Review: Celeste betört, begeistert und bewegt mit dem zeitlos-düsteren „Woman Of Faces“

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Foto: Universal Music

Review: Celeste betört, begeistert und bewegt mit dem zeitlos-düsteren „Woman Of Faces“

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Nur 34 Minuten braucht Celeste für ein spätes Jahres-Highlight: Der dunkle Neo-Soul von Woman Of Faces streichelt die Seele und wirkt wie ein zeitloser Liederzyklus durch die gepeinigte Geschichte dieser Musik und ihr eigenes Leben.

Nur ein Album braucht Celeste, um vom Geheimtipp zum nächsten Superstar zu werden. Ein Album allerdings, das es in sich hat: Mit Not Your Muse verzaubert die Songwriterin aus Brighton erst Großbritannien und dann den Rest der Welt. Am Ende ihres ersten Albumzyklus ist sie für mehrere Brit Awards, den Mercury Prize und einen Oscar nominiert, bekommt Gold in ihrer Heimat und ist Dauergast im Fernsehen.

Darauf baut man eigentlich möglichst schnell auf. Eigentlich. Denn bei Celeste läuft alles ein bisschen anders als bei ihren Kolleginnen und Kollegen aus dieser so überaus schnelllebigen Industrie, die dem Altar des Algorithmus stetig neue Opfergaben darreicht. Sie nimmt sich Zeit für einen Nachfolger, über vier Jahre, um genau zu sein, um auf gar keinen Fall vorschnell in die Falle der Redundanz zu tappen.

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Celeste produziert sich selbst

Sie weiß sehr genau, was sie will, weiß, wie sie ihre Liebe zu Bands wie den Supremes mit ihrer Vorliebe für Chanson und alten Jazz verbinden will. Ihr Produzent Jeff Bhasker, der vor ihr schon mit Harry Styles oder Taylor Swift gearbeitet hat, will es aber eben besser wissen. Sie fetzen sich, am Ende produziert sie das Album selbst.

Das ist ein Glücksgriff, wie es ihn in der Musik nur sehr selten gibt. Hier hören wir das vollständig realisierte Potential einer Künstlerin, die nicht nur mit einer großen, strahlenden, über allem schwebenden Stimme gesegnet ist. Sondern auch mit Songwriting-Talent, musikalischem Gespür und einem Faible für die Stille zwischen den Tönen. Das führt auf ihrem zweiten Album Woman Of Faces zu einem Album, das deutlich weniger kommerziell wirkt als sein Vorgänger und schlafwandlerisch zwischen karg und opulent oszilliert.

Chanson, Soul und Jazz

Celeste führt uns abwechselnd auf eine Chanson-Bühne der Vierziger, schmiegt sich in die Wärme des Sechziger-Soul, zitiert den Jazz der goldenen Zwanziger. Und lebt sich vor allem in Sachen Orchestrierung nach allen Regeln der Kunst aus. Gegen die war Produzent Bhasker offensichtlich besonders. Schwer verständlich, wenn man sich diese Ergebnisse anhört.

Woman Of Faces ist aber beileibe kein Retro-Album. Die Klaviernummer People Always Change etwa zitiert Philip Glass, überhaupt wirkt der Produktionston durch die gewollte Kargheit modern, mindestens aber zeitlos. Und düster. Durchaus düsterer sogar als der Vorgänger. Das wird auch durch die inhaltliche Seite der Songs verstärkt. Die Songs erzählen vom gesellschaftlichen Druck, der auf Frauen lastet, und den schädlichen Auswirkungen der Technologie auf unser Leben. Zusammengehalten wird alles vom langsamen Sterben und letztendlich krachenden Auseinanderbrechenden einer Beziehung.

Die Tragik einer Amy Winehouse

Das alles fließt elegisch, kühl, gedankenverloren, fast ohne Percussions. Der unerwartet heftige Ausbruch von Could Be Machine mit seinen spitzen Streichern und rasenden Drums wirkt da natürlich doppelt heftig.

Es ist ein mutiges zweites Album. Aber gerade deswegen auch ein konsequentes zweites Album. Ein Liederzyklus, der die tragischsten Momente von Amy Winehouse und Adele umarmt und von zeitloser Schönheit ist. Mit Mainstream-Pop hat das alles rein gar nichts zu tun. Aber das würde eh längst nicht mehr zu Celeste Epiphany Waite passen: Nach Trennungsschmerz, Auseinandersetzungen mit Produzenten und Plattenfirma und der kathartischen Reise durch private wie berufliche Turbulenzen steht sie stärker denn je wieder auf – und legt ein Album vor, das von ihrem Überleben erzählt. Davon profitieren wir letztlich alle. Weil sie zeigt, wie viel Kraft und Zuversicht man in sich selbst finden kann.

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