Matt Kwasniewski-Kelvin von Black Midi ist tot mit 26: Nachruf auf eine lärmige Wucht
popkultur14.01.26
Matt Kwasniewski-Kelvin, ehemaliger Gitarrist und Gründungsmitglied der Experimental-Rock-Band Black Midi, ist im Alter von 26 Jahren gestorben. Seiner Familie zufolge starb er nach Jahren des Kampfes gegen mentale Erkrankungen. Obwohl er mit Black Midi nur ein Studioalbum aufnahm, beeinflusste seine Liebe für Lärm und wilde Expressivität eine Generation an jungen Bands. Ein Nachruf auf einen ungezähmten Künstler.
Trigger-Warnung: In diesem Artikel kommen Themen wie Suizid und Depressionen vor.
„Years ago they tried to throw me in a payphone / All I made was a penny and a black eye“ – Zeilen aus Years Ago, dem einzigen Song von Black Midi, auf dem Matt Kwasniewski-Kelvin sang. Zeilen, die einen dunklen doppelten Boden zu bekommen scheinen, jetzt, wo wir wissen, dass Matts Gehversuch in der Musikindustrie nur kurz währte, er sich nach dem rasanten Aufstieg von Black Midi schnell zurückzog und schließlich seiner eigenen Psyche unterlag.
Vom Skaterboy zum Lärm-Liebhaber
Matt Kwasniewski-Kelvin wurde 1999 geboren und begeisterte sich als „Skater-Junge“, wie er selbst es gegenüber Pitchfork formulierte, vor allem für Pop-Punk wie Green Day, Sum 41 und Good Charlotte. „Mein Vater war in einer Partyband und ich fing an, mit ihnen zu jammen und zu allem Gitarrensoli zu spielen. Aber an der BRIT machte Geordie mich mit anderen Dingen bekannt. Ich begann mich für Harsh Noise, Drone-Musik und Merzbow zu interessieren.“
Die BRIT, das ist die BRIT School in Croydon, London; eine renommierte Schule der darstellenden Künste und der Geburtsort von Black Midi. Und Geordie, das ist Geordie Greep, der charismatische Frontmann von Black Midi, den Matt dort kennenlernte. Zunächst trafen diese beiden sich für zweistündige Ambient-Jams, doch bald rekrutierten sie noch zwei ihrer Mitschüler, den Drummer Morgan Simpson und den Bassisten Cameron Picton.
Was diese vier im Proberaum durch stundenlanges Improvisieren zusammenschusterten, begann langsam eine eigenwillige und abstrakte Form anzunehmen. Als eine klassische BRIT-School-Band konnte man Black Midi nicht bezeichnen. Die berühmtesten Hervorkömmlinge dieser Kunstschule sind Namen wie Adele oder The Kooks. Doch Black Midi, das war Post-Punk, Noise- und Math-Rock, auf den ersten Blick lärmiges Chaos, hinter dem erstaunlich viel Kontrolle steckte.
Die Ära der „Windmill Scene“
Black Midis unverwechselbare Live-Shows sprachen sich schnell herum, noch bevor sie ihr erstes Album veröffentlicht hatten. Besonders bedeutsam war die Venue ihres ersten Auftritts zu viert: The Windmill in Brixton. Denn bald traten Black Midi dort regelmäßig auf und um sie herum bildete sich eine eigene Szene an befreundeten Post-Punk-Bands: Shame, HMLTD oder Black Country, New Road etwa; später auch andere Rock-Bands wie The Last Dinner Party. Die Windmill Scene nennt man diese Bewegung.
Zu Matts Tod schrieb The Windmill auf Instagram: „Es ist so unglaublich emotional, an diese aufregenden Zeiten zurückzudenken, als Matt nach einem Arbeitstag, an dem er Lüftungsschächte inspizierte (daher auch der Song Ducter), zum Soundcheck kam und einige der besten Klänge erzeugte, die unsere kleine Bühne je erlebt hatte.“
Black Midi: Fliegende Gitarren, Big Brother und ein legendärer Salto
Schlagenheim bleibt eines der markantesten Debütalben im Rock der letzten zehn Jahre. Denn es fing genau diesen jungen Hunger ein, der Black Midi so aufregend machte: Sie waren gerade mal achtzehn Jahre alt, brodelten aber nur so vor dem Drang, sich experimentell und einzigartig kreativ auszudrücken; sie hielten sich nicht zurück, arbeiteten aber geschickt als eine Einheit.
Bmbmbm war alles andere als eine typische erste Single: ein stumpfer, repetitiver Rhythmus, über den Geordie Greep mit immer verrückter werdender Stimme unzählige Male vor sich hin betet: „She moves with a purpose, oh what a magnificent purpose“. Und was macht Matt indes? Er spielt seine Gitarre nicht, sondern spielt durch ihre Tonabnehmer ein Video einer zeternden Frau ab; live ist das ein Ausraster-Video von Nikki G bei Big Brother. Diesen ganzen Song könnte man fast als Witz wahrnehmen – bis alles nach ein paar Minuten explodiert und man beginnt, zu checken. Black Midi sind faszinierend in ihrer Seltsamkeit, fesselnd in ihrer Unberechenbarkeit und mächtig in ihrem Spiel mit Lärm und angespannter Ruhe.
Und der lärmigste, wildeste Teil war damals immer Matt. Die Live-Performance von bmbmbm beim Mercury Prize zeigt das deutlich: Als der Song seinen Höhepunkt erreicht, wirft er seine Gitarre weg, taumelt orientierungslos über die Bühne und macht einen schmerzhaft aussehenden Salto. Währenddessen schreit er bei Ducter beim Pitchfork Music Festival gegen Ende besessen in die Tonabnehmer, während er über seiner Gitarre kauert – ein eindringliches Bild.
Matts Ausstieg aus Black Midi
Nach der Schlagenheim-Ära kam dann 2021 plötzlich die Nachricht: Matt hat die Band verlassen, wegen Problemen mit seiner mentalen Gesundheit. Black Midi blieben als Trio bestehen, das zwei weitere, großartige Alben veröffentlichte. Schlussendlich lösten sie sich 2024 auf, weil sie das Bandkapitel abschließen wollten, um andere Musikprojekte zu verfolgen. Noch bis zu ihrem Ende entwickelten Black Midi sich immer größer und jazziger weiter; doch den Post-Punk-Biss, den Matt hineingebracht hatte, ließen sie hinter sich. Matt transportierte eine Dringlichkeit und eine Wildheit – obwohl er ein sehr ruhiger Mensch war – in die Anfangstage, die die Band aufmerksamkeitserregend machte. So beeinflusste er zahlreiche junge Bands, laut zu sein und unkonventionell zu spielen.
Eine Todesnachricht von so einem jungen Künstler zu hören, ist immer besonders schrecklich. Denn Matt hätte noch so viel zu sagen gehabt. Auf der Bühne schien er alles zu entfesseln, was in ihm an Ideen und Emotionen tobte. Doch zum Schluss siegte er nicht gegen das, was ebenfalls in ihm tobte. „Ein talentierter Musiker und ein liebenswürdiger, liebevoller junger Mann unterlag letzten Endes, trotz allen Bemühungen“, schrieb seine Familie in einem Statement, das das Label Rough Trade veröffentlichte. Daher riefen sie auf: „Bitte nehmt euch einen Moment Zeit, um euch nach dem Befinden eurer Angehörigen zu erkundigen, damit wir verhindern können, dass dies jungen Männern widerfährt.“
Ruhe in Frieden, Matt Kwasniewski-Kelvin.