Moderner Metalcore kann vieles sein. Die Genre-Landschaft gleicht einer Spielwiese voll technischer Virtuosität und komplexer Konzepte bei quasi freier Einfluss-Wahl: Ob Electro, Pop, Djent oder Jazz – alles kann, nichts muss Inspiration für neue Sounds sein. Eine der neuen prägenden Kräfte im modernen Metalcore ist dabei die französische Band Novelists. Wir waren auf der Show in Berlin zu Gast und haben uns einen Überblick verschafft, wie brillant die Band live ist.
Band und Musik im Wandel
Seit ihrer Gründung 2013 in Paris hat sich die Band vom technisch versierten Metalcore-Geheimtipp zu einem der spannendsten Acts der europäischen Szene entwickelt.
Dass Novelists heute so klingen, wie sie klingen, hat auch viel mit den Bruchstellen in ihrer eigenen Geschichte zu tun. Lange war die Band untrennbar mit der Stimme von Matteo Gelsomino verbunden. Nach seinem Ausstieg 2020 begann für Novelists eine Phase der Neuorientierung. Tobias Rische stieg als neuer Sänger ein, doch auch dieses Kapitel blieb nicht von Dauer.
Mit Camille Contreras hat die Band 2023 nicht nur eine neue Stimme gefunden, sondern auch eine neue Perspektive. Ihre Vocals öffnen den Sound noch einmal in eine andere Richtung: vielseitiger, konfrontativer, zwischendurch sanft und immer versiert, ohne dabei an Durchschlagskraft zu verlieren. Diese Veränderung wirkt weniger wie ein klassischer Neustart denn eine konsequente Weiterentwicklung dessen, was Novelists schon immer ausgezeichnet hat: die Bereitschaft, sich musikalisch immer wieder neu zu denken.
Mit ihrem aktuellen Album CODA machen sie nun den vielleicht konsequentesten Schritt in dieser Entwicklung – weg von klaren Genregrenzen hin zu einem diversen Sound, der zwischen Breakdowns und Hooks pendelt. Nicht unerwähnt bleiben darf hier natürlich auch die Leistung an den Instrumenten.
Wir müssen über Gitarren sprechen
Was Novelists dabei seit jeher von vielen Genre-Kolleg:innen unterscheidet, ist ihr Umgang mit Sound – und vor allem mit Gitarren. Statt reinem Geballer auf Drop-Cis oder möglichst aggressiver Riff-Architektur setzen sie auf eine komplexe Textur und Atmosphäre. Die Gitarren wirken oft weniger wie ein klassisches Lead-/Rhythmus-Gerüst, sondern eher wie eine zusätzliche Erzählebene. Gerade die leicht angejazzten Akkorde und die filigranen, oft clean gespielten Melodien lassen aufhorchen und machen Lust auf Deep Dives und Abnerden. Ganz davon abgesehen, dass das Spektakel live komplett beeindruckend anzusehen ist.
Gleichzeitig verlieren Novelists dabei nie das Gespür für Dynamik. Auf fragile, beinahe zerbrechliche Passagen folgen Wände aus verzerrten Gitarren, die aber immer detailreich bleiben. Diese Balance aus technischer Finesse und Schlagkraft ist es, die ihren Sound so eigen macht – und die gerade live dafür sorgt, dass selbst die leiseren Momente genauso viel Gewicht haben wie die großen Ausbrüche.
Florestan Durand und Pierre Danel werfen sich die entsprechenden Bälle zu, die Song-Arrangements geben den beiden Raum und die Crowd bleibt bei gefühlt jedem Solo kurz voller Wertschätzung stehen. Jedes Solo, jedes Fill, jeder Shout – sitzt. Das Publikum wird somit Zeuge einer Live-Show, die von der ersten bis zur letzten Sekunde durchdacht ist und gleichzeitig vor Energie und Spielfreude sprüht.
TSS und Vianova machen den Anfang
Support haben sich Novelists aus Berlin und Frankreich mitgebracht: TSS liefern den Auftakt des Abends. Die französische Band bewegt sich irgendwo zwischen modernem Metalcore, düsterem Alternative und elektronischen Einflüssen, gepaart mit cleanen Hooks. Der Spagat aus bouncy Riffs und großen Refrains funktioniert besonders live gut, die Crowd zieht mit.
Vianova setzen danach einen etwas anderen Akzent, und schalten im Saal nochmal hoch, was das Energielevel angeht. Die Berliner Band mischt Metalcore mit Industrial-, Trap- und Nu-Metal-Elementen. Ihre Tracks wirken oft fragmentarisch, springen zwischen Aggression und Groove. Gepaart mit sympathischen Ansagen von Frontmann Alex hat man in der Crowd einfach nur Bock, der Band einen guten Abend zu bereiten und das Energielevel mitzunehmen.
Novelists: Präzise Spielfreude und Energie
Kommen wir nun nochmal zum Hauptact des Abends: Live zeigt sich bei Novelists eindrucksvoll, wie gut all diese Sound-Fragmente und Ideen tatsächlich tragen. Die neuen Songs fügen sich organisch neben ältere Tracks, ohne dass es wie ein Bruch wirkt. Das fällt vor allem bei Heretic auf, Song Nummer drei im Set, aber auch bei Do you really wanna know?, auf den direkt Say My Name folgt.
Novelists zeigen an diesem Abend ganz genau, wie man als Bandformation jedem Mitglied Platz einräumt. Die Live-Show ist ein Kaleidoskop künstlerischen Könnens, sowohl instrumental als auch an den Vocals. Jedem Bandmitglied sieht man die Spielfreude an diesen Songs und am gemeinsamen auf der Bühne stehen an, und wie ein gut geöltes Uhrwerk greifen die einzelnen Elemente unbeschwert ineinander. Camille Contreras vielseitige Vocal Performance verleiht den Songs eine neue Dringlichkeit – mal kontrolliert und fast zerbrechlich, dann wieder mit einer Energie, die den Raum sofort einnimmt. In Sachen Dynamik macht Novelists so schnell niemand was vor: Gitarren- und Drum-Wände werden abgelöst von ruhigen, intimen Momenten, in denen wir nur Camilles Stimme lauschen.
Unser Fazit zur Show: Ob man jetzt im Metalcore Zuhause ist oder nicht, Fans von Gitarrenmusik und komplexen Arrangements kommen bei Novelists voll auf ihre Kosten. Und die Musik gepaart mit der energetischen Performance würde uns immer wieder überzeugen, zu einer Show zu gehen.