Megadeth verabschieden sich nach 43 lauten und chaotischen Jahren mit einem Thrash-Metal-Album, das ebenso laut und chaotisch ist. Das ist einerseits aller Ehren wert und kompromisslos wie immer; andererseits hätte auch einem Dave Mustaine ein wenig Altersmilde nicht geschadet.
Eine Sache hat Dave Mustaine nie verkraftet: Megadeth waren nie Metallica. Wie sehr er sich auch ins Zeug gelegt hat, wie ausgeklügelt seine Vendetta gegen seine ehemaligen Bandkollegen auch war: Am Ende hat es immer nur für die zweite Geige in der globalen Thrash-Arena gereicht. Dabei hätte Mustaine durchaus zufrieden sein können: Megadeth haben das Genre mehr geprägt als die meisten anderen, waren musikalisch über weite Strecken sogar besser und konstanter als die ewigen Konkurrenten. Dazu gab es fünf Platin-Auszeichnungen und mehr als 50 Millionen verkaufte Tonträger. Klar macht Geld allein nicht glücklich, aber im Taxi weint es sich dennoch angenehmer als in der Straßenbahn.
Der Rauswurf bei Metallica ärgert Mustaine bis heute
In der 43 Jahre währenden und nun zu Ende gehenden Karriere von Megadeth hat das aber alles nie gereicht. Bis zuletzt hat Mustaine zu knabbern gehabt an seinem Rauswurf bei Metallica 1983 (da war er nicht mal zwei Jahre in der Band), machte einzelne Bandmitglieder in den vergangenen Jahren immer wieder für dieses oder jenes verantwortlich, bezeichnete sich häufig als Schöpfer des Metallica-Sounds. All das hört selbst bei seinem allerletzten Album nicht auf: Die siebzehnte und letzte Platte, schlicht Megadeth betitelt, enthält ein längst totdiskutiertes und durchdekliniertes Cover von Metallicas Ride The Lightning. Und auch wenn er beteuert, dass das ein Tribut an die Band ist, wird man das Gefühl nicht los, dass er zeigen möchte, wie gut dieser Song geklungen hätte, wen man ihn ihm überlassen hätte. Spoiler: Darauf hat die Welt nicht gewartet.
Ein Ritt durch Stärken und Schwächen
Kann man aber sowieso ganz allgemein diskutieren, die Frage nach Für und Wider dieses letzten Megadeth-Albums. Der Status der Band ist unbestritten, Werke wie Peace Sells… But Who’s Buying (1986), Rust In Peace (1990) oder Youthanasia (1994) sind Thrash-Klassiker allererster Güte. Klar, das letzte Album The Sick, The Dying… And The Dead von 2022 war wirklich gelungen, aber eigentlich hatte sich die Band danach ja schon aufgelöst. Jetzt ist sie doch noch mal zurück, wie gewohnt mit jeder Menge frischem Blut im Line-Up. Gitarrist Teemu Mäntysaari kam 2023, Basser James LoMenzo ist seit 2021 wieder dabei, Schlagzeuger Dirk Verbeuren seit 2016.
Davor gingen sage und schreibe 29 Musiker (gendern nicht nötig) durch die Megadeth-Drehtür, was natürlich durchaus darauf schließen lässt, dass Mustaine nicht unbedingt ein einfacher Arbeitgeber ist. Zum Vergleich: Metallica kommen gerade mal auf vier ehemalige Mitglieder. Inklusive Mustaine. In der vierten Single aus Megadeth, Puppet Parade, singt der Bandgründer passend dazu „No voice, no choice – you must obey“. Ein Schelm, wer Biografisches dabei denkt.
Im Grunde also wie immer viel Lärm um nichts, denn eigentlich sollte man sich ja nur auf die Musik konzentrieren. Weil das deren Schöpfer aber eben auch nicht macht, ist das nur sehr schwer möglich. Tut man es dann doch mal, stellt man fest: Megadeth verabschieden sich mit einem mehr als ordentlichen Thrash-Orkan. Das Album ist ein Ritt durch die vielen Stärken, aber auch signifikanten Schwächen dieser Band, deutlich zu lang und beherrscht von relativ simpel gestrickter Sozialkritik, kruden Verschwörungstheorien und Mustaines innerstem Verlangen, mit vielen Menschen abzurechnen.
Gesucht: Altersmilde und Varianz
Das ist alles verständlich, aber insbesondere der letzte Punkt wirkt auf einem großen Abschiedsalbum, auf einem letzten Hurra, dann doch leidlich unpassend. Es degradiert Mustaines Talent für rasiermesserscharfes Riffing zum simplen Vehikel für seine Animositäten, macht die Songs zur Bühne für sein offensichtlich noch immer angekratztes Ego. Das verdient das Album nicht, das verdient der Status dieser Band nicht.
Ein wirklicher Paukenschlag ist dieses leztze Album aber eben auch nicht. Einerseits kehrt die Band mit den ersten beiden Songs des Albums, Tipping Point und insbesondere das Blasen schlagende I Am War, zu ihren Wurzeln zurück und präsentiert ihre bewährte Formel mit verjüngter Wucht. Andere Songs wie Let There Be Shred oder Puppet Parade verpuffen, weil sie so Klingen wie wahrscheinlich 37 Megadeth-Songs zuvor. Konsistenz ist das eine, aber Varianz ist auch da das Zauberwort.
Songs wie Hey God! hingegen wären auf diesem letzten Vorhang gern öfter gesehene Gäste. Hier stellt Mustaine mal vom ewigen Grantler auf den altersmilden Thrash-Wegbreiter um, der sein Leben Revue passieren lässt. Dann wiederum ist es auch wieder beachtlich, dass Megadeth bis zum Ende ihr Ding durchgezogen haben und einfach das gemacht haben, was sie wollten. Die Sache mit dem Metallica-Cover auf dem allerletzten Album, die war aber einfach keine gute Idee. Denn so endet die ganze Sause mit einer Erkenntnis, die Mustaine immer noch hart gegen den Strich gehen dürfte: Er ist eben einfach nicht James Hetfield.