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Foto: Viola Kam/SOPA Images/LightRocket via Getty Images

Legendärer Plattenladen: Die Geschichte von Tower Records

Leonard Cohen hatte seinen Tower Of Song. In dem 1988 erschienenen Stück stellte er sich selbst als Gefangenen eines imaginären Turms vor, in dem die Großen der Songwritergeschichte stockwerkweise über ihm wohnten. Hank Williams hundert Etagen höher, Cohen selbst irgendwo im Mittelfeld, mit einer goldenen Stimme und schweren Schultern. Ein schönes Bild. Rein metaphorisch natürlich.

Tower Records hatte auch mit Songs zu tun, baute aber echte Türme.

Gelb und rot, unübersehbar, in Städten auf vier Kontinenten. Auf dem Sunset Boulevard in West Hollywood, in Tokyos Shibuya-Viertel, an der Lower Broadway in New York. Keine anderen Plattenläden der Welt haben so Besitz von einer Straße ergriffen. Wenn man einem Tower vorbeifuhr, wusste man, wo man war – und meistens auch, dass man reingehen würde.

Alles fing mit alten Jukebox-Platten an. Russ Solomon war sechzehn, arbeitete in der Drogerie seines Vaters in Sacramento, und der Vater hatte eine Idee: Die Platten, die aus der Jukebox rausflogen, wenn neuere reinkamen – warum die nicht verkaufen? Solomon stellte sie in ein Regal. Die Leute kauften. Das war 1941, und niemand ahnte, dass dieser Moment der Anfang eines der bedeutendsten Plattenladenimperien der Geschichte war.

Die Drogerie hieß Tower Cut Rate Drug Store, benannt nach dem Theater nebenan. Den Namen behielt Solomon, als er 1961 den ersten eigenständigen Tower Records auf der Watt Avenue in Sacramento eröffnete – mit gelben Wänden, roter Schrift, und einem Sortiment, das alles auf Lager hatte, was man anderswo vergeblich suchte. Das Konzept war einfach: alles, jedes Genre, an einem Ort, mit Mitarbeiter:innen, die tatsächlich wussten, wovon sie redeten. Kein Laden hatte das vorher so konsequent durchgezogen.

Expansion, Expansion, Expansion

Acht Jahre später kam San Francisco. Zwei Jahre danach Los Angeles. Und dann, 1971, der Moment, der Tower zur Legende machte: der Store auf dem Sunset Boulevard, Ecke Horn Avenue, gebaut von Solomon und seinen Mitarbeiter:innen, viele davon persönlich auf der Baustelle. Der Laden war sofort ein Wallfahrtsort, und auch die Crème de la Crème der Musikszene kam. Musiker:innen, die gerade in LA aufgenommen hatten, standen in denselben Gängen wie Teenager, die ihren ersten Lohn ausgaben. Die Öffnungszeiten bis Mitternacht waren kein Marketing-Gimmick, sondern ein Versprechen.

1980 wurde Tower das erste ausländische Handelsunternehmen überhaupt, das den japanischen Markt knackte. Der Store in Tokyos Shibuya-Viertel wuchs auf neun Stockwerke mit 5.000 Quadratmetern Verkaufsfläche – der damals größte Plattenladen der Welt. Japan wurde nicht nur ein Markt für Tower, sondern eine Liebesgeschichte: Die Japaner nahmen Tower ernst, als Amerika anfing, es zu vernachlässigen.

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Tower Records: Der Höhepunkt

Auf dem Höhepunkt betrieb Solomon ein Milliarden-Dollar-Unternehmen mit Standorten in 20 Ländern auf vier Kontinenten. 1999 überschritt der Jahresumsatz erstmals die Milliardengrenze. Im selben Jahr meldete das Unternehmen seinen ersten Verlust. Der Grund: 1998 hatte Tower 110 Millionen Dollar Schulden aufgenommen, um die globale Expansion zu finanzieren. Die Zinsen fraßen alles, was der Umsatz hereingespielt hatte.

Was dann kam, war kein plötzlicher Einbruch, sondern eine Erosion. Walmart, Target und Best Buy begannen, neue CDs als Lockangebote zu Preisen zu verkaufen, die Tower nicht unterbieten konnte. Napster erschien 1999 und machte deutlich, was viele bei Tower nicht wahrhaben wollten. Solomon selbst hatte 1994 in einem internen Werbefilm gesagt: „Was das Konzept betrifft, Dinge nach Hause zu streamen – das wird irgendwann kommen, ganz sicher. Aber es wird sich langsam entwickeln, und wir werden damit umgehen können.“ Es kam anders.

Das Ende

Tower verlor an Relevanz, bevor es an Umsatz verlor. Die Expansion hatte das Besondere herausverdünnt. 2004 erste Insolvenz, 2006 Liquidation. In Los Angeles trauerten die Leute um den Sunset-Boulevard-Store. In New York klebten Kund:innen Abschiedsbriefe an die Fensterscheiben des Broadway-Ladens.

Solomon versuchte es noch einmal, mit einem kleinen Laden in Sacramento. Es funktionierte nicht. 2015 drehte Colin Hanks den Dokumentarfilm All Things Must Pass über den Aufstieg und Fall des Imperiums. Am Abend des 4. März 2018 saß Russ Solomon vor dem Fernseher, schaute die Oscar-Verleihung und bat seine Frau um ein Glas Whisky. Dann starb er, 92 Jahre alt.

Tower Records Japan existiert bis heute. Über 70 Filialen, von der amerikanischen Insolvenz vollständig unberührt. In Japan ist ein Plattenladen noch immer ein Ort, den man aufsucht, weil man Musik ernst nimmt. Cohen hätte das vermutlich verstanden

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