Interview mit Alex Gaskarth von All Time Low: 20 Jahre Basement Noise, Shenanigans und Pop-Punk-Legacy
popkultur06.02.26
Was im Jahr 2006 mit Coffee Shop Soundtrack begann, lässt All Time Low auch 2026 noch in ausverkauften Hallen weltweit ihre Fans begeistern. Seit 20 Jahren liefert das Quartett aus Baltimore zuverlässig den Soundtrack für angsty Teens und erwachsen werdende Millennials.
Am 17. Oktober 2025 erschien das zehnte Album Everyone’s Talking. Jetzt sind All Time Low auf Everyone’s Talking! World Tour mit über 30 Stopps, im Gepäck Taylor Acorn und Mayday Parade sowie Four Year Strong, The Cab und The Paradox. Wir haben in Hamburg mit Sänger Alex Gaskarth über das neue Album, die Tour und die klassische All-Time-Low-DNA gesprochen.
All Time Low: Jedes Album ein Anbau
Alex vergleicht die Band mit einem alten Haus: Die Grundstruktur, die sei immer die gleiche, aber bei jedem neuen Song und jedem neuen Album bauen sie etwas dazu; einen neuen Raum zum Beispiel, oder dekorieren alles ein kleines bisschen neu. Aber es bleibt immer das gleiche Gebäude.
All Time Low gehen also im Songwriting und in der Produktion immer mal wieder neue Wege, probieren sich kreativ aus, wagen sich aus ihrer Komfortzone und doch bleibt die fundamentale All-Time-Low-DNA immer da. Weil es eben Alex Gaskarth, Jack Barakat, Rian Dawson und Zack Merrick sind, die All Time Low ausmachen. Alex sagt dazu: „Letztendlich sind wir immer noch die, die wir sind. Und wir vier machen diese Band zu dem, was sie ist. Ich glaube, das ist etwas, das mittlerweile tief in unserem Wesen verwurzelt ist. Deshalb fühlt es sich am Ende immer irgendwie wie die richtige Welt an.“
Gleiches gilt für den Scale der Touren: Von vier Jungs, die ein wenig Basement Noise machen, zu einer Band, die weltweit erfolgreich ist, Stadien ausverkauft und Welttourneen spielt. Über dreieinhalb Millionen Alben hat die Band allein in den USA verkauft, mit fünf aufeinander folgenden Alben in den Top 10 der Billboard Top 200. So Wrong, It’s Right gehört laut Rolling Stone zu den 50 besten Pop-Punk-Alben – die Liste könnte noch einen ganzen Moment so weitergehen. Dabei bringt die Band laut Alex seit jeher den gleichen Ethos mit an den Start, jetzt vielleicht ein bisschen polierter als noch vor zwanzig Jahren. Und doch führt alles immer wieder zurück zum Kern von All Time Low: Vier Jungs, dann Männer, die persönlich und musikalisch einfach klicken und die Band zu dem machen, was sie heute ist und schon vor zwanzig Jahren war. Spannend wird es laut Alex aber, wenn die Setlist für die Tour konzipiert wird. Mit zehn Alben im Gepäck fällt die Entscheidung, welche Songs im anderthalbstündigen Set landen, gar nicht mehr so leicht – vor allem wenn da vier Leute sind, die alle ihre Lieblingssongs haben und spielen wollen.
Der Wechsel zu DIY
Mit Everyone’s Talking geht die Band vor allem intern neue Wege: So ist es das erste Album von All Time Low, das selbst produziert und auf dem 2024 selbst gegründeten Record Label Basement Noise Records self-released wurde. Mit diesem Schritt eröffneten sich nicht nur eine ganze Liste neuer Aufgabenbereiche und To Dos, sondern eben auch eine völlig neue Möglichkeit der kreativen Entfaltung.
Das hatte auch zur Folge, dass Alex für die Musikvideos (wieder) auf dem Director-Stuhl Platz nahm und den Songs ein visuelles Pendant verpasste. Dazu holte er sich Kolleg:innen an den Start, die ihm dabei halfen, seine Vision für die Videos zum Leben zu erwecken. Für ihn das Beste aus beiden Welten: Er hat die Möglichkeit, aktiv in den Schaffensprozess des Videos einzugreifen und mit der Wahl seiner Produktionspartner:innen gleichzeitig sichergestellt, dass seine Vision bestmöglich technisch umgesetzt werden kann.
Die Vision für all things Video hat Alex dabei meist, wenn der Song schon steht – aber manchmal formt auch ein kleiner Moment im Studio das spätere Musikvideo. So geschehen zum Beispiel bei SUCKERPUNCH: Hier scherzte die Band im Studio, dass das Riff klingen sollte, als würde man Motorrad fahren. Dieser Gedanke ist dann, als es in Richtung Videoproduktion ging, kleben geblieben, wie wir hier sehen:
Alben schreiben wie Bücher lesen
All Time Low waren schon immer Meister der verschiedenen Töne: laut, leise, ernst, ironisch, zynisch, verständnisvoll, Punk, Pop, akustisch, rau und ausproduziert. Auch auf Everyone’s Talking finden aufmerksame Hörer:innen eine Bandbreite an Sounds, von leisen Tönen bei Goodnight, C'est La Vie bis hin zum klassischen Pop-Punk-Gewitter bei Butterflies. Alex meint dazu: „[It] Runs the gamut“ – das Album bietet also wirklich das volle Spektrum. Wenn es um die Zusammenstellung der Tracklist eines Albums geht, sieht die Band das Werk, wie sollte es anders sein, holistisch – und hofft, dass auch viele Zuhörer:innen Alben heute noch ganz durchhören (Liebe Lesende, bitte hört damit nicht auf). Das Zusammensetzen eines Albums fühlt sich für All Time Low deshalb ein Stück weit wie das Lesen eines Buches an – und genau da kommt die Dynamik ins Spiel: Es geht darum, Höhen und Tiefen einzubauen, Spannungen und Entspannungen. Das Album soll ein rundes Hörerlebnis bieten und die Zuhörenden zufrieden zurücklassen – als in sich schlüssige Einheit. Goodnight, C’est La Vie bildet dabei laut Alex ein Intermezzo zwischen den Albumhälften – ein ruhiger, fast wie ein Gute-Nacht-Lied anmutender Einschnitt zum Durchatmen.
Das Thema Dynamik funktioniert auf Everyone’s Talking von Anfang an: Wir starten mit [cold open], einem entspannten Akustik-Track, der den Ton für das Album setzt und ganz nahbar und intim klingt. Abgelöst wird der Song von einem Uptempo-Track im seit 2017 etablierten Sound. Everyone's Talking holt uns mit klassischen Pop-Punk-Figuren vor die Bühne und auf die Tanzfläche. Da bleiben wir für SUCKERPUNCH auch direkt, nur die Gitarren werden bouncier. War der Zynismus beim vorherigen Song noch zwischen den Zeilen, bricht er hier mit schelmischem Grinsen und Dur-Akkorden durch. Und auch sonst hat das Album alles, was ein gutes All-Time-Low-Album braucht: Nachdenkliche Momente, „Fuck It, Let’s Roll With It“-Attitüde, (Selbst-)Ironie und einen Song für fast jedes Gefühl. Während man bei Butterflies die nächste Möglichkeit zum Crowdsurfen sucht und hofft, seine Vans nicht zu verlieren, liefern All Time Low mit Oh No!, Cigarettes & Sabotage und Falling For Strangers Hymnen, die bei geöffneten Fenstern und zu laut aufgedrehtem Radio herausgeschrien werden wollen. Ein bisschen langsamer wirds bei Different Languages, ein Song, bei dem man den Herzschmerz nochmal ganz anders fühlen kann, bevor man sich mit The Weather ein bisschen zynischem Leichtsinn hingeben kann. Textlich sind All Time Low auch mit den Jahren mitgewachsen: Immer noch mit dem Herz auf der Zunge und einem schiefen Grinsen im Gesicht finden sie auch 2026 noch die richtigen Worte für die kleinen und großen Krisen des jetzt nicht mehr ganz so jugendlichen Lebens ihrer Fans.
Ein Album fürs (aufgedrehte) Autoradio
Und wo könnte man so ein Album besser genießen als bei einem Sunset oder Night Drive? Das ist laut Alex das ideale Listening-Szenario für Everyone’s Talking. Aber bitte schön aufdrehen, Alex sagt nämlich: „Ich finde, unsere Musik hat sich schon immer gut dafür geeignet, laut gespielt zu werden.“
Davon konnte man sich auch bei der Show in Hamburg überzeugen. Über anderthalb Stunden ging es mit All Time Low durch ihr Oeuvre, von Weightless über Hate This Song (bei dem Alex seine Shout-Skills unter Beweis stellte, Respekt!) bis Little Bit führte die Band, gespickt mit Augenzwinker-Ansagen zwischen Jack und Alex, durch den Abend. So souverän und durchgetaktet die Produktion auch war, war in jeder Sekunde spürbar, wie viel Spaß All Time Low am Live-Spielen haben. Auch die Stimmung in der Crowd war ausgelassen bis heiter, viele der Besucher:innen sind schon seit den 2010er-Jahren am Start und somit mit All Time Low mehr oder weniger erwachsen geworden. So weicht zwar der klassische Emo-Pony von 2009 dem Taper Fade und die Röhrenjeans den Carhartt Pants, die Musik aber bleibt. Klassentreffen der Scene-Kids, quasi. Und spätestens bei Lost In Stereo waren dann auch die Tanzschuhe (Vans natürlich, was habt ihr denn gedacht) fest geschnürt und ready to rumble.
Übrigens: Wir haben Alex gefragt, was ein musikalischer Tipp ist, den er bekommen hat, und völlig zurecht ignorierte. Er sagte, dass er jeglichem Musikunterricht ausgewichen ist und das heute (manchmal) ein wenig bereut. So würde er gern besser Klavier spielen können oder ein besseres musiktheoretisches Verständnis haben. Heute vertraut er da oft seinen Instinkten. Wir finden: Das macht er ehrlich gesagt auch ohne klassischen Unterricht ganz wunderbar.