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Foto: Arturo Holmes/Getty Images

Living In The Sensual World: So klingt Robyns neues Album „Sexistential“

Die schwedische Künstlerin Robin Miriam Carlsson, besser bekannt als Robyn, stellt auf ihrem neuen Album das Sinnliche in den Vordergrund. Gemeint ist damit mehr als das Sexuelle – aber eben auch das. Der Albumtitel Sexistential stellt Körperlichkeit und Begehren auf eine Stufe mit dem Existenziellen. „The purpose of my life is to stay horny“, hat Robyn gesagt. Das klingt bei ihr wie eine Lebensphilosophie, nicht wie eine Provokation: ein Erkunden, das dem kreativen Prozess gleich ist, wie sie anmerkt.

Acht Jahre nach Honey meldet sich die in Stockholm geborene Künstlerin zurück, und wer eine sanfte Fortsetzung erwartet, wird angenehm überrascht. Gemeinsam mit Stammproduzent Klas Åhlund kehrt sie zum Sound ihrer Body-Talk-Ära zurück: wummernde Bässe, schimmernde Synthflächen, treibende Beats. Neun Tracks, 29 Minuten, alle toll und auf den Punkt. Elektronischer Candy-Pop mit großen Hooks, makellosen Vocals – und einer Künstlerin, die genau weiß, was sie will.

Was Sexistential dabei über ein reines Dance-Album hinaushebt, ist der Blickwinkel. Robyn schreibt nicht mehr über romantischen Schmerz, sondern über das, was sich auftut, wenn man aufgehört hat, ihn zu suchen. Sie nennt es selbst ein „deprogramming from the sect of love“ – eine Neuordnung des eigenen Lebens, in der Reproduktion, Partnerschaft und Begehren nicht mehr zwingend zusammengehören. Das klingt nach Theorie, fühlt sich auf der Platte aber körperlich an.

Sexistential von Robyn für Zuhause:

Es ist nur Dopamin

Bereits die erste Single Dopamine setzt diesen Ton: „I know it's just dopamine / but it feels so real to me“ – zwei Wahrheiten gleichzeitig, keine davon wird geopfert. Gefühle sind Biochemie. Und manche Gefühle sind trotzdem umwerfend. Das Körperliche und das Emotionale lassen sich nicht sauber trennen – das ist die Kernthese des Albums, und Dopamine destilliert sie in einen superben Pophook.

Der Titeltrack Sexistential macht das noch konkreter: Robyn rappt über Liebschaften und IVF-Behandlungen in einem Atemzug. Ihr eigenes Leben als alleinerziehende Mutter liefert dabei den Stoff – und den Widerspruch, den sie nicht auflöst, sondern bewohnt. Im taz-Interview beschreibt sie es so: „Mir Hormone zu spritzen und dann auf ein Date zu gehen – das war urkomisch und ziemlich punk.“ Dass der Liebesakt und die Familiengründung nicht zwingend zusammengehören, empfindet sie als Entlastung: „Es war wirklich befreiend für mich, den Liebesakt von der Babyproduktion zu trennen.“

Blow My Mind, ein Rework ihrer gleichnamigen Single von 2002, bekommt auf Sexistential einen völlig anderen Sinn: kein Electro-Clash-Swagger mehr, sondern Zärtlichkeit – ein Lovesong an ihren kleinen Sohn. Und auch das fügt sich in Robyns größeres Projekt ein: Musik als Raum für Gefühle, die sonst keinen Platz finden. „Musik ist für mich ein Weg, Utopien zu definieren, in denen es Platz für meine Gefühle gibt“, sagt sie im selben Gespräch.

Robyn selbst beschrieb das Album als Raumschiff, das mit hoher Geschwindigkeit durch die Atmosphäre bricht und crashlandet – eine Kollision mit sich selbst nach Jahren des Suchens. Das passt dann auch zum Dopamin: Denn jeder Rausch führt zwangsläufig in einen Crash. Sexistential weiß das, und tanzt trotzdem … oder genau deswegen.

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