Featured Image
Foto: Palace Creek

Review: Joji macht aus „Piss In The Wind“ eine Reise in Fragmenten

Bitte Zählermarke einfügen

Joji hat ein Talent dafür, Melancholie in kleine, flüchtige Momente zu packen. Genau darin liegt auch die Kraft seines neuen Albums Piss In The Wind. Zwischen digitalen Bruchstücken, zarten Hooks und leiser Intimität entsteht ein Sound, der sich anfühlt wie eine verschwommene Erinnerung: nah, aber nie ganz greifbar. 

Ambitionierter Einstieg

Beim Blick auf die Tracklist wird schnell klar: 21 Songs sind für ein Album ungewöhnlich umfangreich. Piss In The Wind ist der Nachfolger von George Kusunoki Millers (alias Joji) Erfolgsalbum Smithereens (2022), auf dem mit Glimpse Of Us einer seiner größten Hits zu finden ist. Entsprechend hoch waren die Erwartungen an eine Fortsetzung in der Joji-Diskografie. 

Schon der Einstieg mit Pixelated Kisses wirkt entschlossen und selbstbewusst. Die ersten Minuten machen deutlich, dass Joji hier nicht auf schnelle Wiedererkennbarkeit setzt, sondern auf Atmosphäre, Spannungsaufbau und künstlerische Tiefe. Man hört ein Album, das sich Zeit nimmt, Räume zu öffnen und gleichzeitig neugierig macht, wohin diese Reise führt. Auch wenn kaum ein Song die 3-Minuten-Marke erreicht.

Zwischen Lo-Fi und Weite

Im Sound bewegt sich das Album weiterhin im Spannungsfeld aus Lo-Fi-Pop, R&B und elektronischen Elementen, erweitert dieses Spektrum jedoch spürbar. Cigarette etwa überrascht mit schweren Bässen und einem monotonen, fast gesprochenen Flow, der zunächst irritiert, aber die Grundstimmung des Albums setzt: reduziert, kühl und kontrolliert.

Kurz darauf entfaltet sich mit Last Of A Dying Breed ein emotionalerer Moment. Treibende Beats und flächige Synths erzeugen ein Gefühl von Größe, fast so, als würde man sich mitten in einer Arena wiederfinden. Der Track fühlt sich füllend an und nimmt sich den Raum, den er braucht. Mit Love You Less folgt ein zugänglicherer Abschnitt. Percussion und Gitarre rücken in den Vordergrund, während die zentrale Zeile „If I love you less / will you love me more?“ die typische Joji-Thematik aus Sehnsucht und Unsicherheit auf den Punkt bringt. Der Track wirkt bewusst single-tauglich und bildet einen sanften Kontrast zu den experimentelleren Momenten davor.

Reduktion als Stilmittel

Besonders spannend ist, wie konsequent Joji mit Reduktion und Kürze arbeitet. Kaum überraschend für einen Künstler, der sich lange vor seiner Karriere als melancholischer R&B-Acts im Internet einen Namen gemacht hat: Als Meme-Pionier verstand er früh, wie man in wenigen Sekunden maximale Wirkung erzielt. Dieses Gespür zieht sich bis heute durch seine Musik durch kurze, prägnante Momente, die treffen und nachhallen: If It Only Gets Better dauert kaum länger als eine Minute und fühlt sich wie ein frühes Interlude an. Ruhig, aber nicht belanglos. Diese kurzen Stücke ziehen sich durch das Album und sorgen dafür, dass Piss In The Wind trotz seiner Länge zunächst erstaunlich schnell vorbeizieht. 

Auch Love Me Better setzt auf Minimalismus: Ein Klavier-Intro wird schnell von einem Basslauf gebrochen, während die Vocals mehrere Ebenen übereinanderlegen und so eine unterschwellige Spannung erzeugen. Hier zeigt sich die Stärke des Albums. Es besicht weniger durch große Hooks, sondern durch feine Texturen und Stimmungen. Mit Piece Of You (feat. Giveon) erreicht das Album einen seiner gefühlvolleren Höhepunkte. Der souligere Ansatz bringt Wärme in die ansonsten oft kühle Klangwelt. Es sind solche Momente, in denen Joji besonders greifbar wirkt.

Brüche und Wendungen

In der Mitte des Albums verspricht sich die Struktur zunächst zu verschieben und wirkt vertraut. Past Won’t Leave My Bed greift die melancholische Intimität auf, die man von Glimpse Of Us kennt, und wirkt fast wie ein stilistischer Ankerpunkt. Hier scheint das Album kurz innezuhalten. Es kreiert einen Moment, der die emotionale DNA von Joji klar hervorhebt.

Doch direkt danach wird es wieder fragmentierter. Einige Tracks wirken eher wie Übergänge, andere setzen bewusst auf Kontraste. Besonders auffällig ist Sojoburn: verzerrt, laut und elektronisch, fast schon aggressiv. Dieser plötzliche Ausbruch durchbricht die bis dahin eher zurückhaltende Atmosphäre. Auch Fragments (feat. Don Toliver) bleibt hängen. Der Song wirkt cineastisch, dicht und emotional aufgeladen. Einer der stärksten Momente im späteren Verlauf des Albums. Hier fügt sich alles zusammen: Stimmung, Produktion und Melodie.

In kurzen Wegen

Je weiter das Album fortschreitet, desto stärker merkt man jedoch auch seine Länge. Nach der Hälfte schleichen sich Passagen ein, die sich repetitiver anfühlen. Einige Tracks wirken eher wie Zwischenstationen als klare Höhepunkte. Das mindert nicht die Qualität der Produktion – die bleibt durchgehend hoch, sorgt aber dafür, dass der Fluss stellenweise ins Stocken gerät.

Gleichzeitig verstärkt aber auch genau das den Eindruck, dass Piss In The Wind als Gesamterlebnis gedacht ist. Es fühlt sich weniger wie eine Sammlung einzelner Songs an, sondern wie eine lange, atmosphärische Reise. Am Ende steht mit Dior ein beinahe poetischer Abschluss, der das Album leise und gefühlvoll ausklingen lässt.

Fazit

Piss In The Wind ist ein ambitioniertes, vielschichtiges Album, das Joji als Künstler weiter öffnet. Die Mischung aus kurzen Skizzen, treibenden Tracks und emotionalen Balladen sorgt für Dynamik und Abwechslung. Gleichzeitig macht die Länge das Projekt stellenweise etwas zäh und nicht jeder Moment trägt das gleiche Gewicht.

Trotzdem bleibt der Eindruck eines Albums, das bewusst als Erlebnis konzipiert ist. Es zieht einen hinein, lässt einen durch unterschiedliche Stimmungen treiben und entlässt einen am Ende wieder, fast so, als wäre man durch eine persönliche, klanggewordene Gedankenwelt gegangen.

Weiter stöbern im Circle Mag: