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Foto: Universal Music

Der große Abschied: J. Cole präsentiert mit „The Fall-Off“ sein letztes Album

Einer der größten Rapper der letzten 20 Jahre dankt ab: J. Cole bringt mit The Fall-Off sein finales Album heraus, das er zehn Jahre lang geplant hat. In einem fast zweistündigen Doppelalbum nimmt er sich für seinen Abschied ordentlich Zeit und reflektiert Erfolg, Liebe und seine persönliche Entwicklung so intim und gefühlvoll, wie man gehofft hat.

Ende auf dem Höhepunkt

Wie lange kann man als Künstler:in erfolgreich sein, bis man uninspiriert oder uninteressant wird oder gar in Ungnade fällt? Fragen wie diese beschäftigten J. Cole, weswegen er sein Album The Fall-Off nannte. Sprich: der Absturz, den die Öffentlichkeit einem früher oder später attestieren wird. Ist es also nicht schlauer, bewusst auf dem Höhepunkt aufzuhören? Genau deshalb sollte The Fall-Off J. Coles bestes Album werden; zehn Jahre lang teaste er dieses große Werk in Songs und Interviews an. Nun, da wir endlich dort angelangt sind, wissen wir aber auch: Es wird zudem Coles letztes Album sein.

Und so ein Abschied soll gebührend ausfallen. J. Cole ist ein Mann der großen Worte, dementsprechend groß ist der Umfang des Projekts: ein Doppelalbum mit je elf Tracks und zwei Bonus-Tracks; insgesamt circa 100 Minuten Lauflänge. Ein ganz schöner Brocken ist das, aber schnell wird klar, dass Cole sich ganz genau über jeden Teil dieses Brockens Gedanken gemacht hat, um sein intendiertes Opus Magnum vorzulegen.

J. Cole auf Vinyl gibt’s hier:

Angenehmerweise sind die 24 Tracks überschaubar strukturiert: Die beiden Hälften des Albums tragen die Namen Disc 29 und Disc 39 und behandeln verschiedene Abschnitte seines Lebens: „Disc 29 erzählt die Geschichte meiner Rückkehr in meine Heimatstadt im Alter von 29 Jahren“, erklärt Cole. „Ein Jahrzehnt nachdem ich nach New York gezogen war und das geschafft hatte, was den meisten unmöglich erschien, befand ich mich an einem Scheideweg mit den drei Lieben meines Lebens: meiner Frau, meinem Handwerk und meiner Stadt.“ Und die zweite Hälfte: „Disc 39 gibt Einblicke in meine Denkweise während einer ähnlichen Heimreise, dieses Mal als 39-jähriger Mann. Älter und dem Frieden etwas näher.“

Zwei Reisen in die Vergangenheit

Insbesondere auf Disc 29 ist die Präsenz seiner Heimatstadt Fayetteville spürbar. Mit dem feurigen Two Six zeigt Cole erstmal auf einem Banger seinen selbstbewussten Heldenstatus bei seiner Rückkehr. Doch Coles Reise wird bald nachdenklicher. In Safety meldet sich ein Freund aus Fayetteville bei ihm. Er fragt ihn, wann er in seine Heimat zurückkehre, und erinnert ihn daran, wie wichtig Freundschaft ist. Daraufhin reflektiert Cole in den folgenden Tracks seine Dissoziation, zum einen zu seinem Erfolg, zum anderen zu seiner Heimat und seinem früheren Ich. Immer wieder merkt er zwar, dass Menschen und Orte von damals immer noch Nostalgie erwecken; zugleich ergreift ihn in The Let Out die Angst, nicht mehr willkommen in seiner Heimat zu sein und im Nachtclub umgebracht zu werden.

Disc 39 geht nicht mehr so sehr auf sein Verhältnis zu Fayetteville ein, sondern auf größere Themen, die die zweite Reise dem nun weiseren Cole nahebringt. Er rappt über die Liebe zu seiner Frau, über die Liebe zum Rappen, und wie diese Dinge sich mit der Zeit verändern und wachsen mussten. Und auch sein Erfolg ist ein Thema, das ihn nicht loslässt. What If enthält dazu eines seiner spannendsten Gedankenexperimente: Was wäre, wenn der Beef zwischen Biggie und Tupac nie eskaliert wäre? In zwei Strophen, je aus den Perspektiven der beiden Rapper, stellt J. Cole sich vor, was hätte sein können, wenn Ruhm und Stolz nicht im Weg von Mitgefühl gestanden hätten. Ocean Way enthält zum Schluss einen seiner berührendsten Songs, über die lebensverändernde Wirkung der Liebe.

Melodische und gefühlvolle Beats

Ziemlich viel Weisheit und deepe Themen also, die die Produktion mit ebenso gefühlvollen Beats untermalt. Mit der Wärme von oldschooligem Boom-Bap und Soul, zudem aber auch oft moderneren Trap-Drums schafft die Produktion auf The Fall-Off eine gelungene Mischung aus Nostalgie und dem Verankertsein im Jetzt – also genau das, womit sich die Texte auseinandersetzen. Dabei ist eine von J. Coles größten Stärken präsent: So textfokussiert und verkopft er in vielen Songs sein kann, schafft er es doch andauernd, catchy Flows und Hooks zu schreiben und singt auch öfters.

Selbst die wenigen aggressiveren Banger-Tracks haben oft ein melancholischeres Element, das Coles Zerrissenheit zwischen Selbstbewusstsein und Selbstzweifeln widerspiegelt. Auf hundert Minuten Länge mag die nachdenklichere Stimmung gegen Ende zwar etwas eintönig werden, dennoch findet sich so vieles, was J. Cole schon zu Beginn der 2010er besonders machte: bunte, melodische Beats, spannendes Storytelling und schlicht großartige Flows und Reime.

Nun will J. Cole den Stift beiseitelegen, um „das nächste Kapitel meines Lebens zu beginnen“. Er hat – wie er es selbst ausdrückt – den großen Berg bestiegen, gemerkt, dass es an der Spitze einsam sein kann und ein Abstieg danach unvermeidbar ist. The Fall-Off betrauert aber nicht diesen titelgebenden Abstieg, sondern zeigt, wie unglaublich der Weg auf diese Spitze überhaupt ist. Ein würdiges Ende.

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