Vor einigen Wochen sprachen wir mit Big Thief bereits darüber, wie sie ticken und ihre Musik angehen – das könnt ihr hier nachlesen. Nun gibt es hier den zweiten Teil des Gesprächs, in dem sich alles um ihr neues Album dreht: Double Infinity.
Weinen im Wald
Für Big Thief war der Weg zu Double Infinity ein Neuanfang. Im Jahr 2024 verließ sie ihr Bassist Max Oleartchik und das übrige Indie-Folk-Trio musste sich neu orientieren. Adrianne Lenker, die markante Sängerin und Songwriterin der Band, berichtet von „Wachstumsschwierigkeiten“ und erzählt: „Wir versuchten, das Album als Trio im Wald zu machen. Aber am Ende haben wir drei Wochen lang nur geredet, geweint und Dinge verarbeitet.“
Normalerweise waren Big-Thief-Alben immer auf dem Land entstanden, nun aber schlug Gitarrist Buck Meek vor, es in New York City aufzunehmen. Statt frischer Luft und einem See, in den man springen konnte, waren sie nun von Verkehr, Lärm und Hektik umgeben.
„Lasst uns Rock’n’Roll machen“
Dabei klingt Double Infinity alles andere als hektisch, sondern warm, mystisch, holzig – das scheint einfach Big Thiefs magischer Fingerabdruck zu sein – und vor allem: gemeinschaftlich. Man hört, dass nicht nur das Trio, sondern bis zu zwölf weitere Musiker:innen dabei waren und alle in einem Raum gemeinsam spielten. Mit so vielen Leuten hatten Big Thief das bisher noch nie gemacht, aber es lehrte sie eine neue Form des Zuhörens.
James Krivchenia, der Drummer des Trios, erklärt die Herausforderung darin: „Ich trete bestimmt vier Leuten auf die Zehen, wenn ich zu viel heraussteche. Du findest also Momente, in denen du aussteigen kannst, aber du hörst auch einfach nur zu.“ Buck Meek an der Gitarre erzählt, ein Freund habe ihm mal drei Richtlinien guter Studiomusiker:innen beigebracht: „Finde ein Register, das sonst niemand spielt. Finde einen Rhythmus, den du einfach wiederholst. Und finde einen Ton, der einen Ausgleich zu dem darstellt, was sonst passiert.“ So mussten alle ihren eigenen Platz im Song finden.
Durch diese große Besetzung klingen die Songs noch rhythmischer und psychedelischer als die alten Big Thief. Die ursprüngliche Idee war laut Adrianne Lenker: „‚Lasst uns Rock’n’Roll machen.‘ Und dann entwickelte es sich zu etwas Erhabenem oder Wachem und Ätherischem.“ Besonders ungewohnt wirken die Songs No Fear und Happy With You, die nur wenige Textzeilen haben, diese stetig wiederholen und drumherum einen psychedelischen Jam aufbauen.
Die Zeit ist eine Limette
Die Repetition darin passt zu einem Thema, das sich durchs Album zieht: Zeit. Auf No Fear singt Lenker: „There is no time / Round like a lime“. Zeit ist rund und unendlich – und die Liebe ebenso! Songs wie Los Angeles und How Could I Have Known erzählen von endenden Beziehungen, bei denen aber immer das Wissen mitschwingt: Auch wenn das hier endet, bleibt die Liebe als mächtigste Kraft für ewig erhalten.
Sind also Liebe und Zeit die doppelten Unendlichkeiten aus dem Albumtitel? Jein. Unter dem Konzept der Double Infinity hatte Lenker eine andere Vorstellung: „Das ist für mich das Makro und Mikro, das Hineinzoomen und Herauszoomen. Alles ist unendlich draußen im Kosmos, aber auch unendlich klein in dir. Wenn man in Dinge hineinzoomt, kann man immer weiter gehen, vermeintlich unendlich; und auch äußerlich sind die Dinge unendlich.“ Dazu gehöre alles, was vor und nach dem eigenen Leben kommt; und auch Liebe und Zeit stecken darin, meint sie.
Analogfilm und HD-Kameras
Das klingt alles vielleicht etwas hippiehaft dahergequatscht. Aber Adrianne Lenker hat eine komplett unkitschige Art der Poesie, die große Themen wie diese in spezifischen Details des Lebens einfängt. An manchen Stellen auf Double Infinity schreibt sie aber auch ungewohnt simpel und direkt.
Lenker erklärt, sie mache beides gerne: mal in dekorativen Metaphern, mal sehr wörtlich schreiben. Dafür hat sie einen spannenden Vergleich: „Analogkameras drücken die Art, wie sich ein Ort tatsächlich anfühlt, besser aus als eine HD-Kamera. Wenn man einen Sonnenuntergang auf einem Filmfoto fotografiert, ist es weniger hochauflösend, aber es definiert den Moment genauer. Es kommt der Atmosphäre eines Sonnenuntergangs näher, obwohl es körnig ist. Vielleicht liegt das daran, dass die Linsen, durch die wir die Dinge sehen, unvollkommen sind. Manchmal kommt es mir vor, als würde ich mit dieser Filmkamera fotografieren. Die weniger detailliert ist, dafür aber irgendwie poetisch. Es geht nur darum, das Gefühl zu vermitteln.“ Manchmal fotografiere sie aber eben auch in HD – wie im Song Happy With You, der fast ausschließlich aus zwei Zeilen besteht: „I’m happy with you / why do I need to explain myself?“
Das Große im Kleinen
Krivchenia ergänzt, man brauche Spezifizität, um etwas Breites auszudrücken. Nebulöse, riesige Themen mit echten Erfahrungen veranschaulichen, genau das beherrsche Lenker so gut, meint Krivchenia: „Das gibt den Hörer:innen so etwas wie: ‚Oh, das habe ich neulich getan, ich kenne dieses Gefühl.‘ Menschliche 2025-Dinge.“
Das passt wieder zum Konzept der doppelten Unendlichkeit, erklärt Lenker: „Je wörtlicher, direkter und einfacher man vorgeht, je näher man einem reduzierten Detail der Menschlichkeit kommt, umso gewaltiger ist das manchmal.“ Und selbst wenn Liebe und Leben vergänglich sein sollten, kann doch alles in Kunst festgehalten werden – wie es in Grandmother so schön im Chor gesungen wird: „Gonna turn it all into rock’n’roll“.