Nächstes Stammtischthema, liebe audiophile Gemeinde: Manche Vinyl spielen wir mit 45 Umdrehungen pro Minute ab – und manche mit 33⅓. Warum eigentlich? Bringt das was? Und woher kommt das eigentlich alles?
Der Drehknopf am Plattenspieler entscheidet über die Wiedergabegeschwindigkeit. Wie ein An-/Aus-Schalter hat er nur zwei Funktionen und eine Daseinsberechtigung: Er entscheidet zwischen 33⅓ und 45 Umdrehungen pro Minute. Audiophile Menschen wie die, die nun sehr wahrscheinlich diese Zeilen lesen, ziehen deswegen schon mal gern in den Formatkrieg. Aber ist das Physik oder irgendwie doch alles nur ein Mythos?
Was ist eigentlich der Unterschied?
Nun, das ist wie immer nicht so einfach. Schauen wir uns also erst mal an, wie so eine Schallplatte aufgebaut ist. In ihrem Kern ist sie letztlich nichts anderes als ein mechanisches Speichermedium. Physik, eingraviert in Kunststoff. Und damit so viel spannender als in der neunten Klasse. Die Musik auf einer Schallplatte ist als mikroskopisch kleine Schwankung in einer Rille kodiert. Die Nadel des Plattenspieles folgt diesen Rillen und wandelt Bewegung in Klang um.
Jetzt ist es natürlich eine ziemlich einfache und einleuchtende Gleichung, dass es je nach Abspielgeschwindigkeit einen grundlegenden Unterschied gibt. Dreht sich die Platte schneller, also mit 45 Umdrehungen pro Minute, kommen pro Minute auch deutlich mehr Rillenabschnitte unter die Nadel. Die Folge: Mehr Details und bessere Tonwiedergabe. Dreht sich eine Platte aber 33⅓ Mal in einer Minute um den Teller, werden weniger Informationen gelesen, was zu einer geringeren Klangtreue führt. Dafür aber zu einer längeren Spielzeit. Soweit, so klar.
Hits mit 45 rpm:
Ursprünge der Vinyl-Geschwindigkeiten
Aber woher kommt das eigentlich alles? Wann fing es an, dass wir Platten teilweise in 33⅓ und teilweise in 45 RPM abspielen? Dafür müssen wir tief in die Vergangenheit der Musik reisen. Ende der Vierziger löst Vinyl Schellack ab. Mehr oder weniger zeitgleich entstehen zwei Formate, die um die Vorherrschaft konkurrieren: Die sogenannte LP (Long Play) mit 33⅓ Umdrehungen pro Minute, die bis zu 25 Minuten Musik pro Seite und somit viel längeren, wenn auch qualitativ schlechteren Hörgenuss ermöglicht. Und die 45 Umdrehungen pro Minute, mit nur rund fünf Minuten pro Seite. Dafür aber mit sattem Sound.
Na ja, und dabei blieb es irgendwie. Studioalben und klassische Werke bedienten sich eher bei 33⅓, um Kosten gering zu halten und Doppel-Vinyl zu vermeiden, Singles oder EPs bekamen dafür die 45. Es handelt sich also lange um eine reine Marktentscheidung. Die bröckelt aber zunehmend: Audiophile Neuauflagen, die ihr zuhauf auch in unserem Shop findet, greifen immer öfter auf 45 RPM zurück, um das Klangerlebnis im Vergleich zur Ursprungsauflage zu verbessern.
Eng mit der Geschwindigkeit hängt auch das Vinylformat zusammen. Üblich sind heute 7-Inch, 10-Inch oder 12-Inch. 7-Inch ist typischerweise mit 45 RPM unterwegs, und das schon seit Ende der Vierziger. 10-Inch bietet beide Geschwindigkeiten, ist heute aber zum seltsamen Nischenprodukt geworden. Abgelöst wurde sie von der 12-Inch, heute der Goldstandard für Studioalben.
Wir hören euch, Nerds
Ganz so einfach ist es am Ende dann aber natürlich doch nicht. Wäre ja auch zu schön. Wirklich spannend (und nerdy) wird es nämlich erst bei der Rillengeometrie. Die lineare Rillengeschwindigkeit ist nämlich noch mal was ganz anderes, denn die äußeren Rillen einer Platte haben natürlich eine deutlich höhere Geschwindigkeit bei ihrer Umlaufbahn um die Plattenspielersonne als die ganz innen. Hier gilt also: Je weiter außen, desto höher ist die Klangtreue.
Warum eigentlich gerade diese Zahlen?
Eins noch, dann hätten wir’s: Diese seltsam spezifische Zahl von 33⅓ Umdrehungen pro Minute ergibt sich aus technischen Einschränkungen. Und da insbesondere aus den frühen Getriebe- und Frequenzstandards für Elektromotoren. Sie ist nicht willkürlich, sondern eher ein Kompromiss. Ach, und war da nicht auch noch irgendwas mit 78 RPM? Jau, gab’s auch, aber eher bei den alten Schellackplatten, die vor den Fünfzigern produziert wurden. Auf die passt also noch weniger Musik. Aufgepasst: Nicht jeder Plattenspieler unterstützt diese Geschwindigkeit. Aber das ist natürlich schon wieder ein ganz anderes Thema...