Die schwedische Pop-Größe Agnes ist mit ihrem sechsten Album zurück: Beautiful Madness ist für den Dancefloor gemacht, zwischen Pop, Disco und House – und nebenbei einigen wichtigen Selbsterkenntnissen.
20 Jahre ist es her, dass Agnes – damals unter ihrem bürgerlichen Namen Agnes Carlsson – im Alter von 16 bei der schwedischen Castingshow Idol gewann; 17 Jahre ist es her, dass sie mit dem Hit Release Me auch international ein wohlbekanntes Gesicht wurde. Es folgten weitere Alben, eine neunjährige Pause und dann ein erfrischendes Comeback: Ihr Album Magic Still Exists fand 2021 einen tanzbaren Sound zwischen alt und modern, den Agnes selbst als „Spiritual Disco“ bezeichnete, und der Fans und Kritiker:innen gleichermaßen abholte. Doch wie geht es jetzt weiter?
So viel Paradoxes in einer Person
Beautiful Madness heißt Agnes’ neues Werk, und dieser Titel klingt erstmal nach einem Widerspruch. Aber es soll eben auch das Paradoxe umarmen, wie Agnes selbst sagt: „Mir ist klar geworden, dass sich das Leben gerade in den Widersprüchen, im Wahnsinn und im Unvollendeten tatsächlich lebendig anfühlt. Man kann gleichzeitig egoistisch und liebevoll sein. Hässlich und schön. Überheblich und bescheiden sein. Alles passt in die gleiche Person – es lebt und wirkt dort gleichzeitig. Das ist Beautiful Madness.“
So stehen sich etwa Songs wie Milk oder Balenciaga Covered Eyes gegenüber. Milk ist ein stolzer Song darüber, wie Agnes die Möglichkeiten, die sie hatte, genutzt hat, um sich das zu ermöglichen, wo sie jetzt ist. „I turn milk into butter, and butter into money, and with the money, honey, I create the life that I like”, singt sie. Währenddessen dreht sich Balenciaga Covered Eyes um die Kehrseite des Erfolgs. Im Setting der Paris Fashion Week erzählt der Song davon, Gefühle hinter Glitz und Glamour und Geld zu verstecken.
Der Song Beautiful Madness zählt verschiedene Kontraste auf, die Agnes in sich gefunden hat. Nach einer tiefen Suche in sich selbst, auf eine Antwort darauf, wieso sie nicht glücklich war, fand sie am Ende heraus: Dieses wirre, verrückte Zusammenspiel aus Widersprüchen macht sie zu sich selbst und das hat etwas Schönes. Wenn man dies akzeptiert, das Streben nach Perfektion loslässt und realisiert, dass Kontraste auch zusammenarbeiten können, kann das Leben wirklich interessant werden.
Der House-Keller unter der Disco
Dieser Titelsong eröffnet somit thematisch das Album, überrascht aber musikalisch erstmal. Es ist ihr gewagtestes Experiment bisher, fern von dem Pop, den man mit Agnes verbinden würde. Ein elektronischer, kaum melodischer Song, der aber gerade deswegen als Opener die Aufmerksamkeit erregt und auf den Rest gespannt macht. Und mit Trigger bekommt man als nächstes dann die volle Dosis strahlenden Pop. Ein Disco-artiger Puls, Agnes singt mit einer erhabenen Entschiedenheit, die an Lady Gaga erinnert – und auch hier kommen wieder viele Elektro-Elemente vor. Insbesondere an House scheint Agnes einen Gefallen gefunden zu haben, und diese typischen House-Klaviere, Dance-Rhythmen und aufsteigende Synthesizer stehen ihr auch wirklich gut.
Agnes sagte dazu im Interview mit Vogue: „Magic Still Exists war eher ein Disco-Pop-Sound. Aber dieses Mal wollte ich quasi eine Ebene tiefer in den Keller gehen“, sprich in Richtung House und Techno. Diese Einflüsse treten immer wieder auf dem Album auf und passen zur futuristischen visuellen Ästhetik, die Agnes in den neuen Musikvideos und Fotos präsentiert.
Elektronik und Pathos
Durch eine monoton, fast roboterhaft vorgetragene Hook, die sich ins Hirn brennt, baut auch Milk ein mitreißendes Momentum auf. Roboterstimmen gibt es ebenso in den zahlreichen, kurzen Interludes, die zwar musikalisch wenig beitragen, aber jeweils die Thematik des nächsten Tracks einleiten.
Dadurch fließt das Album gut. Ruhigere Momente gibt es kaum, abseits von dem emotionaleren Balenciaga Covered Eyes, das aber bald vor allem die House-Instrumentals sprechen lässt. Aber solange es groovt, braucht man auch nicht wirklich Songs zum Runterkommen.
Es finden sich schon mehr eindeutige, moderne Banger in der ersten Hälfte, während spätere Songs etwas erwartbarer daherkommen. Von dringlicher Elektronik und Dancefloor-Knallern zu Beginn des Albums geht es später in pathetischeren Feelgood-Pop mit fast gospelartigen Chören über. Und zum Schluss weckt Uterus & Universe Erinnerungen an den psychedelischen Pop von Tame Impala oder Magdalena Bay. Da ist also für jede:n etwas dabei.
In diesen letzten Momenten begrüßt Agnes dann wieder die Person, die sie ist, allerdings in einem größeren Kontext. „It’s uterus and universe and all that’s in between“, zwischen der Geburt eines einzelnen Menschen und der Existenz im großen Ganzen. Da ergeben wir alle auch nur eine riesige Masse, deren einzelne Teile (also wir als Individuen) nicht unterschiedlicher und widersprüchlicher sein könnten. Eine weitere Beautiful Madness.