Wer K-Pop liebt, muss Ambivalenzen aushalten können. Bei aller Freude über die ansteckende Musik, das euphorische Fandom und die persönlichen Lieblings-Idols merkt man nämlich auch als ergebener Fan immer wieder, dass das Business und das Fandom verstörend hart sein können. Das zeigt sich vor allem, wenn mal ein K-Pop-Idol in Ungnade fällt – und oft einfach aus der Bandgeschichte und sogar aus den Songs radiert wird. Hier kommen drei Beispiele aus der jüngeren K-Pop-Historie.
Woojin von Stray Kids
Bevor sie acht waren, waren sie neun: Die Stray Kids wurden bekanntlich in einer TV-Show gleichen Namens von der Produktionsfirma JYP gecastet. Neben den heute Charts-Rekorde brechenden und Stadien füllenden Bang Chan, Lee Know, Changbin, Hyunjin, Han, Felix, Seungmin und I.N war anfangs auch noch ein junger Mann namens Woojin dabei. Vom Debüt im Jahr 2017 bis 2019 war er Teil der Band und ist zum Beispiel auf der starken Single Hellevator zu hören.
JYP trennte sich im Oktober 2019 von ihm und kündigte Woojin den Exklusiv-Vertrag auf. Die offizielle Losung war, dass er Stray Kids aufgrund persönlicher Gründe auf eigenen Wunsch verlassen hätte. Allerdings tauchten gut ein Jahr später anonyme Vorwürfe von sexuellem Fehlverhalten im Internet auf – die Woojin dementierte. Und man merkte schon in den Wochen nach seinem Abgang, dass seine Bandmember aufgrund nicht näher genannter Vorfälle enttäuscht von ihm waren. Bandleader Bang Chan benutzte in einem Live-Stream einmal das Wort „Verrat“ – er nannte zwar nicht Woojins Name, aber das Fandom, STAY, war überzeugt davon, dass es dabei um Woojin ging.
Woojin ist noch immer als Solo-Idol unterwegs, allerdings mit moderatem Erfolg. STAYs trauen ihm bis heute nicht, und auch die Vorwürfe von damals haften ihm noch an. Die extrem erfolgreichen Stray Kids scheinen ihn auch nicht zu vermissen: Sie funktionieren bis heute als erkennbar gut zusammengewachsenes Team, reden schlichtweg nicht mehr über ihn – und nahmen sogar die erfolgreichsten Songs noch einmal ohne ihn auf. Zum Beispiel das bereits erwähnte Hellevator: Auf der Compilation SKZ2020, die eine Art musikalische Bestandsaufnahme der ersten Jahre ist, sind mehrere Stücke drauf, die noch einmal ohne seine Vocals aufgenommen wurden.
Stray Kids im Circle Store:
Kim Garam von Le Sserafim
Das sechste Mitglied der 2022 gegründeten und heute ebenfalls immens erfolgreichen Girlgroup Le Sserafim hielt sich nicht so lange wie Woojin bei Stray Kids: Kim Garam sollte eigentlich eine wichtige Rolle innerhalb der Band spielen und wurde von ihrem Label Source Music als zweites offizielles Mitglied announced.
Kaum war jedoch die Debütsingle Fearless draußen, formierte sich im Netz ein massiver Widerstand gegen sie. Viele koreanische User:innen warfen ihr „school bullying“ (also rüpelhaftes Verhalten in der Schulzeit) vor – was gemeinhin in Korea als Todsünde gilt. Was darauf folgte, war die reinste Schlammschacht: Es gab anonyme Vorwürfe, erfundene Gerüchte, aber auch vermeintlich echte Schulakten, die belegten, dass einige der Aussagen über sie zu stimmen schienen. Source Music ging zunächst sogar gerichtlich gegen die Anschuldigungen vor, trennte sich dann jedoch offiziell von ihr.
[공지] 르세라핌 향후 활동 계획 안내 pic.twitter.com/OUZBSFgjeb
— SOURCEMUSIC (@SOURCEMUSIC) July 20, 2022
Im offiziellen Statement heißt es: „Unser Unternehmen hat beschlossen, den Exklusivvertrag mit Kim Ga-ram zu kündigen. Wir entschuldigen uns aufrichtig bei unseren Fans, die der Gruppe ihre Liebe und Unterstützung entgegengebracht haben, für die Unannehmlichkeiten, die Ihnen durch die Kontroverse um das Mitglied entstanden sind. […] Le Sserafim werden ihre Aktivitäten als fünfköpfige Gruppe fortsetzen.“
Mittlerweile wird – zumindest von einem Teil der K-Pop-Fans – etwas versöhnlicher auf den Fall geschaut: Viele erinnern daran, dass es dabei hauptsächlich um Vorfälle ging, die passierten, als Kim Garam 15 oder 16 Jahre alt war. Einige sprechen heute gar von einer „Hexenjagd“.
Seunghan von Riize
Das Schicksal des 2003 geborenen Seunghan und sein Rauswurf bei der 2023 gegründeten Boygroup Riize sind vielleicht die unverständlichsten Vorfälle in dieser kleinen Liste. Riize wurden von der Produktionsfirma SM Entertainment gecastet und debütierten im September 2023 mit der ziemlich guten Single Get A Guitar.
Wenige Wochen später leakten anonyme User:innen Fotos, die aus der Zeit vor seinem Debüt stammten. Man sieht darin zum Beispiel, wie er eine junge Frau küsst oder eine Zigarette raucht. Seunghan war da zwar noch nicht Teil der Band aber schon „SM Rookie“ – so nennt sich das Trainee-Programm seines Labels. Vor allem die koreanischen und japanischen Fans waren entrüstet. Man liest ja immer, dass Idols makellos erscheinen müssen – was das wirklich bedeutet, erlebte man hier.
SM verkündete erst einmal, dass Seunghan eine Bandpause einlegen und sein Verhalten reflektieren werde. Parallel dazu veröffentlichte er einen handgeschriebenen Brief.
Diese Pause dauerte elf Monate lang – und SM Entertainment übte sich in Schweigen. Obwohl Fans und Hater gleichermaßen wissen wollten, wie es mit Seunghan weitergeht, gab es keine Infos. Bis dann plötzlich – im Oktober 2024 – verkündet wurde, dass Seunghan wiederkäme und Teil des nächsten Chapters der Band Riize wäre.
Was dann folgte, war ein tristes, aber lehrreiches Kapitel in der jüngeren K-Pop-Historie: Die Ankündigung sorgte für einen Backlash von überwiegend südkoreanischen Fans. Sie sammelten sogar Geld für eine grosse Lieferung von Trauer-Blumen und Grabschmuck, die vor der Zentrale von SM Entertainment platziert wurden. Ein Teil der Aufschrift lautete ungefähr: „Riize are six“, was auch im Internet-Fan-War der Slogan der Seunghan-Hater war, während die Gegenseite forderte: „Riize are seven“.
@kenji_kun Funeral flowers at sm entertainment riize #riize #라이즈 #kpop #smentertaiment ♬ original sound - ᴋᴇɴᴊɪ ᴋᴜᴍᴀɢᴀɪ
Die Konfliktlinie verlief dabei ziemlich exakt zwischen den japanischen und südkoreanischen Fans und den europäischen sowie amerikanischen. Während die eine Seite eine Todsünde darin sah, dass ein Teenager-Trainee verliebt ist und raucht, fragten sich die Fans in den vergleichsweise liberaleren Gesellschaften, ob diese Fans jetzt völlig verrückt geworden sind, wenn sie nicht einsehen, dass man sich als junger Mensch auch mal verlieben darf – selbst, wenn man Idol werden will.
Zumindest von Seiten der Produktionsfirma endete dieser Konflikt jedoch recht diplomatisch: Seunghan ist zwar nicht mehr Teil von Riize, hat aber vor einigen Monaten bei SM Entertainment sein Soloprojekt XngHan&Xoul gestartet und mit Waste No Time eine gute Debütsingle veröffentlicht.
Riize machen derweil zu sechst weiter und sprechen sogar in Interviews über den ehemaligen Bandkollegen – ganz ausradiert ist er also nicht. Riize-Member Anton sagte in einem Interview mit dem Magazin People, die Band sei froh zu sehen, dass es ihm gut gehe.
Shotaro ergänzte: „Wir laufen uns gelegentlich in der SM-Zentrale über den Weg und unterstützen uns gegenseitig. Wir begrüßen uns jedes Mal sehr herzlich.“ Beide Parteien hätten diese Situation überwunden, und die Gruppe sei sich bewusst, dass jedes Team zwangsläufig „toughe Zeiten“ durchleben müsse. „Zum Glück geht es uns gut, und ihm geht es gut“, sagte Anton zum Schluss. Wir hoffen mal, dass das stimmt: Die Aufnahmen, wie sich Seunghan heartbroken die Trauerblumen vor der SM-Zentrale anschaut, haben wir noch immer nicht überwunden …