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My Bloody Valentine (Foto: Eric CATARINA/STILLS/Gamma-Rapho via Getty Images)

Warum 1991 das wichtigste Musikjahr aller Zeiten ist

Wie, ihr habt kein Lieblings-Musikjahr? Oh. Naja, scheint so, als gebe es für so einen nerdigen Shit eben Musikjournalist:innen. Aber würden sich solch seltsame Geek-Kreaturen namens Musikjournalist:innen zusammensetzen, um darüber zu debattieren, welches das beste Musikjahr sei, würde eines sicherlich oft genannt werden: 1991. Welche zahlreichen Genres in diesem Jahr florierten und welche schiere Dichte an Klassikern dieses Jahr bereithält, zeigt diese Liste von Alben aus 1991. Schließlich feiert das alles nun 35-jähriges Jubiläum.

Hol dir die besten Alben aus 1991 nach Hause:

Nirvana – Nevermind

Den Anfang macht der offensichtlichste Pick. 1991 war zwar nicht das Jahr, in dem Grunge erfunden wurde, aber in dem Grunge explodierte. So eine dringliche Übernahme des Mainstreams durch eine musikalische Subkultur hatte man vorher selten gesehen und gab es seitdem auch kaum noch. Irgendwelche Holzfällerhemden-Heinis aus Seattle waren auf einmal die Spitze der amerikanischen Popkultur. Und natürlich ist Nevermind der Funke und das klarste Beispiel dieser Explosion. Über die Musik auf Nevermind wurde weiß Gott schon genug gesagt; wer sich an die Relevanz dieses Albums erinnern muss, schaue sich bitte die Tracklist an, das genügt schon.

Pearl Jam – Ten

Keine Sorge, das wird nicht nur Grunge auf dieser Liste – daher sind die ebenfalls erwähnenswerten Alben Temple Of The Dog oder Soundgardens Badmotorfinger auch nicht hier gelandet – aber über Ten muss man dennoch reden. Eines der besten Grunge-Alben aller Zeiten, eines der besten Debütalben aller Zeiten, wer mag, darf es natürlich auch gerne eines der besten Alben aller Zeiten nennen. Ten verkaufte sich durch Klassiker-Singles wie AliveJeremy oder Even Flow direkt gut für die damals junge Band, aber real ones know: Jeder Track auf Ten ist sensationell. Bereits auf diesem Debüt erreichte das Songwriting, die Chemie zwischen den Instrumenten und nicht zuletzt Eddie Vedders massive Stimme absolute Karriere-Höhepunkte, etwa in ihrem vielleicht emotionalsten Song, Black.

A Tribe Called Quest – The Low End Theory

Trotz Konkurrenz von De La Soul oder N.W.A. war The Low End Theory unangefochten das wichtigste Hip-Hop-Album von 1991. „We’ve got the jazz“, sangen A Tribe Called Quest, und sie hatten ihn wirklich: Die Jazz-Einflüsse auf The Low End Theory schufen einen warmen Sound, der auf ewig Rapper:innen und Produzent:innen beeinflusst. Samples würfelte die Rap-Gruppe so clever zusammen, dass es klingt, als stünde eine Jazz-Band im Raum. Und für Verses From The Abstract engagierten sie sogar den legendären Jazz-Kontrabassisten Ron Carter, um sein Instrument einzuspielen. Währenddessen warfen sich Q-Tip und Phife Dawg clevere Strophen hin und her, die sich ihre Beschreibung als „smooth like butter“ redlich verdienten.

Massive Attack – Blue Lines

Eines der tollsten Genres, das die 90er hervorbrachten, ist Trip Hop. Durch die Beat-Experimente von Künstler:innen wie Portishead oder UNKLE entstand eine Mischung aus entspannten Hip-Hop-Beats, alten Samples, ungewöhnlichen Instrumenten und mysteriösem, meist weiblichem Gesang. Wichtig ist die Stimmung, die beruhigend und zugleich oft ziemlich düster ist. Und man kann nicht über Trip Hop reden, ohne Massive Attack zu erwähnen. Mit ihrem Debüt Blue Lines legten sie 1991 eines der allerersten Alben des Genres vor. Die hörbaren Einflüsse aus Dub und Soul spinnen Tricky und Co. in hallige, groovige Beats mit ganz unterschiedlichen musikalischen Ideen und Gesangsgästen. Mit Unfinished Sympathy sprang dabei sogar direkt so etwas wie ein Hit heraus.

Red Hot Chili Peppers – Blood Sugar Sex Magik

Blood Sugar Sex Magik war der klare Durchbruch für die Chili Peppers. Assistiert von Rick Rubin konzentrierte die Band sich auf ihre Stärken: das funky Zusammenspiel zwischen Flea, John Frusciante und Chad Smith, ebenso ihre verspielte Persönlichkeit und Energie, aber auch ihre Fähigkeit, mitsingbare Hits zu schreiben – und Letzteres war damals neu für die Band. Denn Blood Sugar Sex Magik ist genau der Punkt, an dem sich das Blatt von goofy Funk-Rockern zu mitunter einfühlsamen Songwritern wendete. Anthony Kiedis rappt noch frech ziemlich explizite Geschichten daher, andererseits lässt er in Breaking The Girl oder Under The Bridge seine tiefere emotionale Seite zeigen. Wegen dieser Dualität konnte sogar so ein eigenwilliges Album wie dieses plötzlich so viele abholen. Und tatsächlich erschien Blood Sugar Sex Magik am selben Tag wie NevermindBadmotorfinger und ein Album der Pixies – was für ein Tag.

Primus – Sailing The Seas Of Cheese

Wie die Chili Peppers Funk und Rock mischten, war explosiv und gebar viele Crossover-Bands der 90er. Aber Primus taten das auf eine nochmal wesentlich seltsamere Art. Wer Les Claypool schon mal Bass spielen gehört hat, weiß: Primus sind technisch verdammt versiert. Wer Les Claypool schon mal singen gehört hat, weiß: Primus sind verdammt weird. Aber diese Mischung aus virtuosem Spiel, abgedrehten Texten und dennoch mitreißendem, funkigen Groove machte die Band so besonders und doch für viele zugänglicher als man es je vermuten würde. Als man sich ein Jahr nach ihrem Debüt langsam an Primus‘ sehr eigene Identität gewöhnt hatte, setzten sie 1991 ihr Zweitwerk Sailing The Seas Of Cheese – wunderbarer Albumtitel – vor, das neue Glanztaten der Band bereithielt: etwa die eigenartig berührende Story von Jerry Was A Race Car Driver, das militante Sgt. Baker oder das Duett mit Tom Waits, Tommy The Cat.

Metallica – Metallica (Black Album)

Ein weiteres Genre, das hiermit so sehr wie zuvor noch nie im Mainstream landete: Metal. Gut, im Vergleich zum Thrash Metal von Metallicas Vorgänger-Alben war das Black Album wesentlich simpler und zugänglicher, und die Sellout-Rufe seitens Metal-Puristen verfolgten sie seitdem ein Leben lang. Aber ganz ehrlich: Nur, weil es ein wenig softer und das meistverkaufte Metal-Album aller Zeiten ist, heißt das, dass das schwarze Album schlecht ist? Absolut nicht, es ist eines ihrer besten Alben. Heavy und düster ist es immer noch: Sad But True, Of Wolf And Man, Wherever I May Roam und so weiter, die gehen doch alle hart – allein schon wegen der riesigen Produktion von Bob Rock. Und wer perfekte Balladen wie The Unforgiven oder Nothing Else Matters schlecht findet, weil sie keine Thrash-Riffs enthalten, hat den Schuss auch nicht gehört.

Death – Human

Alle, die das Metallica-Album nicht als richtigen Metal ansehen, dürfen jetzt wieder aufatmen. Death haben nicht nur mit ihrem Bandnamen den Death Metal geprägt, auch musikalisch waren sie echte Pioniere des Genres. „Sie“ heißt in dem Fall vor allem Chuck Schuldiner, welcher die restlichen Bandmitglieder wie Unterwäsche wechselte. Aber er hatte eben auch die Vision: Er schrieb alle Riffs, Texte, Kompositionen und er sang. Beeinflusst durch den Thrash der 80er wollte Schuldiner etwas Härteres schaffen: noch schnellere und finsterere Riffs, rasante Soli, unvorhersehbare Songstrukturen und Growl-Vocals. Human war – sofern man in einem Nischengenre wie es das damals war, davon sprechen kann – Deaths Durchbruchsalbum. Doch schon zehn Jahre später sollte Schuldiner im Alter von 34 Jahren an einem Hirntumor sterben.

Element Of Crime – Damals hinterm Mond

1991 brachte einige tolle Debüts heraus, man denke an Ten von Pearl Jam; auch Bands wie The Smashing Pumpkins oder Blur veröffentlichten Erstwerke, die sie noch weit übertreffen würden, aber die schon mal Gutes versprachen. Damals hinterm Mond würden manche Fans als eine Art Debütalbum für Element Of Crime zählen, auch wenn es das absolut nicht ist. Die Band hatte schon einige Alben veröffentlicht, doch dies war der Moment, in dem sie vollends die Identität fanden, die sie heute noch legendär macht. Sven Regener wechselte zu deutschen Texten, was sich sofort als die größte Stärke der Band offenbarte. Sein witziger Schreibstil gehört zu den Exemplaren der großartigsten modernen Poesie über Liebe, Alltag und Absurditäten, die die deutsche Musiklandschaft je zu Ohren bekommen hat, während die stilvollen Kompositionen in seinen Bildern schwelgen lassen.

Queen – Innuendo

Nur wenige Classic-Rock-Giganten hatten 1991 noch etwas zu melden. Aber Queen setzten sich mit Innuendo ein letztes, großes Denkmal. Vor allem neun Monate nach der Veröffentlichung des Albums fühlte man dessen ganze Kraft umso stärker, denn am 23. November 1991 machte Freddie Mercury seine Diagnose mit AIDS-bedingter Bronchopneumonie öffentlich. Einen Tag später starb er. Mercurys Ringen mit dem Tod hört man in den bombastischen Songs des Albums, die noch mal so gefühlvolle, dramatische Höhen erreichten, wie Queen es in ihrer goldenen Ära geschafft hatten. Innuendo oder The Show Must Go On gehören zu den legendärsten Schwanengesängen auf ein Leben, die die Rockgeschichte kennt.

Talk Talk – Laughing Stock

Ein weiterer Schwanengesang, dieses Mal aber immerhin nicht todesbedingt, sondern weil Talk Talk sich danach auflösten. Nachdem die Gruppe in den frühen 80ern riesige Synth-Pop-Hits wie It’s My Life gelandet hatte, wurden sie zum Ende ihrer Karriere hin immer experimenteller und ruhiger. Zu Zeiten von Laughing Stock waren nur noch Chef-Visionär Mark Hollis und sein Drummer Lee Harris übrig, was Hollis aber zum Anlass nahm, etliche Musiker:innen einzuladen, um lange Stücke zu improvisieren. Keine angeberischen Jams aber, sondern andächtige Klanglandschaften, mit jazzigen Farbsprenkeln und subtilen Stimmungen. Die dynamischen Steigerungen, die Abkehr von Pop-Songwriting und die instrumentale Vielfalt auf Laughing Stock bildeten somit den Grundstein für das Genre Post-Rock.

Slint – Spiderland

Apropos Post-Rock: Auch dieses Album hat das Genre maßgeblich beeinflusst, auch wenn damals niemand wusste, wer Slint waren. Und auch danach blieb es still um sie: Die Band veröffentlichte ingesamt nur zwei Alben und verschwand dann in der Versenkung. Doch mit Spiderland schufen sie einen Underground-Klassiker, dessen Innovationen in so vielen unterschiedlichen Bands seitdem erkennbar sind. Die verschachtelten Riffs und Rhythmen wurden prägend, doch besonders am Album ist ihr Spiel mit Atmosphäre und Dynamik. Slint können in stetigen Wiederholungen von ganz leise zu herzzerreißend laut gehen und doch klingt wie es eine Band, die das alles in einem Raum performt. Darüber kommen gehauchte Spoken-Word-Vocals, die Kurzgeschichten erzählen. Es sind keine Geschichten, die man entschlüsseln muss, dennoch passen sie perfekt zur ominösen Stimmung der Musik und man lauscht gespannt jedem Wort. Eine Erfahrung, die allen ans Herz gelegt sei.

My Bloody Valentine – Loveless

Shoegaze ist ein Begriff, den man in Verbindung mit den 90ern oft hört, doch was ist das? Ein Stil von Musik, bei dem vor allem der Sound entscheidend ist: Gitarren, die in langen Reihen an Effektgeräten ertränkt werden, um einen riesigen, psychedelischen Klang zu erschaffen; laut und dennoch verträumt. Dabei kann der Gesang auch gern mal ein bisschen „zu leise“ sein, denn das erzeugt noch mehr das Gefühl, in diese erdrückende Sounddecke eingehüllt zu werden. Dieser Stil entwickelte sich bereits im Underground der 80er langsam, doch My Bloody Valentine machten ihn mit Loveless so prägnant wie nie zuvor. Ungewohnt und magisch klang das, und selbst wer sich das nicht anhören will, kann sich das Albumcover anschauen, um dieses einzigartige Gefühl direkt kommuniziert zu bekommen.

Guns N‘ Roses – Use Your Illusion I & II

Bevor der Grunge jeglichen Glamour der 80er endgültig begrub, hatte man 1987 das Gefühl, Guns N‘ Roses sei die neue Antithese zum Metal-Mainstream. Beflügelt vom Erfolg ihres Debüts Appetite For Destruction setzte sich die Band 1991 dann größere Ziele: ein riesiges Doppelalbum, das insgesamt über zweieinhalb Stunden geht und noch mehr Ideen erforscht. Neunminütige Power-Balladen? Check. Bluesige Rolling-Stones-Impressionen? Check. Gesang von anderen Bandmitgliedern? Check. Orchestrale Coversongs? Check. Hard-Rock-Hits? Check. Ausufernde, vulgäre Tiraden seitens Axl Rose? Check. Wem das alles zu lang und chaotisch ist, darf verständlicherweise mit dem Debüt vorliebnehmen. Aber gerade durch die neuen bluesigen Einflüsse und vielen, wilden Ideen ist Use Your Illusion noch spaßiger.

U2 – Achtung Baby

Beim Album The Joshua Tree schienen U2 bereits unaufhaltbar. Doch 1991 schufen sie mit Achtung Baby einen weiteren, ebenso großen Höhepunkt. Legendäre Produzenten wie Brian Eno und Flood unterstützten die Band in den Berliner Hansa Studios. Das erklärt auch den deutschen Albumtitel. So ulkig wie dieser Titel scheinen mag, so riesig sind die Stücke auf Achtung Baby: Die gefühlvollen Balladen, angeführt von One, der funky Groove von Mysterious Ways, und das dramatische Ende Love Is Blindness – alles zeigte, dass U2 noch mehr zu beweisen hatten.

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