
Ihr Weg nach vorn ist gleichzeitig ein Blick zurück: Mit den schillernden Empowerment-Hymnen von Future Nostalgia entwirft Dua Lipa die Zukunft des Pop, in dem sie die größten Momente des Genres verinnerlicht.
Im Jahr 2020 bringt Dua Lipa die Disco zurück in den Pop. Ihr zweites Album Future Nostalgia ist ein junger Klassiker, ein Meilenstein, der als Bindeglied zwischen dem Gestern und Heute der Popkultur fungiert. Ausgerechnet in einer Zeit, in der die ganze Welt in ihren ersten Lockdown abtaucht, zelebriert sie Clubkultur und lange Disconächte – ein Werk, getragen von fast schon schmerzhafter Sehnsucht.
Retrofuturismus
Fünf Jahre später ist das Album längst ein Referenzwerk für Zeitgeist-Pop mit Disco-Produktion. Da glimmert und schillert, glänzt und glitzert es wie die tausend Reflexionen einer rotierenden Discokugel. Das ist nicht nur ziemlich weit von den stylischen Electropop-Songs ihres selbstbetitelten Debüts von 2017 entfernt; es ist ein bewusster Neuanfang, ein Bruch mit dem Charakter, den man bis dato als Dua Lipa zu kennen glaubte. Wie zur Untermauerung dieser These löscht sie 2019 ihren gesamten Instagram-Content, um auch in der Welt der sozialen Medien noch mal ganz von vorn zu beginnen.
Über ein Jahr arbeitet sie an diesem Album, wandert zwischen August 2018 und November 2019 sehr tief in den Kaninchenbau ihrer eigenen künstlerischen Existenz. Lange weiß sie nicht, in welche Richtung sie sich bewegen soll, probiert mal dieses, mal jenes aus. Erst als der Albumtitel Future Nostalgia im Raum steht, arbeitet sie auf einmal rückwärts. Und erfindet sich neu. Lipa arbeitet wie entfesselt, nimmt fast 60 Songs für das Album auf, darunter unveröffentlichte Kollaborationen mit den Produzenten Max Martin, Nile Rodgers, Mark Ronson und Pharrell Williams. Sie schreibt ein Album, das klingt wie die Lieblingssongs ihrer eigenen musikalischen Sozialisation. Hauptinspirationen: Gwen Stefani, Madonna, Kylie Minogue, Moloko, Blondie und Outkast.
Der Sound ihrer Kindheit
Damit schließt sich der Kreis: Dua Lipa wird 1995 in London geboren. Ihre Eltern sind als Albanien, ihre Kindheit verbringt sie in West Hampstead. Musik dieser Künstlerinnen spielt früh eine Rolle, dennoch arbeitet sie erst als Model, ehe sie von den großen Labels entdeckt wird. Sie lädt ihre Cover von Christina Aguilera oder Alicia Keys bei YouTube hoch – und kommt Jahre später zu diesen prägenden Musikerlebnissen ihrer jungen Jahre zurück.
Future Nostalgia ist einerseits ihr musikalisches Tagebuch, andererseits federführend beim Disco-Revival im Pop. Und natürlich sagenhaft erfolgreich: Kommerziell führt das Album die Charts in fünfzehn Ländern an und erreicht die Top Ten in einunddreißig Ländern. Im Vereinigten Königreich erreicht es vier Wochen lang die Spitze der UK-Albumcharts, außerdem erhält sie ihre erste Nominierung für den Mercury Prize und gewinnt den Brit Award für das britische Album des Jahres. Bei den 63. jährlichen Grammy Awards wird Future Nostalgia als Album des Jahres nominiert und gewinnt in der Kategorie Bestes Pop-Vokalalbum. „Ich wollte etwas machen, das sich frisch und neu anfühlt“, sagt sie damals, „etwas, das eine Erinnerung berührt, das für mich nach meiner Kindheit klingt. Das auf moderne Weise neu zu erschaffen, war für mich ein absoluter Traum. Es ist definitiv ein Meilenstein in meiner Karriere.“
Tanzend in den Untergang
Chris Willman von Variety bringt es auf den Punkt, wenn er schreibt, „nachdem wir es eine großartige Disco-Platte genannt haben, könnten wir Future Nostalgia auch ein großartiges Album der MTV-Ära nennen, das zufällig nicht aus der MTV-Ära stammt.“ Nostalgie und Futurismus, gestern und morgen fließen hier zusammen. Und machen Dua Lipa endgültig zu einem der wichtigsten Popstars ihrer Zeit und Generation.
Future Nostalgia für Zuhause:
Noch mal: Das alles geschieht während des ersten Lockdowns, als die Welt in Schockstarre ist und unsere Straßen von einer apokalyptischen Atmosphäre gefüllt sind. Ich dachte mir: ‚Ich weiß doch nicht einmal, ob die Leute meine Musik gerade brauchen.‘ Ich hatte Angst, dass sie vielleicht nicht gut ankommen würde oder dass sie aufgrund des vielen Leids, das es gab, als unpassend empfunden werden würde. Dann fiel mir aber ein, dass ich dieses Album gemacht hatte, um dem Druck und den Ängsten der Außenwelt zu entkommen. Das Album machte mich glücklich und brachte mich zum Tanzen. Das überzeugte mich, dass es die Menschen vielleicht zumindest von dem ablenken würde, was gerade passiert.“ Und die Welt denkt sich damals wohl: Dann tanzen wir eben in den Untergang.