Mit KONNAKOL legt der ehemalige One-Direction-Sänger ZAYN sein neues Album vor. Wir haben reingehört – und werfen auch mal einen Blick darauf, was Konnakol eigentlich ist.
Konnakol ist eine jahrhundertealte südindische Vokaltechnik aus der karnatischen Musiktradition. Musiker sprechen oder singen rhythmische Silben – ta, ki, ta, dhi, mi – im exakten Tempo und mit präzisen Akzenten. Das hat einen doppelten Zweck: Konnakol dient einerseits als eigenständige Performance, in der die Stimme die Trommel ersetzt und der Körper selbst zur Perkussion wird. Andererseits, und das ist der eigentliche pädagogische Kern, ist es ein Werkzeug zum Denken in Rhythmus. Komplexe Zählzeiten, Polyrhythmen und ungerade Takte werden über die Silben hörbar gemacht, gesungen, verstanden und memoriert, bevor sie überhaupt auf einem Instrument gespielt werden. Konnakol ist also gleichzeitig Sprache, Notation und Vortragsform – ein mathematischer Gesang.
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Große Geste, was steckt dahinter?
Es ist eine große Geste, ein westliches Pop-Album nach dieser Kunstform zu benennen. ZAYN hat für sein fünftes Soloalbum genau das getan. Und er meint es ernst. Konnakol, am 17. April 2026 über Mercury Records erschienen, umfasst fünfzehn Tracks und markiert den Nachfolger von Room Under the Stairs aus dem Jahr 2024.
Wer jetzt allerdings ein rhythmisch unfassbar komplexes Polyrhythmik-Pop-Experiment erwartet: mal halblang. ZAYN verarbeitet einige Einflüsse, die im aktuellen Charts-Pop vielleicht etwas ungewöhnlich sein mögen – am Ende bleibt KONNAKOL aber ein Pop- und kein Weltmusik-Album. Der Titel ist weniger Versprechen als Wegweiser, weniger Konzept als Kompass.
Nusrat als Verbeugung
Dass ZAYN diesmal tiefer in die eigene Biografie greift, zeigt schon der Opener Nusrat. Der Titel ist eine Verbeugung vor dem legendären Qawwali-Sänger Nusrat Fateh Ali Khan, einer zentralen Figur der pakistanischen Musikgeschichte und erklärten Referenz in ZAYNs Katalog – bereits auf dem Debüt Mind of Mine (2016) widmete er Khan den Urdu-Track Intermission: Flower. Dass er das Album nun mit einem Stück dieses Namens eröffnet und die Konnakol-Silben zum rhythmischen Fundament erklärt, ist mehr als Dekor: Rhythmus als Identität, Stimme als Instrument. Produzent Malay, seit Channel Orange von Frank Ocean eine Instanz für atmosphärischen R&B und seit ZAYNs Solodebüt an dessen Seite, steht auch hier für jene kühle, nachtschwarze Ästhetik, die ZAYN besser kleidet als jeder Stadionpop.
Das Herzstück ist Fatal. Eine clubtaugliche Nummer, in der ZAYN englische Strophen mit einem südasiatischen Post-Chorus verflicht – einer mantraartigen Zeile, die sich durch Refrain und Outro zieht. Genau hier wird das Versprechen des Albumtitels zum klingenden Ereignis: Die Silben tragen das Stück, nicht nur das Cover. Der Kontrast zwischen zögernder englischer Strophe („I’ve been a little stupid, might go a little dumb“) und repetitivem Refrain ist die eindringlichste musikalische Geste, die ZAYN bislang aufgenommen hat.
Klassisches Pop-Handwerk
Daneben setzt Konnakol auf klassisches Pop-Handwerk. Die Single Sideways ist ein Midtempo-Stück, in dem ZAYNs Falsett – seit jeher sein markantestes Instrument – den Refrain trägt. Betting Folk arbeitet mit einem Gitarrenmotiv, das in die Nähe von The xx rückt. Used to the Blues steht für rohe Stimmkraft, Breathe für zerbrechliche Höhen. Die for Me, die erste Single und zugleich Schlussstück der Platte, ist einer der stärksten Momente des Albums – ein Finale, das ZAYN als das ausweist, was er in der 1D-Generation immer war: der stimmlich Begabteste.
Konnakol ist kein Weltmusik-Experiment und keine Pop-Revolution. Aber es ist das erste ZAYN-Album, auf dem der Künstler hörbar an einem Ort ankommt, den er sich bei seiner Spurensuche selbst kartografiert hat: britisch, pakistanisch, nachtaktiv, verletzlich. Die Geste des Titels wird nicht auf jedem Track eingelöst – doch in den Momenten, in denen sie es wird, verahnt man, was als nächstes möglich wäre.