Featured Image
Foto: Adrian Nieto

Review: Vince Staples blickt auf „Cry Baby“ dem Rassismus der USA ins Auge

Vince Staples bringt seine Rap-Skills mit Cry Baby gekonnt in die Rock-Welt. Dieser düsterere Sound untermalt bissige Beobachtungen über Polizeigewalt, Paranoia und einem vorgegaukelten amerikanischen Traum. Eine der schonungslosesten Platten des Jahres.

Galgenhumor in einer brennenden Welt

„Die Frage ist also nicht, ob wir Extremisten sein werden, sondern welche Art von Extremisten wir sein werden.“ Dieses Zitat stammt von Martin Luther King Jr., tauchte zuletzt aber in einem Musikvideo von Vince Staples auf. Dort sah man, wie aus der Ego-Shooter-Perspektive reihenweise Schwarze Menschen erschossen wurden und auch Vince Staples höchstpersönlich mit der Pistole im Gesicht flehte: „Promise me you won’t gun me down“ – vergebens. Bei all dem im Video vergossenen afroamerikanischen Blut dafür noch einen Songtitel wie Blackberry Marmalade zu wählen, das erinnert zum einen an Kendrick Lamars Botschaft „The blacker the berry, the sweeter the juice“ und zeigt zugleich Staples‘ bitteren Humor. Es scheint, als sei dieser Humor das Einzige, was ihm in solchen Zeiten bleibe.

Mit einem Song und Video wie diesem konnte man ahnen, dass Vince Staples die aktuellen politischen Zuspitzungen nicht auf sich ruhen lassen würde – ebenjene extremistischen Entwicklungen, die Martin Luther King Jr. prophezeit hatte. Cry Baby kündigte Staples als Album an, das erscheint „während die Welt in Flammen steht“. Die Flammen, denen sich Vince Staples nun widmet, sind: Rassismus, Ausnutzung, Gewalt, mediales Framing und das Leben in den USA. Dazu prangt ein heulendes Trump-Baby auf dem Albumcover.

Cry Baby und mehr von Vince Staples auf Vinyl:

Empowerment und Unterdrückung

Nachdem Blackberry Marmalade den grimmigen Ton vorgibt, geht es ähnlich düster weiter: Go! Go! Gorilla, das klingt zunächst wie ein motivierendes Anfeuern, entpuppt sich letztendlich aber als Verfolgung von People of Color. Polizeigewalt hat Vince Staples schon als zwölfjähriger Junge erlebt, wie er hier erzählt, und immer noch fühlt er sich, als würde der Staat ihn eher als entflohenen Affen sehen. Diese Botschaft verdeutlicht das Outro, in dem Affengeschrei und Polizeisirenen übereinandergelegt werden – die gewalttätigen Bilder im Kopf bauen sich ganz von selbst auf.

Ein ähnliches Motiv nutzt der Rapper in The Big Bad Wolf. „Drop that noose, you should be swingin‘ in the jungle, black man“, rappt er da mit hervorragender Doppeldeutigkeit: Die sprechende Person sieht den Schwarzen Mann zum einen als wilden Affen, der sich an Lianen durch den Dschungel hangelt; zum anderen wünscht er sich, dass er erhängt wird.

Rock-Ausflug mit durchgehenden Ohrwürmern

Dass Vince Staples ein großartiger Texter ist, hat er schon oft genug bewiesen. Auf Cry Baby zeigt er dies wieder, aber ohne es einem ins Gesicht zu posaunen oder zu sehr auszuschweifen. Es gibt viele echt clevere Zeilen hier, die man aber schnell überhören könnte. Denn Vince Staples rappt hier nicht wie einer, der sich den Beat mit vertrackten Flows zum Untertan macht, um den Text im Vordergrund zu haben; sondern er findet immer Rhythmen, die perfekt aufs Instrumentale passen. Gerade für eine Platte, bei der die Themen so wichtig sind, gerät Cry Baby dadurch nicht zum Reim-Fest für Raptechnik-Nerds und Silbenzählende, sondern zu zehn durchgehend catchy Songs, die schnell ins Ohr gehen.

Musikalisch hat Vince Staples sich einem stilistischen Wandel unterzogen. Nach seinem sonstigen Sound aus Gangsta-Rap und Trap, mal mit elektronischer, mal mit jazziger Ästhetik, ist er nun beim Rock angelangt. Und das steht ihm ausgesprochen gut. Die Produktion klingt nach der rohen Ästhetik von altem Psychedelic Rock und Punk, was gut zum düsteren Ton der Texte passt. Währenddessen drehen sich die oft live eingespielten Beats meist um verzerrte, melodische Basslines, wie sie Tame Impala oder Gorillaz schreiben würden. Sowohl die Oldschool-Hip-Hop-Anleihen in The Big Bad Wolf als auch die Soul-Elemente in White Flag passen darauf wunderbar.

Wer tanzt für wen?

Fast schon poppig ohrwurmig ist Cotton, einer der stärksten Momente hier. Man will direkt tanzen, wenn Staples wiederholt: „Dance for me!“ Aber natürlich hat auch das einen düsteren Unterton. Wie in einigen anderen Songs geht es hier um Blaxploitation, also darum, wie Schwarze Menschen für ein weißes System ausgenutzt werden. In den Augen der Musikindustrie sind Schwarze Künstler:innen lediglich Entertainment-Quellen, aus denen man Profit schlagen kann.

„Music makes me feel just like cotton / Pick me up when I feel like falling down“, das ist eines der bissigsten Wortspiele hier. Auf der Oberfläche sagt Vince Staples, dass Musik ihm in schlechten Zeiten wieder aufhilft (to pick up). Zugleich vergleicht er sich aber mit Baumwolle, die die Schwarzen Sklaven pflücken (to pick up) mussten. Zudem haben Plattenfirmen die Macht, arme People of Color bei sich aufzunehmen (to pick up), um ihnen Erfolg zu versprechen. Schlussendlich bleiben die PoC aber die tanzenden Marionetten der Industrie.

Die Erkenntnis, die Vince Staples aus diesem Album zieht, ist bedrückend: „Hip-hop taught me all y’all love Black folks, but it’s not enough“. Schon scheint er aufgeben zu wollen; im Video zu White Flag malt er die USA-Flagge weiß an, zum einen als Zeichen des Kapitulierens, zum anderen als Zeichen der ihn umgebenden White Supremacy. Doch im nächsten Moment durchlöchert er sie mit Schüssen; schwarze Flecken machen sich auf der weißen Flagge breit. Es lohnt sich, weiterzukämpfen.

Weiter stöbern im Circle Mag:

Dein daily News-Update im Circle Mag

Bleib stets up-to-date in Sachen Musik und Popkultur mit unseren täglichen News, Reviews und Features. Viel Spaß beim Stöbern!