Review: „The Mountain“ von Gorillaz ist eine transzendente Reise durch Leben und Tod
Platten2026-02-28
Es sollte ein Album über den Tod werden und wurde nach einer Indienreise eine Feier des Lebens: Damon Albarns fiktive Band Gorillaz meldet sich mit ihrem neunten Werk The Mountain zurück. Es ist eine lebendige, farbenfrohe, tragische, wunderschöne Reise.
Mit The Mountain sind Gorillaz bei ihrem neunten Album angekommen. Und haben somit genau so viele Alben veröffentlicht wie Blur, aber eben in viel kürzeren Abständen. Das zeigt einerseits Damon Albarns ungebrochene Lust am Experiment. Andererseits, welches dieser Projekte ihn in den letzten Jahren am meisten stimuliert hat.
Die Mystik Indiens
Thematisch hat Albarn diesmal den indischen Subkontinent für sich entdeckt. Er schickt seine Cartoon-Band auf die Reise, schöpft aus einer schwindelerregenden Vielzahl von Instrumenten, musikalischen Einflüssen und Gastbeiträgen und erschafft ein verblüffendes Werk, das den bisweilen reichlich abgedroschen klingenden Terminus „World Music“ ganz neu besetzt. Gorillaz waren immer schon für ihre eklektische Art geschätzt. Doch The Mountain setzt diesem bisherigen Prozess locker die Krone auf. Teilweise wie ein Soundtrack, teilweise wie die Musik zur eigenen Erleuchtung, teilweise folkloristisch, teilweise orchestral, teilweise elektronisch und tanzbar, dabei aber nie stereotyp, übertrieben kitschig oder zu sehr Bollywood – ein Album wie die Besteigung eines Berges.
The Mountain ist euphorisch, wird teilweise von der Unschuld eines Kinderliedes getragen und dann plötzlich profund und höchst emotional. Das liegt im Kern dieses Werkes begründet: Damon Albarn und Gorillaz-Mitbegründer Jamie Hewlett verloren im Entstehungsprozess des Albums beide ihre Väter und reisten nach Indien, um diesen Verlust zu verarbeiten und Frieden zu finden. „Wenn man als Künstler nach Indien reist und das nicht überwältigend findet, dann muss man blind sein, oder?“, so Damon Albarn vor einigen Wochen im Rolling Stone. „Alles ist verrückt und reichhaltig und farbenfroh und wahnsinnig und tragisch und wunderschön.“
Mehr Meditation als Pop-Album
Es war dieser Band daher wahrscheinlich nie unwichtiger, wie erfolgreich ein Album wird. Doch in dieser neu gefundenen Ruhe, in dieser Einkehr erfinden sich Gorillaz spektakulär neu. The Mountain ist mehr Meditation als Pop-Album, erzählt nicht von der Mühsal, einen Berg zu besteigen, sondern vom Wert, sich auf den Weg zum Gipfel zu machen.
Mit auf diese Reise kommen natürlich wieder zahlreiche musikalische Gäst:innen und Freund:innen. Idles sind ebenso dabei wie Johnny Marr, Spark, Anoushka Shankar (Ravi Shankars Tochter) und Omar Souleyman auch. Aus dem Jenseits wirken auch die verstorbenen Gorillaz-Kollaboratoren wie Dennis Hopper, Bobby Womack oder David Jolicoeur mit. Besondere Ehre für ein Album über den Tod.
Weltmusik in fünf Sprachen
Nach dem eröffnenden Titeltrack, der tief hinein in Indiens Mystik führt, bietet The Mountain ein Füllhorn an musikalischen Entdeckungen. Ein wenig Funk gibt es in Moon Cave, furiosen Hip-Hop in The God Of Lying, Walzer in The Sad God und Soul in The Empty Dream Machine. Dafür reicht Englisch natürlich nicht aus, weswegen das Album abwechselnd auch in Arabisch, Hindi, Spanisch und Yoruba eingesungen wird. Diese Bergbesteigung ist eine Weltreise der besonderen Art.
Erstaunlicherweise verderben all diese Köche aber eben nicht den Brei; sie machen ihn extra köstlich. The Mountain ist ein Album, das die Liebe feiert, die man hinterlässt, und setzt den Menschen, die nicht mehr da sind, ein bewegendes Denkmal. „Man soll es von Anfang bis Ende anhören“, wünscht sich Hewlett. „Wir bitten darum, sich die Zeit zu nehmen, sich mit Kopfhörern hinzusetzen und das Album in seiner gesamten Länge anzuhören, sich die Illustrationen anzusehen und sich dann einfach in dieser Geschichte zu verlieren. Man soll sich nicht nur einzelne Songs herauspicken, sondern alles anhören. Wir versuchen, die Idee zurückzubringen, sich Zeit zu nehmen, um sich auf etwas einzulassen, anstatt dieser Kultur des Scrollens.“
The Mountain hat das wirklich verdient. Und wird beim bewussten Genuss zu einer transzendenten Reise durch Leben, Tod und Wiedergeburt.