so schnell nicht vergisst.

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