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Foto: Nick Waplington

Sleaford Mods im Interview: Gegen Online-Narzissmus, Endzeitstimmung und Pizza Hawaii

Jason Williamson, der charismatische Sprechsänger von Sleaford Mods, hat mit uns über das neue Album des Electro-Punk-Duos gesprochen: The Demise Of Planet X. Ein apokalyptisches Werk, das seine Wurzeln in einer einschneidenden Nacht im Club hat.

Selten hat ein simples „No!“ (bitte mit starkem britischem Akzent vorstellen) so gut unterhalten wie bei Jason Williamsons Antwort auf die Frage, ob er eine steile These bezüglich bester Pizza-Toppings habe. Noch besser ist das zweite „Nooo!“ mit Nachdruck auf die Frage nach seiner Meinung bezüglich Ananas auf Pizza, woraufhin er sich kurz, aber wunderbar britisch über die Mischung aus Ananas und Schinken aufregt.

Versprochen, dass auch noch gehaltvollere Fragen als diese kommen. Aber zum einen kommt das Thema auf, weil Williamson von Sleaford Mods’ jüngster Charity-Aktion erzählt, bei der das Duo seine eigene Pizza in einer Londoner Pizzeria kreiert hat. Und zum anderen ist Williamson so ein herrlich charismatischer Charakter, dessen Reaktion auf dieses Thema man einfach einholen muss. Humor und Selbstironie, ein Auge für die kleinen, ulkigen Dinge im Leben, aber auch Wut und Gesellschaftskritik sind schließlich Teil von Sleaford Mods’ Essenz.

Eine Horrorshow im Club

Andrew Fearns minimalistische Electro-Punk-Beats treffen auf vulgäre und clever formulierte Sprechgesang-Tiraden vom aufgebrachten Jason Williamson – man könnte es eigentlich Poesie nennen, wenn der Fronter diesen Begriff nicht ablehnen würde. Mit dieser Mischung haben Sleaford Mods sich seit fast 20 Jahren einen unverwechselbaren Platz in der Musikwelt gesichert und sind nun bei ihrem dreizehnten Album angelangt – wenn man die ersten paar Alben mitzählt, die Williamson noch solo bestritt. Für das neue Werk The Demise of Planet X blickt er bewusst auf diese Anfangszeit zurück, denn das Album wurde durch eine prägende Club-Erfahrung in den 2000ern inspiriert.

„Ich war als 35-jähriger Versager in meine Heimatstadt Grantham zurückgekehrt und hatte alle möglichen Probleme: Drogenmissbrauch, Alkoholismus, Depressionen“, erinnert sich Williamson. „An einem Wochenende ging ich in diesen örtlichen Nachtclub und dort waren alle meine alten Schulfreunde und auch die Kultur der Arbeiterklasse, von der ich ein wenig abgekommen war. Ich traf auf Leute aus allen möglichen Schichten, also kam es mir wie eine Horrorshow vor: wie ein Weckruf für die Realität eines Lebens ohne Geld und Berufe ohne Zukunft. Zu der Zeit war ich an meinem dritten Album dran und schrieb einen Song namens Chop Chop Chop. Der handelt von diesem Nachtclub und im Intro heißt es: ‚The demise of planet x!‘. Ich weiß nicht, warum ich das damals sang, aber es kam mir wie eine tolle Zeile vor, daher habe ich sie für dieses Album zurückgebracht.“

Sleaford Mods zwischen Angst und Zynismus

Apokalyptisch wirkt der Titel und um diese Endzeitstimmung geht es in den Texten. Als „die Wiederholung der Hoffnungslosigkeit“, beschreibt Williamson das. Er spricht von universeller Angst vor einem schrecklichen Tod, von Kriegen und Kulturkriegen, vom omnipräsenten Hass auf andere Menschen, selbst wenn diese ähnliche Ansichten wie man selbst haben.

Kritikunfähigkeit, Trolle und die „Kleingeistigkeit der Engländer“ sieht der Sänger beispielsweise als Themen des Titeltracks. „Auf die Kritik von anderen Leuten hin lautet es meistens nur: ‚Oh, fuck off!‘“, erklärt er. Nicht das erste Mal, dass Sleaford Mods die britische Kultur aufs Korn nehmen. Passt ja auch, schließlich wirkt Williamsons Persona in seiner Musik wie eine Parodie eines britischen Lads, allein durch seine Betonung, Wortwahl und zynische Bissigkeit. „Sehr wahr!“, stimmt er zu. „Nun ja, im Grunde bin ich das ja auch. Aber ich würde gerne glauben, dass ich aufgeklärter bin als der durchschnittliche Idiot.“

Revolution gegen das Smartphone

Um performativen Aktivismus und Selbstdarstellung geht es wiederum in Elitest G.O.A.T., seinem Lieblingssong auf dem Album: „Manche Leute treiben ständig ein Narrativ voran und es ist anstrengend. Du wirst nichts ändern, indem du anderen einfach vorwirfst, dass sie auch nichts dagegen unternehmen! Es geht um die Besessenheit, den Anschein erwecken zu wollen, moralisch überlegen zu sein.“ Durch das Internet habe sich das in den letzten Jahren noch extremer entwickelt.

Williamson selbst versucht, nicht mehr so viel auf sozialen Medien unterwegs zu sein wie früher, obwohl er zugeben muss, dass sie für Musiker:innen mittlerweile ein notwendiges Werkzeug sind. Er weiß, wie schwer es ist, sich von seinem Smartphone zu trennen: „Das können wir nicht, denn es ist uns so nahe geworden wie unser Geldbeutel. Aber ich glaube schon, dass es eine Revolution geben wird, eine Gegenreaktion.“

Wie könnte das aussehen? „Ich weiß es nicht, aber ich glaube, dass es ein allumfassendes, mitreißendes Bewusstsein darüber geben wird. Es dauert eine Weile, die Meinung des Mobs zu ändern. Und es dauert eine Weile, bis die Menschheit erkennt, dass mit einem Aspekt unseres Verhaltens etwas nicht stimmt. Aber wenn das passiert, dann ändert es die Dinge völlig.“

Belästigung auf dem Schulhof

Jason Williamson erzählt auf dem neuen Album aber auch persönliche Geschichten, besonders im Track Gina Was: eine Erinnerung daran, wie er in der Schule von einer Gruppe Mädchen öffentlich ausgezogen und belästigt wurde. Eine emotional aufgeladene Geschichte, die Sleaford Mods im Song aber recht sachlich erzählen: „Ich male gerne Bilder von Erinnerungen an die 80er-Jahre und ich dachte, dass es ein düsteres Thema, aber auch ein eindringliches Thema war. Es ist kein Aufmerksammachen auf männliche Vergewaltigung, sondern eine gelassene Geschichte darüber – und das war eine schlagkräftige Idee.“

Weiter erklärt Williamson: „Das Lied handelt auch von meiner Einführung in das Rauchen von Zigaretten und von der Erkenntnis, dass das Leben nicht so gut war. Von der Erfahrung, dass ich und all meine anderen Freunde instabile Eltern hatten. Und so wurde mir langsam klar, wie viele Leute einfach kämpfen.“

Größere Ambitionen, inspiriert durch Bowie

Musikalisch klingt The Demise Of Planet X eindeutig nach einem Sleaford-Mods-Album: trocken, unkompliziert, repetitiv; aber das Duo hat auch Neues ausprobiert. „Was dieses Album geöffnet hat, waren eine Menge Selbstzweifel und Angst, ob das Album gut sein würde oder nicht“, erklärt Williamson. „Ich hörte oft David Bowies Station To Station und Low und fand den Einfallsreichtum inspirierend, also wollte ich versuchen, etwas Größeres zu machen. Und das passierte, als Andrew beschloss, Songs von Grund auf im Studio mit Live-Instrumenten zu machen.“ Daher findet man nun mehr unterschiedliche Instrumente und Stile, etwa ein Cello-Solo am Ende von Double Diamond.

Glamourös klingt das alles natürlich immer noch nicht. Dieser trockene Produktionsstil ist ja auch typisch für Sleaford Mods, er passt zur Attitüde der Texte. Ist es immer das Ziel, die Musik den Text reflektieren zu lassen? „Ja, zu einem gewissen Grad. Es muss zur Stimmung passen. Deshalb haben wir bestimmte Leute gebeten, mitzumachen.“

Und diese Feature-Liste des Albums überrascht. Ein lokaler Rapper namens Snowy hier; Indie-Heldinnen wie Sue Tompkins (Life Without Buildings) oder Aldous Harding dort. Die Post-Punk-Newcomer Big Special treffen in The Good Life auf die Schauspielerin Gwendoline Christie. Christie kam wohl selbst auf Sleaford Mods zu, erklärt Williamson; die meisten Features seien aber eher aus Notwendigkeit entstanden: „Ich habe versucht, einige der Teile zu singen, die ich geschrieben hatte. Aber ich wusste, dass sie besser klingen würden, wenn sie von jemand anderem gesungen würden; also mussten wir die richtigen Personen dafür finden. Die Kollaborationen sind nun umfangreicher, aufwändiger, und sie werden fast noch extravaganter.“

Dennoch sind und bleiben Sleaford Mods die Definition eines Duos. Fearn macht die Musik, Williamson den Text. „Wir wissen, was wir beide zu tun haben. Und wenn ich etwas nicht tue, dann wird er die Lücke füllen“, so Williamson. Vielleicht macht gerade diese Einfachheit die Magie aus und regt die Kreativität an. „Ich denke, die Palette ist endlos. Es gibt Limitationen in dem Sinne, dass ich nicht wie Taylor Swift klingen werde. Aber ansonsten gibt es meiner Meinung nach keine Grenzen.“

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