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Sie hatten es immer schon in sich. Diesmal ist es soweit: Mit Dear God veröffentlichen The Pretty Reckless eine wahrhaft große Rockplatte. Nicht nur, weil sie voller riesiger Hits und musikalischer Ausnahmeathletik ist. Sondern weil Taylor Momsen und ihre Boys endgültig bei sich angekommen sind. Was für ein Ritt.
The Pretty Reckless sind ein Phänomen. In den Anfangsjahren ab 2010 sah sich die Band um Schauspielerin Taylor Momsen natürlich leider zuhauf der anwidernd misogyn gefärbten Kritik ausgesetzt, was denn jetzt so ein Schauspieler-Girl wie sie in einer Rockband zu suchen habe. Deppen wie diese gibt es bis heute, darüber müssen wir gar nicht reden; in den vergangenen Jahren musste aber auch der letzte verbohrte AC/DC-Ultra anerkennen, dass es gegenwärtig wenige Bands gibt, die dem Rock’n’Roll so leidenschaftlich, unnachgiebig und bedingungslos huldigen wie diese Band aus New York City.
The Pretty Reckless im Circle Store:
Nur ein Schauspiel-Girlie, das auf Rockerin macht?
Mit ihren Studioalben machten sie 2010, 2014, 2016 und zuletzt 2021 große Sprünge, die letzten Jahre waren sie auf Wunsch von AC/DC mit den Hard-Rock-Legenden auf extensiver Welttournee, heute sind sie in den USA die erste Rockband mit einer Sängerin, die sieben Singles an die Spitze der Mainstream-Rock-Charts brachte.
Aber klar. Nur ein Schauspiel-Girlie, das auf Rockerin macht.
The Pretty Reckless gegen den Rest der Welt
Die Zutaten, die sind alle seit Jahren da. Die Band hat bewiesen, dass sie große Hits kann, dass sie aber auch emotionale Tiefe beherrscht und in Sachen Songwriting über die Jahre zu einer echten Macht geworden ist. Dear God bringt das alles unter einen Hut und demonstriert zugleich ein stärkeres Gefühl der Geschlossenheit und Verschworenheit als jedes andere Album. Diese Band steht zusammen. Und nimmt es notfalls mit der ganzen Welt auf.
Die Fünfte von The Pretty Reckless ist keine Neuerfindung und vielmehr eine Identitätsbekundung, ein Glaubensbekenntnis an das eigene Können. Dear God ist der Sound einer Gruppe, die sich in ihrer Haut rundum wohlfühlt, die sich spätestens jetzt nichts mehr beweisen muss. Exemplarisch zeigt das der monumentale, ergreifende Titeltrack, ein wahres Monstrum zwischen Stadionenergie und verzweifelter Melancholie. „Wenn das Leben so körperlich, so brutal wird, verlässt man seinen Körper und beginnt, etwas Größeres als sich selbst anzuflehen, einen da herauszuziehen“, so Taylor Momsen über den Song. „Dieser Raum zwischen Himmel und Hölle ist keine Metapher. Es ist ein Ort, an dem man tatsächlich lebt.“
Zwischen Bedrohung und Katharsis
Was die Songs so stark macht, ist, dass sie nicht nur Haudrauf-Kracher oder sanfte Balladen sind. Jedes Stück trägt große Energie und große Verletzlichkeit. Weil eh beides zusammengehört – Licht und Schatten, Freud und Leid. Dear God ist ein wilder Ritt durch dieses Possenspiel namens Leben, durch die Euphorie grandioser Nächte, das kalte Licht des bösen Erwachens am nächsten Morgen. Rückschläge und Höhenflüge haben beide einen festen Platz in jedem Leben; es scheint aber irgendwie so, als würde es Taylor Momsen besser gelingen als den meisten, daraus universelle Songs zu machen. Und diese Songs ganz nebenbei mit der Gesangsleistung ihres Lebens in die Welt hinaustragen. Auch gesanglich besaß sie schon immer die seltene Fähigkeit, Kraft und Verletzlichkeit zu vereinen – mehr denn je tut sie das auf Dear God mit einer Range zwischen bedrohlich und kathartisch, fordernd und abgekämpft.
Vielleicht liegt der Zauber des Albums daher auch in seiner Vielschichtigkeit. Kernige Hard-Rock-Abrissbirnen treffen auf melancholische Reflexionen, fast schon punkige Attitüde reicht schweren Sabbath-Riffs die Hand, manchmal blitzt auch ein wenig Classic-Rock-Charme in den Stücken auf. Rock’n’Roll ist eben mehr als ein Riff, ein Takt, ein Basslauf. Es ist die ganze wilde Welt dieses Genres, das seit über 70 Jahren nicht aufhört zu faszinieren. Weil es immer wieder Ausnahmeerscheinungen wie The Pretty Reckless hervorbringt.