Review: So klingt das zweite Country-Album von Ringo Starr

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Foto: Scott Ritchie

Review: So klingt das zweite Country-Album von Ringo Starr

Nur ein Jahr nach seinem Country-Comeback geht Ringo Starr damit in die zweite Runde. Sein 22. Studioalbum Long Long Road klingt nach einem gemütlichen Vormittag auf der Veranda – oder nach einem 85-jährigen Beatle, der eine frühe musikalische Liebe wiederentdeckt.

Liverpools beliebtester „Peace & Love“-Missionar klingt besonders peaceful und loving, wenn er sich dem Country verschreibt – wer hätt’s gedacht? Zum Beispiel diejenigen, die sein vorheriges Album Look Up gehört haben. 2025 erfand Ringo Starr sich nämlich bereits neu, indem er mit Mitte 80 noch den Sprung in die Americana-Welt wagte. Daran hatte er sich zuvor nur 1970 auf dem Album Beaucoup Of Blues versucht und sich bald wieder poppigeren Klängen zugewandt. Doch Look Up stellte sich als sehr erfolgreich heraus, also macht der Beatles-Drummer nur ein Jahr später auf Long Long Road genauso weiter.

Hier gibt’s Ringo Starrs neues Album für Zuhause:

Fruchtendes Songwriting mit T Bone Burnett

Zentral ist auch hier wieder die Zusammenarbeit mit T Bone Burnett, dem Songwriter und Produzenten, der Ringo zum Country-Sound verhalf. Die beiden waren sich zufälligerweise bei einer Gedichtlesung begegnet, worauf Ringo vorschlug, Burnett solle ihm doch mal einen Song schreiben. Daraus wurde dann ein ganzes Album (Look Up) und nun hat Burnett für Long Long Road auch wieder sechs von zehn Songs beigesteuert.


Direkt beim ersten Track merkt man, dass das passt. Returning Without Tears stammt zwar aus Burnetts Feder, aber es klingt wie ein persönlicher Einstieg in ein Album, das Ringo Starrs Lebenserfahrungen reflektiert. So singt er hier über die Weisheiten, die er aus der Liebe gezogen hat: 

„I walk myself away now from the gamble that is love, I follow the parade I’ve known for years / Of broken-hearted angels who all warn me from above: ‘There is no path returning without tears.’“

Solche Zeilen von einem 85-jährigen Ringo Starr zu hören, das berührt irgendwie. Klar, „peace and love“ hier, All You Need Is Love da, Ringo ist ein Romantiker; dennoch darf er sich im Alter eingestehen, dass er der Liebe auch oft im Leben mal den Rücken kehren wollte.

Altersschwach klingt seine Stimme dabei nicht, nein, sie klingt immer noch sehr sympathisch und in sich ruhend, typisch Ringo. Und gerade das passt so gut zu den gemächlichen Country-Songs. Man sieht förmlich vor dem inneren Auge, wie er friedlich auf seiner Veranda sitzt, ein bisschen mit dem Hut wippt und vor sich hin singt.

Alte und neue Einflüsse

Long Long Road bleibt nicht nur bei reinem Americana, sondern schlägt mitunter auch mal rockigere Blues-Töne an. Im bereits erwähnten Returning Without Tears tritt auch immer wieder eine Sitar auf, was ein schöner Rückblick auf die Harrison-geprägten Momente der Beatles ist und obendrein den Sound gut ergänzt. Weniger passend sind die etwas zu modern und digital klingenden Chorharmonien und manche sehr glatt produzierten Gesangspartner:innen in ein paar Songs. Sauber klingt das Album auf jeden Fall, aber wir wünschen uns fast, es wäre an der einen oder anderen Stelle noch etwas rustikaler geblieben. 


Ansonsten macht die Studio-Crew ihren Job gut. The Texans, so nennt Burnett liebevoll die Nashville-Musiker:innen, die Ringo unterstützen – als Referenz auf die Raging Texans, eine Band, in der Ringo noch vor den Beatles spielte. Geigen, Pedal Steel, Mandoline, das trägt zu einem schönen Soundbild bei. Gastauftritte gibt es unter anderem von Billy Strings, der in Baby Don’t Go ein schmackhaftes Solo spielt, und sogar Sheryl Crow singt auf einem Song.

Besonders unerwartet ist St. Vincent, die auf Choose Love mitsingt. Der Song stammt eigentlich von Ringos 2005er-Album und klang damals noch rockiger und plumper. Die Neuinterpretation fällt bunter, nuancierter, ein wenig mysteriöser aus und klingt tatsächlich nach einem Song, den St. Vincent geschrieben haben könnte. Insbesondere die Slide-Gitarren und psychedelischen Flöten verleihen dem Song eine ungeahnte Coolness. Da verzeiht man auch die Beatles-Wortspiele: „The long and winding road is more than a song / Tomorrow never knows what goes on“.

Erinnerung an frühe Zeiten ohne rosarote Nostalgie

Doch Ringo Starr blickt auf Long Long Road noch früher zurück als auf Solo-Alben aus 2005 oder auf Beatles-Songtitel. Das Album würdigt auch seine musikalischen Wurzeln. Country und Americana lagen ihm schon früh am Herzen, erst durch Ringo begeisterten auch seine Beatles-Bandkollegen sich dafür. Zudem covert er auf Track 3 einen Song von Carl Perkins namens I Don’t See Me In Your Eyes Anymore. Perkins war ein wesentlicher Einfluss auf die Beatles, so gibt es auf den frühen Platten einige seiner Songs als Coverversionen – mehrere davon von Ringo gesungen. Sogar die ersten beiden Songs, die Ringo je mit den Beatles aufnahm, seien Perkins-Songs gewesen, erzählt er dem Rolling Stone. Ein sich schließender Kreis also.


Allgemein kann man das Album als eine liebevolle Geste an die frühen Inspirationen und zugleich ans Alter sehen. Das ist kein Album, das irgendwem vom Stuhl hauen muss. Es ist ein friedlicher Ringo, der simple Songs singt und auf einen langen Weg zurückblickt. „Life’s a long, long road“, bemerkt er zum Schluss. Kein tragisches Leidklagen darüber, keine rosaroten Nostalgiegeschichten, nur ein zufriedenes Nicken.

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