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Die neue Heldin der Generation Z: Lola Young schreibt mit „I’m Only F**king Myself“ die Regeln neu

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Lola Young ist kein Popstar wie jede andere: Als sie mit Messy endlich ihren großen Durchbruch hatte, war sie gerade in einer Entzugsklinik, um vom Kokain loszukommen. Wenig später ist I’m Only F**king Myself da – ein unapologetisches, lautes, wüstes Pop-Manifest voller Sex, Sucht und Abgründe.

Der Pop war vieles in den letzten Jahren. Er war brat, sapphic, erfreulicherweise immer öfter bestimmt von jungen Frauen, die sich zurückholen, was ihnen die patriarchale Industrie viele Jahre lang genommen hatte – Kontrolle über ihre Körper und ihre Karrieren. Was das angeht, kann man Lola Young ganz an die Spitze dieser neuen Bewegung setzen. Die Südlondonerin hat letztes Jahr mit Messy ihren großen Durchbruch, eine ADHS-Hymne, die sich auf TikTok wie ein Lauffeuer verbreitet, von Promis in Clips genutzt wird und schließlich vier Wochen lang in Folge an der Spitze der UK-Singlecharts thront.

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Entzugsklinik statt Champagner

Doch anstatt diesen Erfolg mit rauschenden Partys und knallenden Champagnerkorken zu feiern, ist Lola Young zum Zeitpunkt ihres bislang größten Triumphs in einer Entzugsklinik, um vom Kokaoin loszukommen. Darüber spricht sie so offen und ehrlich wie über ihre schizoaffektive Störung oder ihre explizit ausgelebte Sexualität. „Es war ein Kampf“, sagte sie kürzlich in einem Interview über ihren Entzug. „Ich musste eine Weile weg sein, um mit einigen Dingen fertig zu werden. Aber es lehrt dich viel, wenn du süchtig nach Substanzen bist. Es macht dich einfühlsamer gegenüber anderen Menschen, die das Gleiche durchgemacht haben. Es ist einfach eine ständige Reise.“

Lola Young nutzt ihre Musik dazu, um sich mit ihren Süchten, Ängsten und Verlangen auseinanderzusetzen. Um sich so zu akzeptieren, wie sie ist. Das machen viele. Aber irgendwie hat man bei ihr immer den Eindruck, dass es hier wirklich keinerlei Filter, kein Verstellen gibt. Es ist einfach Lola Young – diese erstaunliche junge Künstlerin, auf die sehr bald Amy Winehouses früherer Manager Nick Shymansky und Adele-Entdecker Nick Huggett aufmerksam wurden.


Der Rest ist schon jetzt fast Geschichte: Auftritte in großen US-Late-Shows, im Frühjahr ihr Debüt bei Coachella, im Sommer ihr erster Auftritt bei Glastonbury. Und jetzt, gerade mal zweieinhalb Jahre nach ihrem Debüt, ihr drittes Album I’m Only F**king Myself. Das schreibt sie übrigens wirklich so – also mit den Sternchen. Die PC-Presse wird es ihr danken. Und in der findet sie eben längst statt – trotz expliziter Lyrik.

Rohes Coming-Of-Age-Werk

„Wenn ein Mann sagen kann, dass er nur wegen einer Sache hier ist, kann ich das auch“, sagt sie unapologetisch und selbstbewusst. Sprüche wie diese haben sie zu einer Heldin der Gen Z gemacht. Eben weil sie uns kein perfektes Glamour-Leben auf TikTok vorgaukelt, sondern offen zeigt, wie kaputt sie ist, welche Fehler sie macht, wie problematisch ihr Verhältnis zu Sex und Konsum ist. Lola Young ist ein wandelnder Widerspruch, und genau dieser Widerspruch ist das wild schlagende Herz von I’m Only F**king Myself. Es ist ein rohes und raues Coming-Of-Age-Werk, auf dem die 24-jährige Young einen ebenso düsteren wie überraschend heiteren Kampf mit ihren Lastern führt.

Denn bei allen exzessiven, problematischen, heftigen Themen ist die Musik oft erstaunlich aufmunternd. Da gibt es karge Gitarrensongs, Grunge-Liebeleien wie in Spiders, lässige Beats wie bei One Thing (Achtung: heißer Text!) oder fast schon Pop-Punk-artige Ausbrüche. Sex ist immer wieder das verbindende Thema, die Brücke zwischen allem. Post Sex Clarity ist so ein gutes Beispiel, in dem sich Lola Young schmerzlich bewusst macht, was sie da gerade wieder getan hat. „So offen über Sex zu schreiben ist meine Art, den Schmerz in dem Album zu maskieren“, sagt sie. „Es ist sozusagen mein Alter Ego, diese Sex-Sache – aber darunter liegen Schmerz und Aggression und Dinge, die ich durchgemacht habe.“ Einfach mal F*** Everyone hören. Und sie ein klein wenig besser verstehen.


Große Stimme, unbiegsamer Charakter

Wobei, eigentlich ist ihr das gar nicht wichtig. Sie hat sich mit ihren Widersprüchlichkeiten abgefunden, wie wir das alle tun sollten. Und legt ein turbulentes, wildes, abwechslungsreiches Album vor, das mit dem Neo-Soul von Sad Sob Story auf einmal sogar an Amy Winehouse erinnert. Kein Wunder: Bei allem Sex und bei aller Lautstärke darf man nicht vergessen, dass Lola Young eine grandiose Stimme hat. Und sich in einer Branche behauptet hat, die immer noch von Misogynie und Missbrauch durchzogen ist. „Es ist schwer, eine Frau zu sein, geschweige denn eine Frau in dieser Branche“, sagte sie im Guardian. „Im Rampenlicht zu stehen und Leute, A&Rs oder Label-Manager zu haben, die dich formen wollen.“


An Lola Young haben sich bislang alle die Zähne ausgebissen. Und so langsam hat sie eine Furchtlosigkeit und Größe erreicht, dass sich das auch niemand mehr trauen wird.

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