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Foto: PETROS

Review: Sienna Spiro ist kein „Visitor“ mehr, sondern eine umwerfende Kraft

Mit dramatischen Soul-Balladen wie Die On This Hill, die klingen, als kämen sie aus einer anderen Zeit, zog Sienna Spiro sämtliche Aufmerksamkeit auf sich. Nun manifestiert sie ihren Stil mit ihrem Debütalbum Visitor, welches sich als ein Besuch mit bleibendem Eindruck herausstellt: mal reduziert, mal episch, stets vintage und gesanglich entwaffnend.

Sienna Spiro ist keine Besucherin der Popwelt mehr, spätestens jetzt. Die Zeit der hype-schürenden ersten Singles ist vorüber. Nun ist es Zeit, sich mit einem ganzen Album zu beweisen. Schafft Sienna Spiro das? Absolut. Die zehn Songs auf Visitor zeigen, dass Sienna Spiro sich den oft so schnell herumgeworfenen Ruf der „neuen großen Popstimme“ verdient hat. Nicht nur mit ihrer in den Himmel gelobten Stimme, auch wenn diese wirklich umwerfend ist. Auch ansonsten sitzt hier schon vieles.

Visitor fürs Plattenregal:

Kann man es der Gen Z verübeln?

Als titelgebenden Visitor sieht Sienna Spiro sich selbst eher emotional. Nach eigener Aussage plagt sie ein starkes Bewusstsein der Vergänglichkeit: 

„Ich habe große Angst davor, dass Dinge enden und Menschen gehen. Diese Angst ist so intensiv, dass ich mich oft gar nicht erst auf neue Beziehungen einlasse, oder auf irgendetwas anderes, von dem ich weiß, dass es keinen Bestand haben wird. So habe ich den Großteil meines Lebens mit dem Gefühl verbracht, nur eine Besucherin zu sein; jemand, der bloß auf der Durchreise ist.“

Sienna Spiro

Diese Art von Bindungsangst, Isolation und Pessimismus, die Sienna Spiro beschreibt, ist besonders in ihrer Generation ein präsentes Gefühl. Und kann man es der Gen Z verübeln? Bei den unrealistischen Standards und scheinbar endlosen Möglichkeiten, die Social Media und Dating-Apps vermitteln, wer wäre da nicht unsicher? Bei der politischen und klimatechnischen Lage, in der die Welt steckt, ist es da realitätsfern, sich auf prekäre Situationen einzustellen?

Betont altmodisch

Was wiederum überhaupt nicht modern ist: Sienna Spiros Sound. Sie bedient sich an Soul-Größen wie Etta James und schmettert ihre Balladen mit einer eleganten Theatralik hin, als stünde sie stets auf der Bühne einer prunkvollen Konzerthalle. Während man auf ihrer EP Sink Now, Swim Later zeitgenössischere Einflüsse wie Billie Eilish oder Frank Ocean noch deutlicher heraushörte, steigt Visitor komplett in die atmodische Noir-Ästhetik hinein. Hauptsächlich Klavier, Streicher, in dramatischen Momenten auch mal Pauken, erklingen mit einem fantastisch organischen Sound. Aufgenommen mit einem hochkarätigen Produktionsteam in Studios wie Abbey Road und Electric Lady – da würde man auch nichts Geringeres erwarten.

Wie dramatisch die Mischung aus Orchester und Sienna Spiros Stimme geraten kann, versprach schon ihr Überhit Die On This Hill, der auch hier auf dem Album zu finden ist. Ähnlich episch geht es im Titeltrack zu, und vor allem bei Time, You & Me. Letzterer hat etwas von Nancy Sinatra, Western und James-Bond-Songs. „Time waits for no one“, um solch große Zeilen mit solch großem Instrumentarium drumherum zu singen und nicht kitschig zu klingen, braucht man eine große Stimme. Die hat Sienna Spiro zum Glück. In Time, You & Me haut sie einen endgültig um.

Über Sienna Spiros Stimme wurde schon viel gesagt und das ist auch berechtigt. Leicht rauchig und brechend, sanft und dabei doch so kraftvoll. Zwischen laut und leise wechselt sie oft innerhalb eines einzelnen Tons und beherrscht damit eine unfassbare Emotionalität. Ein gutes Beispiel ist We’re Not In Love. Der Song beginnt leise und steigert sich über die Laufzeit stetig weiter. Dafür muss er aber nicht mal immer mehr Instrumente hinzufügen, die Intensität schafft Spiro allein mit der Kontrolle ihrer Stimme.

Die dunkle Tonalität ihrer Stimme passt auch gut zu den lässigeren Grooves in Great Expectation und He’s Not My Baby, I’m His. Hier spürt man deutlich Sienna Spiros Hip-Hop-Einfluss, der geschmackvoll ins alte Soundbild integriert ist. Denn bei aller Theatralik kann sie auch nonchalant. Insbesondere He’s Not My Baby, I’m His lässt den Bass frei herumspielen und liefert einen starken Refrain. Zeilen wie “He’s twice my age, it’s a guilty pleasure” und “I like it when he says I’m too young to know / Know what this is” lassen zwar ein wenig stutzen. Das erinnert ein bisschen an eine von Lana Del Rey oft so romantisierte toxische Liebe, aber dieser Vergleich ergibt zumindest mit dem musikalischen Stil des Songs Sinn.

Ein Throwback mit Berechtigung

Bei vintage-verliebten Künstler:innen, die sich vor allem Throwbacks widmen, besteht manchmal die Frage: Braucht es das? Hat Musik, die hauptsächlich Vergangenes wieder aufwärmt, tatsächlichen Mehrwert? Man könnte doch genauso gut die Platten aus den 50ern hören. Bei Sienna Spiro erübrigt sich die Frage recht schnell. Klar, die Ästhetik ist schon sehr eindeutig. Und muss wirklich jeder zweite Song mit diesem klassischen ruhigen Klavieroutro enden, wo der Refrain dann nochmal mit einem besonders bittersüßen Akkord verfeinert wird? Außerhalb dessen übertreibt Sienna Spiro es eigentlich nie mit den Klischees.

Ein Throwback, der so gut umgesetzt ist und obendrein so viele junge Fans wie wenige andere Newcomer:innen erreicht, der hat absolute Daseinsberechtigung. Sienna Spiro hat schön komponierte Songs, sie hat eine Stimme, die dafür gemacht wurde, solche Songs zu singen, und sie hat doch noch den textlichen Einblick in den Kopf einer 20-Jährigen. Solange sie sich ab hier nicht nur auf ihre Idole versteift, wird man von ihr noch lange hören.

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