Für die Post-Punk-Band Dry Cleaning ist es mit ihrem neuen Album Secret Love an der Zeit, Neues auszuprobieren: extremer, gefühlvoller und dennoch absurd. Wie das alles mit Freundschaft und Kunststudium zusammenhängt, erklären Tom Dowse und Nick Buxton im Interview.
Die Flügel ausbreiten
Songs über Personen, die Kreuzfahrtschiffe designen oder eine Ode an verbranntes Essen schreiben – wer sich schon mal mit der Band Dry Cleaning befasst hat, sollte von solchen obskuren Geschichten nicht zu überrascht sein. Stories wie diese serviert das britische Post-Punk-Quartett auch wieder auf dem neuen Album Secret Love. Ungewöhnliche Texte sind aber nur eine Facette dessen, was Dry Cleaning so gut schaffen: ein Gefühl zwischen Monotonie und Absurdität.
Auf Secret Love wirkt das Ganze noch drastischer, es schwebt nun eher zwischen Ruhe und unguter Vorahnung, zwischen Lässigkeit und Alarmiertheit. Auch Gitarrist Tom Dowse sieht das neue Album als Steigerung ihres Stils: „Wir wollten mehr Extremes in unsere Musik einzubringen: also dunkler oder lauter und härter; aber auch leichter, zarter, weicher, mehr Raum.“
Das äußert sich in punkigen Grooves oder düsterem Gitarrenlärm, aber eben auch in sanften, fast folkigen Momenten. Dowse erklärt, „die Flügel auszubreiten“ sei das Ziel gewesen. „Beim ersten Album ist es schwierig, weil so viel in die Produktion einfließt, so viel, was man tun möchte. Beim zweiten Mal hat man etwas mehr Zeit, um das zu tun. Und beim dritten Mal hat man mehr Zeit, um verschiedene Dinge auszuprobieren. Ich denke, all die Dinge, die wir tun, wollten wir wahrscheinlich schon beim ersten Mal machen, aber es fehlte einfach die Zeit oder der Platz.“
Neuer gesanglicher Ansatz
So sachte, liebliche Atmosphären wie im Titeltrack präsentierten Dry Cleaning zuvor selten. Eine entscheidende Neuerung daran ist, dass Florence Shaw ihre Texte nun öfters auch mal singt und nicht nur monoton vorträgt. Shaw wollte sich herausfordern, auch wenn ihr lethargischer Sprechgesang ein typisches Merkmal der Band ist. Und selbst das musste sich in den Anfangstagen erst entwickeln, wie sich Schlagzeuger Nick Buxton an die erste gemeinsame Probe mit Shaw vor vielen Jahren erinnert: „Sie saß dort für bestimmt eine Stunde mit diesen Texten vor sich und versuchte, den Mut aufzubringen, sie einfach darüber abzulesen. Am Ende tat ich es zuerst, Tom und Lewis spielten und ich las ein paar ihrer Worte vom Blatt ab. Und sie meinte: ‚Oh ja, das hört sich eigentlich ganz gut an.‘“
Buxton zieht daraus das Fazit: „Wenn man etwas aus seinem Inneren heraus tut, ist es manchmal schwer zu wissen, ob es gut oder schlecht ist. Aber im Laufe der Jahre haben wir das, was wir tun, verfeinert und besser verstanden.“
Jeff Tweedy und Kreuzfahrtschiffe
Auch musikalisch wollte die Band sich dieses Mal in verschiedene Richtungen treiben lassen, weswegen Schreib- und Aufnahmesessions in unterschiedlichen Studios mit unterschiedlichen potenziellen Produzent:innen stattfanden. Darunter landeten sie auch im persönlichen Studio der Band Wilco. Dowse erzählt von Besuchen des Wilco-Frontmanns: „Jeff Tweedy kam oft vorbei und sagte Dinge wie: ‚Ich liebe eure Band wirklich. Ich finde es toll, dass ihr alle Freunde seid. Ich liebe euren Vibe.‘ Er war so wholesome und beruhigend; das hat definitiv geholfen, Dinge wie Let Me Grow And You'll See The Fruit zu schreiben. Oder die humorvollen Aspekte von Songs wie Half Pint.“
Humorvoll ist Secret Love auf jeden Fall geraten. Großartige Zeilen wie „You talk like a greetings card, but I admire you and your family vibe“ schmücken die Songs; vor allem aber liefert Shaw wieder ausgefallene Charakterporträts. Man denke an den eingangs erwähnten Song Cruise Ship Designer: ein Song über eine Person, deren Job es ist, Kreuzfahrtschiffe zu entwerfen. Sie mag zwar keine Kreuzfahrtschiffe, sieht ihre Arbeit aber als nützlich für andere an. Anonym, ohne Leidenschaft, aber verzweifelt auf der Suche danach, einen Zweck in der Gesellschaft zu erfüllen. Ähnlich ungewöhnlich ist Evil Evil Idiot, in dem das lyrische Ich erklärt, wie sehr es Essen im verbrannten Zustand genießt, weil es ihm so ein besonderes Gefühl gebe. Ein Drang nach ungesundem Verhalten, nur um einen Kick zu bekommen, trifft auf viele Dinge in unserem modernen Leben zu.
Reibung durch andere Denkweisen
Die Stimmung, die dadurch in Kombination mit Shaws ruhigem Gesang und den Post-Punk-Instrumentals entsteht, wirkt, als würde man versuchen, in einem chaotischen Umfeld ruhig zu bleiben. „Klingt ein bisschen wie unsere Leben“, lacht Buxton auf diese Beschreibung hin. Er stimmt aber zu: „Wir versuchen oft, die Musik und die Texte gegeneinander auszuspielen. Das ist wie ein grundlegender Mechanismus dafür, wie Dry Cleaning funktioniert: ein wenig Reibung oder Kontrast zwischen diesen beiden Elementen erzeugen.“
Thematisch beschreibt Dowse das Konzept des Albums wiederum eher als: „versuchen, in einer unmenschlichen Welt menschlich zu bleiben. Denn alles, was auf der Welt vor sich geht, basiert in gewisser Weise auf Spaltung und Entmenschlichung der Menschen, um politischen Gewinn zu erzielen, Geld, Ressourcen.“
Die Reibung, die Buxton in der Musik der Band beschreibt, rührt vielleicht auch daher, dass Florence Shaw vor Dry Cleaning kaum musikalische Erfahrungen hatte – obwohl sie eindeutig ein musikalisches Gehirn habe, so Dowse. Dadurch habe Shaw keine Vorurteile, wie man Musik schreiben oder performen solle. Und dieser Ansatz macht Dry Cleaning so erfrischend.
Buxton erzählt: „Lewis und ich haben Musik studiert und Flo und Tom beide Kunst. Ich habe viel Musik mit Leuten gespielt, die eine Kunstschule besucht haben, aber Flo und Tom sind mehr bereit, das in das Projekt einzubringen. Es ist nur eine Denkweise darüber, was man produziert – es spielt keine Rolle, ob es visuell ist, ob es sich um Musik oder was auch immer handelt.“
Vier hörbare Charaktere
Jede:r in Dry Cleaning habe eine sehr unterschiedliche musikalische Persönlichkeit, und das passe eher aus Zufall gut zusammen, meint Dowse. „Meiner Meinung nach ist es wichtiger, Persönlichkeit in das zu bringen, was man tut, als etwas Technisches. Wenn man als Künstler oder Musiker heranwächst, möchte man bessere Wege finden, sich selbst zu erklären oder sein Innenleben zu beschreiben. Dry Cleaning ist großartig, da es kaum Überschneidungen gibt. Man hat das Gefühl, dass alle Vier zu hundert Prozent ihren Anteil am Sound haben.“
Er erklärt weiter: „Und das mag ich an einer Band wie dieser, weil es mich zum Nachdenken bringt: Ich möchte mehr von mir selbst einbringen. Ich möchte in dieser Band nicht nur die Dinge tun, von denen ich weiß, dass ich sie kann. Denn das meiste, was ich höre, ist Metal oder Noise oder Ambient-Musik – aber ich liebe auch Fingerpicking-Gitarren. Also werde ich versuchen, das einzubringen. Und weil jede:r empfänglich dafür ist, sagt niemand von uns: ‚Das klingt nicht nach uns!‘ Es geht nicht um technische Dinge oder wie man Songs schreibt, sondern um vier Charaktere. Und ich glaube, das ist der Grund, warum die Leute Dry Cleaning mögen.“
Dafür muss man sich gegenseitig verstehen und respektieren, aber das habe die Band in ihren acht Jahren Bestehen immer mehr gelernt: „Was ist unsere Band, wenn nicht einfach unsere Freundschaft? Das ist der Hauptgrund, das zu tun“, meint Buxton. „Man gewinnt als Band an Selbstvertrauen und hat das Gefühl, musikalisch noch stärker in diese Bereiche vordringen zu können. Wenn jemand sagt: ,Ich denke, wir sollten dies oder das tun‘, dann vertraust du ihm mehr und beginnst zu wissen, was seine Absichten sind. Es ist eine Zusammenarbeit und man muss Kompromisse eingehen. Und man kann nur dann wirklich Kompromisse eingehen, wenn man sich wirklich gut kennt und liebt.“ Deshalb sehen Dry Cleaning Secret Love als bisher deutlichsten Ausdruck ihrer Freundschaft.