„JINX“ von Waterparks: Kontrolliertes Chaos in Neonfarben

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Foto: Ashley Osborn

„JINX“ von Waterparks: Kontrolliertes Chaos in Neonfarben

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Waterparks haben noch nie so geklungen, als würden sie sich zwischen Pop-Punk-Band, tanzbarem Pop und auditivem Nervenzusammenbruch entscheiden wollen oder müssen. Auf JINX wird genau diese Unentschlossenheit endgültig zum Konzept. Das sechste Album des Trios umfasst 13 Songs in rund 40 Minuten und entstand, nachdem die Band den ursprünglich geplanten Nachfolger zu INTELLECTUAL PROPERTY verworfen hatte. 

Jetzt betreten Waterparks mit JINX eine neue Bühne und es bleibt grell, theatralisch, hochkomprimiert und im besten Sinne vollgepackt mit Punchline-Lyrics, gänzlich explorienden Refrains und sorgsam ausgewählten Random Sounds wie einer Supermarkt-Karen oder einem Sprachassistenten. 

Vom Fegefeuer zur Ohrfeige für die Industry

JINX startet mit TELL ME WHY mit einem musicalartigen Song, der eine Geschichte rund um Tod, Fegefeuer, Himmel und Hölle erzählt und dabei trotzdem in gewohnter Waterparks-Manier eher so halb-ernst bleibt. 

Vom irdischen Exit-Interview und der Suche nach dem Sinn des Lebens geht’s dann auch direkt weiter mit RED GUITAR, IF LYRICS WERE CONFIDENTIAL und PROWLER. Die drei Tracks setzen auf pochende Synth-Bässe und nervöse Effekte, während die Gitarren eher rhythmische Texturen beisteuern als tragende Melodien. Die Refrains gehen auf und bleiben direkt im Kopf hängen. Knights Gesang wechselt zwischen Melodie, Sprechgesang und aggressiven Hip-Hop-Kadenzen. Die kommen besonders bei IF LYRICS WERE CONFIDENTIAL zur Geltung. Hier gewährt uns Awsten einen Blick in seinen durchaus verwinkelten Kopf, die Lyrics sind dicht geschrieben, haben einen frechen, perfekt zum Instrumental passenden Flow und die Musikindustrie kriegt in dem Aufwasch auch noch eine Breitseite mit. Der Song ist einer der Momente, in denen Awsten Knight jede Form von diplomatischer Zurückhaltung über Bord wirft, wenn sie denn zuvor überhaupt da war. Eingeleitet von einem vorbeirauschenden Zug, rast der Track auf einem wuchtigen, von 90er-Hip-Hop geprägten Beat durch Knights Abrechnung mit übergriffigen Fans, kalkulierenden Labels und einer Musikindustrie, die aus jeder Persönlichkeit verwertbaren Content machen will. Synthesizer, Gitarren und hektische Backing Vocals drängen sich im Refrain zu einem grellen Klangknäuel zusammen, während das harmlose „Na-na-na“ wie eine zynische Zensurmaske über dem eigentlichen Wutausbruch liegt, der gleichzeitig wie ein Pophit und ein Diss-Track klingt. 


In die gleiche Kerbe schlägt PROWLER, auch hier wird nochmal abgerechnet, mit einer Musikindustrie, die Künstler:innen erst zu Heilsfiguren erklärt und anschließend beim Zusammenbruch zusieht. 

Nach diesen zwei doch eher dystopisch klingenden Songs wird es höchste Zeit, mit BETTER THAN THERAPY in Waterparks-Manier über Liebe zu sprechen. Ein Freizeichen führt in strahlende Gitarren, federnde Drums und einen Refrain, der mühelos kleben bleibt. Hier öffnet sich das Album stärker und erinnert ebenso wie NO NO NO NO NO an Entertainment und FANDOM. Und so liebevoll und positiv der Song auch klingen mag, so sehr zeigen uns die clever geschriebenen und mit vielen Wortspielen versehenen Lyrics, dass hier eher an eine gemeinsame Form des Kontrollverlusts als an eine gesunde Beziehung zu denken ist.

Horny Pop-Punk

Nach der manischen Ekstase machen Waterparks mit NOBODY BUT YOU sofort das große Licht aus. Zupfende Gitarren und wie Kerzenlicht flackernde Beats bilden ein auffallend schlankes Arrangement, das den Lyrics und Awstens Stimme viel Raum lässt. Der Song startet mit einer direkten Einladung zu einem sehr expliziten Stelldichein, es geht um brennende Bettpfosten und ganz viel – sagen wir – Nähe. Ein eleganter horny Fiebertraum. 


NO NO NO NO NO ist ein weiterer klarer Pop-Höhepunkt der Platte: sonnige Gitarren treffen auf elektronische Farben und ein chiptuneartiges Solo, das wie ein kurzer Ausflug in ein überdrehtes Videospiel wirkt. Ebenfalls gelungen ist GWEN STEFANI. Schrille Bläser verwandeln den Song in eine Art groteske, bunte Pop-Parade. PLAYING MUSIC liefert dann den notwendigen Gegenpol. Akustische Gitarren und eine wesentlich luftigere Produktion lassen zum ersten Mal Wärme in das Album. Wo viele Songs auf JINX klingen, als würden sie um jeden Zentimeter im Frequenzspektrum kämpfen, lässt PLAYING MUSIC bewusst Luft.

Im letzten Drittel dehnt sich die Platte erneut aus. MIRAGE verbindet Klavierfiguren mit weit geöffneten Refrains und hallenden Vocals; aus der klaustrophobischen Produktion der ersten Hälfte wird kurz eine große, fast schwerelose Kulisse. TASTES LIKE TANGERINE schlägt danach wieder ins Gegenteil um: industrielle Beats, gepitchte Stimmen, kosmisch wirkende Effekte und eine raue Garage-Rock-Schicht stapeln sich übereinander. Der Track hat gleichzeitig diese klassische Waterparks-Energie, die man sonst von Songs wie Turbulent oder FUCK ABOUT IT kennt.


ANY MINUTE NOW fängt das Album schließlich mit Streichern und klassischer Pop-Rock-Dramatik ein und auf. Der Song schließt in Sachen Sinnsuche an den ersten Track des Albums an und setzt bei zurückhaltender Produktion einen klaren Fokus auf die Lyrics. Ein klassischer Millennial-Coming-of-Age-Track, der auch den Generationenkonflikt und die unterschiedlichen Möglichkeiten zwischen Millennials und Boomern nachzeichnet, zu dem sicherlich viele relaten können. 

Ein besonderes Gem

Waterparks schließen das Album mit einem Banger. Aber nicht in Sachen Sound oder Produktion, sondern in Sachen Statement. GIRLS NEED GUNS ist ein ruhiger, getragener Song, in den ein Gespräch zwischen Awsten Knight und seiner Mutter Ginny eingewoben ist, in dem sie von der Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen, den Fortschritten der Frauenrechtsbewegung und ihrer Angst vor deren gegenwärtiger Demontage erzählt. Der eigentliche Song bricht nur kurz durch diese dokumentarische Intimität: ein düsterer, beinahe protestliedhafter Refrain, der aus persönlicher Sorge eine politische Warnung macht. Waterparks zeigen hier einmal mehr, wie einfach es (eigentlich) ist, Frauen Raum und Stimme zu geben, ihren Perspektiven Sichtbarkeit zu verleihen und nicht über einen Sachverhalt aus der eigenen Perspektive zu sprechen, sondern einen Schritt zurück vom Mikrofon zu machen und tatsächlich Betroffene zu Wort kommen zu lassen. So nimmt Awsten Ginny auch kurzerhand mit aufs Cover der aktuellen Rock Sound-Ausgabe: 

GIRLS NEED GUNS wirkt weniger wie ein klassischer Albumtrack als eine Sprachnachricht aus einer Gesellschaft, die längst wissen müsste, wohin Rückschritte führen, und wird so zum stillen, unbequemen Epilog.

JINX: Ein grotesker Vergnügungspark

JINX hat alles, was man von einem Waterparks-Album 2026 braucht: Wir haben Gute-Laune-Tracks wie TELL ME WHY, die sich nicht so richtig ernst nehmen, bouncy Bops wie BETTER THAN THERAPY, emotionale Mitsingtracks wie ANY MINUTE NOW und natürlich auch was für die horny Ecke mit NOBODY BUT YOU, alles verpackt in fulminante, bunte Sound-Welten, die leichtfüßig sind und inhaltlich trotzdem Haltung zeigen.

Soundtechnisch ist von Gitarrenwänden und einer unendlichen Bandbreite an Synthesizern auch für reine Pop-Fans viel dabei. Waterparks behandeln auf JINX die klassische Bandbesetzung eher als einen Bestandteil unter vielen. Otto Woods Drums liefern zwar das Fundament und Geoff Wigingtons Gitarren setzen immer wieder scharfe Konturen, doch im Vordergrund stehen elektronische Impulse, Vocal-Schnipsel, digitale Verzerrungen und Effekte, die permanent um Aufmerksamkeit kämpfen. JINX klingt dadurch irgendwie nach einem Kontrollzentrum, bei dem alles gleichzeitig passiert und abgefeuert wird. Das kann anstrengend sein. Dennoch wirkt die zeitweise Überproduktion diesmal meist zielgerichtet. Das Chaos folgt einer Dramaturgie, statt bloß möglichst viele Ideen gleichzeitig auszustellen.


Waterparks bauen ihre Songs quasi wie digitale Collagen: Gitarren dürfen nach Synthesizern klingen, Stimmen werden zu Instrumenten und Pop-Refrains stehen direkt neben Musical, R&B, Hip-Hop und Industrial. JINX klingt wie ein greller, neurotischer Vergnügungspark, in dem hinter jeder Attraktion eine neue Existenzkrise wartet – widersprüchlich, manchmal ein bisschen künstlich, dabei trotzdem immer authentisch und gänzlich ehrlich, und damit auch schon wieder organisch und gerade deshalb unverkennbar Waterparks.

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