Featured Image
Foto: Gary Gershoff/Getty Images

„Our Brother Hillel“: Der Gitarrist, der die Red Hot Chili Peppers möglich machte

Eingefleischten Fans der Red Hot Chili Peppers ist der Name Hillel Slovak natürlich mehr als geläufig, etwa so wie Cliff Burton bei Metallica. Schließlich handelte es sich bei Hillel Slovak um einen Gitarristen, der den Sound der Band nachhaltig und für immer geprägt hatte und ohne den es die Red Hot Chili Peppers nicht gegeben hätte.

Viele jüngere Fans hingegen kennen den 1962 geborenen Gitarristen möglicherweise gar nicht – die Band ist seit vielen Jahrzehnten im Geschäft, und Hillel Slovak leider seit 1988 nicht mehr unter uns.

The Rise Of The Red Hot Chili Peppers: Our Brother Hillel

Umso erfreulicher, dass mit der Doku The Rise Of The Red Hot Chili Peppers: Our Brother Hillel dem Gitarristen ein Denkmal gesetzt wird. Regisseur Ben Feldman beleuchtet das Leben und Werk von Hillel Slovak sowie die frühen Tage der Red Hot Chili Peppers so umfassend und liebevoll wie noch kein Film zuvor.

Zwar haben sich die Red Hot Chili Peppers von der Dokumentation distanziert und klargestellt, dass es sich nicht um eine offizielle Banddokumentation handelt – dennoch treten sowohl Anthony Kiedis als auch Flea (der während des Erzählens mehrfach in Tränen ausbricht) als Gesprächspartner auf. Sie erzählen detailliert und emotional die Geschichte des Aufstiegs der Band sowie ihrer Vorläuferprojekte Anthym und What Is This? – jener Formationen, aus denen die Chili Peppers überhaupt erst hervorgingen.

Jugend und Energie

Es ist eine Geschichte von Jugend und Energie – eine Geschichte von einer Gruppe von Outsidern, die sich findet und schnell zu Weggefährten, engen Freunden und letztlich zu einer Art Wahlfamilie wird. Die frühe Geschichte der Red Hot Chili Peppers wird als eine Phase erzählt, in der alles möglich schien: junge Musiker, ein bisschen Outcasts, die sich über Musik definieren, sich gegenseitig antreiben und in Los Angeles einen eigenen Kosmos erschaffen. Flea und Kiedis, die sich wie Topf und Deckel finden, deren Dynamik von Anfang an trägt – und dann Hillel Slovak, der dazukommt und diese Konstellation entscheidend mitprägt. Die Dokumentation erzählt das klar und strukturiert, mit vielen Stimmen aus dem direkten Umfeld. Neben Kiedis und Flea kommen auch Hillels damalige Freundin sowie sein Bruder zu Wort, wodurch ein sehr direktes und persönliches Bild entsteht. Auch die frühen Konstellationen mit Jack Irons und der Vorband Anthym, in der Alain Johannes sang, werden ausführlich erzählt – beide sind ebenfalls als Interviewpartner zu sehen, genau wie Funk-Legende George Clinton.

Zufall, Chemie und Timing

Die Dokumentation ist gleichermaßen ein kurzer biografischer Umriss von Hillel Slovaks Leben, der allerdings laut dem Regisseur nicht zu einem bloßen Wikipedia-Artikel verkommen soll, und zugleich eine wirklich erzählte Geschichte des Aufstiegs einer der bekanntesten Rockbands aller Zeiten. Der Anfang dieser Band wird als etwas gezeigt, das schwer zu planen gewesen wäre: wild, fast magisch, als hätten sich die Umstände genau im richtigen Moment gefügt. Man bekommt ein Gefühl dafür, wie sehr hier Zufall, Chemie und Timing zusammengekommen sind. Gleichzeitig zeigt die Dokumentation sehr klar, wie aus einer Gruppe von LA-Jungs überhaupt eine Band wurde. Man sieht die Dynamik, die ersten Schritte, aber auch die Rückschläge. Etwa die Phase, in der Anthym und die Chili Peppers paralell existieren, zweitere aber gerade der sprichwörtliche heiße Scheiß waren – und Slovak und Irons sich dennoch für Anythm entschieden.

Das Heroin

Ein zentrales Thema sind zwangsläufig die Drogen. Dass harte Drogen bei den Red Hot Chili Peppers immer eine Rolle gespielt haben, ist biografisch bekannt. Dass vor allem Anthony Kiedis und Hillel Slovak schwer heroinabhängig waren, ebenfalls. Die Dokumentation spart das nicht aus, sondern arbeitet es ausführlich auf. Kiedis spricht offen darüber, wie aus gelegentlichem Konsum eine Abhängigkeit wurde, erzählt von Reha-Aufenthalten und davon, wie sehr die Drogen der Band immer wieder im Weg standen.

Auch Flea schildert diese Zeit sehr direkt, beschreibt seine Wut und Hilflosigkeit, obwohl er selbst kein Kind von Traurigkeit war. Gleichzeitig wird sichtbar, wie sich Slovak zunehmend veränderte: von einem extrem kreativen, freundlichen Menschen hin zu jemandem, der immer stärker in der Sucht gefangen war und sich mehr und mehr isolierte.

Der Film zeigt auch die Phasen, in denen die Band dagegen gearbeitet hat. Wenn sie nüchtern waren, waren sie extrem fokussiert, fast schon manisch in ihrem Arbeitseifer. Slovak und Kiedis rissen sich zusammen, arbeiteten intensiv daran, die Band voranzubringen, schrieben, probten, spielten. Doch nach erfolgreichen Tourneen kippte das oft wieder, die Leere danach wurde erneut mit Heroin gefüllt.

Brüche, Reha und ein tragisches Ende

Zwischendurch kommt es zu Brüchen, etwa als Kiedis zeitweise aus der Band geworfen wird und später wieder zurückkehrt, verbunden mit erneuten Reha-Versuchen. Diese Bewegungen zwischen Aufbruch und Rückfall ziehen sich durch den Film und geben ihm eine klare Dramaturgie, ohne dass sie künstlich zugespitzt werden müssten. Am Ende steht dann die Entwicklung, die sich bereits abzeichnet: Slovak zieht sich immer weiter zurück, die Abhängigkeit wird stärker, und schließlich endet sein Leben tragisch in einer Überdosis – ein Punkt, auf den der Film konsequent hinarbeitet, ohne ihn auszuschlachten.

Und am Ende, man fragt sich schon, ob er kommen würde, erscheint er, der stets ein wenig enigmatische John Frusciante. Der trat ja nach Slovaks Tod in dessen Fußstapfen und erzählt über seine Selbstfindung bei den Red Hot Chili Peppers. Und die war eben nicht, sich von Slovak abzukapseln, sondern ihn in seinem Spiel hochleben zu lassen. Slovak war für Frusciante ein unermesslicher Einfluss – und je mehr er das zuließ, umso schneller fand er bei den Red Hot Chili Peppers zu seiner eigenen Stimme. Und wie wir wissen, wären die Chili Peppers ohne Frusciante definitiv nie dort, wo sie heute sind. Our Brother Hillel ist eine schöne Hommage, ein interessantes Zeitdokument, eine sensibel und nicht sensationalistisch gestaltete Dokumentation über einen großen, viel zu früh verstorbenen Musiker, der die Musik auch Jahrzehnte nach seinem Tod indirekt prägt – auch wenn viele vielleicht erst jetzt, dank der Doku, zum ersten Mal von ihm hören.

Weiter stöbern im Circle Mag: