„Judas“: Die Expanded Edition von „Nebraska“ ist ein Schatz für alle Springsteen-Fans
platten24.10.25
Born In The U.S.A. akustisch und Atlantic City elektrisch: Bruce Springsteen dreht seine eigene Karriere auf links und begeistert mit einer extensiven Erweiterung seines Americana-Meisterwerks Nebraska.
Es sind gute Zeiten für Bruce-Springsteen-Fans. Das sind sie ja eigentlich meistens, weil der Boss einfach nicht aufhört, grandiose Konzerte zu spielen, neue Musik zu veröffentlichen oder ungeahnte Raritäten aus seinen Archiven zu teilen. Derzeit sind es aber eben besonders gute Zeiten: Neben dem just angelaufenen Biopic Deliver Me From Nowhere veröffentlicht Springsteen mit Nebraska ’82: Expanded Edition eine umfassende Retrospektive, das endlich die ganze Story seines grandiosen Americana-Albums erzählt.
Fans warten seit Jahrzehnten darauf
Fünf Platten nimmt sich Bruce Springsteen Zeit, um die Genesis von Nebraska endlich mal in ihrer verdienten epischen Breite zu erzählen. Fans wissen natürlich, wie schwierig diese Phase für den Boss war. Damals, zu Beginn der Achtziger, ist er gerade auf dem Weg zum Superstar, aber eben noch nicht ganz da. Born In The U.S.A. ist noch nicht erschienen, die Songs dieses Durchbruchs entstehen aber parallel zu jenen von Nebraska. Geschrieben in der Abgeschiedenheit seines Hauses in Colts Neck, wollen die spröden, kargen Akustiksongs nicht so recht in das Rock’n’Roll-Gerüst der E Street Band passen. Also erscheinen sie so, wie er sie komponiert hat: ohne Elektrifizierung, auf einem Vier-Spur-Rekorder.
Heute gilt das Album als eines von Springsteens besten. Doch seit Jahrzehnten tuscheln Fans über die Fassungen der Songs, die er mit der E Street Band aufgenommen, aber dann verworfen hat. Dieses als Electric Nebraska bekannte Album ist jetzt endlich da. Und ist eine echte Sensation: Natürlich sind das völlig andere Songs, natürlich ist das was anderes als die introvertierte Folk-Ballade, die wir seit 43 Jahren lieben. Aber genau das macht die elektrische Version dieser Songs ja gerade so aufregend. „Judas!“, mag man Dylan an den Kopf geworden haben, als er die elektrische Gitarre für sich entdeckte. Springsteen kann man zu diesen Songs nur gratulieren. Sie tragen einen anderen Zauber in sich. Aber eben doch einen Zauber.
Electric Nebraska ist eine Sensation
Acht Songs sind es. Und dass es diese acht Songs überhaupt gibt, hat nicht zuletzt Springsteen selbst erstaunt. „Ich kann jetzt schon sagen, dass es das nicht gibt“, sagte er noch im Juni 2025. Nur um dann doch mal in seine Asservatenkammer herabzusteigen und diese acht Lieder zu finden. Eine echte Sensation. Electric Nebraska ist nicht komplett, erzählt die Geschichte des Akustik-Albums nicht Song für Song nach. Dafür enthält sie beispielsweise mit Born In The U.S.A. eine fesselnde Version des späteren Megahits, die mit ihrer kehligen Country-Intensität und dem schroffen Sound fesselt – die beste Version, die es von diesem Lied jemals gab!
Dieselbe Nummer gibt es zudem noch in der Demo-Version von 1982. Und die hätte mit ihrem Americana-Spirit gut auch auf Nebraska stehen können. Hier wird exemplarisch deutlich, wie besonders und offen diese Phase seiner Karriere war. Und ihn endgültig zum Weltstar macht.
Die erste Live-Aufführung des Albums
Auch die übrigen Platten haben Aufregendes zu erzählen. Es gibt Outtakes der Nebraska-Sessions (wie das berührende Gun In Every Home) sowie die erste komplette Live-Aufführung des Albums als Live-Platte und Konzertfilm, aufgezeichnet von Thom Zimny im Count Basie Theatre in New Jersey. „Als ich diese Songs für die Aufnahmen noch einmal gespielt habe, hat mich ihre Bedeutung tief beeindruckt“, sagte Springsteen über die Aufnahmen. „Ich habe viele andere narrative Alben geschrieben, aber diese Songs auf Nebraska haben einfach etwas Besonderes, sie haben eine gewisse Magie.“ Na, das fällt ihm aber hoffentlich nicht erst jetzt auf!
Abgerundet wird das Box-Set durch eine neu gemasterte Fassung des Originalalbums, das auch mehr als 40 Jahre später nichts von seinem Mythos und seinem Ausdruck verloren hat. Wenn überhaupt, dann fühlt man die Songs nach dem Genuss dieser musikalischen Reise sogar noch mehr.