Man merkt es vielleicht an der Schlagzahl unserer BTS-Berichterstattung: Im K-Pop richten sich gerade alle Blicke auf das Comeback von Jin, J-Hope, RM, Jimin, V, Suga und Jung Kook. Am 20. März kehren BTS dem Album ARIRANG zurück – es ist ihr erster neuer Bandrelease seit fast vier Jahren und wird 14 Songs enthalten. Am Tag drauf werden BTS ein gigantisches Konzert in Seoul spielen – for free. Vor, so wird es geschätzt, ungefähr 260.000 Menschen. Das ist zumindest die Zahl, auf die sich die Sicherheitskräfte in der Region einstellen. Das Konzertgelände selbst hat allerdings nur Platz für 15.000 Glückliche.
Ein Move, der irgendwie typisch K-Pop ist: Fragen, ob BTS nach den Soloausritten der Member und ihrem Militärdienst zur alten Band-Stärke zurückfinden, beantwortet man einfach mit einem der größten Konzerte in der südkoreanischen Geschichte. Und da 260.000 Menschen auch nur zwei bis drei großen Stadium-Crowds entsprechen, holt man einfach noch Netflix an Bord für einen Livestream – den vermutlich ein paar Millionen Menschen schauen werden. Hey BTS, no pressure…
BTS stimmen in den ARIRANG-Chor ein
Heute interessiert uns aber ein anderer Aspekt des Comebacks: Zwar konnte man bisher noch kein neues Material hören, aber das, was BTS verraten und angekündigt haben, zeigt eines ganz deutlich: BTS umarmen stolz ihre südkoreanischen Roots.
Das geht schon beim Albumtitel los: ARIRANG heißt nämlich eines der bekanntesten Volkslieder Koreas, das zudem extrem politisch aufgeladen ist. Die Etymologie des Wortes ist dabei nicht ganz klar. Einige leiten es vom chinesischen Airang ab, andere vom Namen Alyeong – so hieß die Frau eines Herrschers des koreanischen Silla-Reiches. Wieder andere sehen eine Parallele zum Wort für Heimatstadt in der Sprache der Jurchen – ein Volk aus der östlichen Mandschurei. Relativ sicher ist man sich aber beim örtlichen Ursprung: Dieser wird in Jeongseon, einer bergreichen Gegend in der Provinz Gangwon-do, verortet.
Das Lied ARIRANG wurde vor allem im 19. Jahrhundert extrem populär – und in dieser Zeit, genauer 1886, zum ersten Mal von einem amerikanischen Missionar in westlicher Notation niedergeschrieben. Auch BTS sangen es schon live in einem Medley. Wobei es schon fast ein wenig irreführend ist, bei ARIRANG von einem Lied zu sprechen: So ganz genau weiß man es nicht, aber man vermutet, dass es bis zu 4000 verschiedene Varianten des Stücks gibt.
Die politische Bedeutung rührt vor allem aus der Zeit von 1910 bis 1945, als Korea unter der japanischen Besatzung litt: ARIRANG wurde damals als Protestlied gesungen und ist deshalb stark mit der kulturellen DNS Koreas verwachsen. Übrigens für Süd- und Nordkorea gleichermaßen: Wenn bei Sportveranstaltungen mal gesamtkoreanische Mannschaften antraten, sang man als diplomatische Lösung nicht die jeweiligen Nationalhymnen sondern eben ARIRANG. Als sich die Südkoreaner:innen später gegen die eigene Militärregierung wehrten, sangen sie ebenfalls dieses Lied. Es war die Hymne der pro-demokratischen Proteste und wurde überall im Land gesungen, als Südkorea endlich zu einer echten Demokratie wurde.
BTS sagen selbst in ihrem offiziellen Statement: „Das fünfte Album von BTS, ARIRANG, hat eine besondere Bedeutung, da es das erste Album ist, das die Gruppe seit drei Jahren und neun Monaten veröffentlichen wird. Es gibt die Richtung vor, die die Mitglieder in Zukunft einschlagen werden. Die Member waren während des gesamten Songwriting- und Produktionsprozesses intensiv beteiligt und brachten ihre eigenen Gedanken und Identitäten ein, während sie die Emotionen und Reflexionen zum Ausdruck bringen, die sie auf ihrer Reise erlebt haben.“ Obwohl BTS hier also die persönlichen Geschichten betonen, schreit ihr Albumtitel loud and proud: Wir sind eine koreanische Band!
Ein Comeback-Konzert an einem koreanischen Nationalheiligtum ändert alles
Gleiches gilt für das Comeback-Konzert: BTS werden die erste Band sein, der es erlaubt ist, ein Konzert auf dem Gwanghwamun-Platz vor dem Gyeongbokgung-Palast in Seoul abzuhalten. Der Palast, der von 1395 bis 1592 und von 1868 bis 1910 Sitz der koreanischen Herrscher war, ist nicht weniger als ein Nationalheiligtum. Dementsprechend kompliziert sind die Abstimmungen dazu. Die Korean Times berichtete kürzlich: „Die Band und ihr Team verhandeln derzeit mit der National Heritage Administration und der Stadtverwaltung von Seoul über diesen dramatischen Auftritt. Laut Genehmigungsantrag würden die Mitglieder über die ‘Königsstraße’ ziehen – vom Geunjeongmun- und Heungnyemun-Tor innerhalb des Gyeongbokgung-Palastes über das Haupttor Gwanghwamun bis zum Woldae (erhöhte Zeremonienplattform), um die Bühne zu erreichen.“ Seouls Bürgermeister Oh Se-hoon sagte kürzlich zum Auftritt: „Dieses Konzert ist eine einmalige Gelegenheit, den Charme Seouls als globale Kulturhauptstadt zu präsentieren.“
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BTS flexen ihre koreanischen Roots – und waren in den letzten Jahren sehr amerikanisch unterwegs
Es wird also ein Spektakel – natürlich – aber, und das kommt schon ein wenig überraschend: Es wird ein durch und durch koreanisch geprägtes Spektakel. Und das ist gar nicht mal so selbstverständlich. In den letzten Jahren gab es immer wieder Artikel, die der Frage nachgehen, wie koreanisch K-Pop heute denn überhaupt noch ist (auch wir haben einen geschrieben), weil immer mehr Bands auf amerikanische Songwriter:innen und englische Lyrics setzen, oder Bands wie KATSEYE nach K-Pop-Methoden ausgebildet werden, aber global ausgerichteten, englischsprachigen Pop machen.
An dieser Fragestellung waren auch BTS ein bisschen schuld: Sie haben die letzten Jahre vor der Armee-Pause wie sonst vielleicht nur Blackpink den amerikanischen Markt bedient. Ihre Hits Dynamite, Butter und Permission To Dance waren mit US-Hitschreibern produziert worden und setzten auf englische Lyrics. Auch die letzten BTS-Konzertaktivitäten vor der Pause konzentrierten sich überwiegend aus Los Angeles und Las Vegas.
Hört man in die Soloalben und -Singles der Member wird es auch oft amerikanisch: Jung Kook setzte mit Seven, Standing Next To You und 3D auf lasziven R’n’B, V gab den gefühlvollen Crooner und setzte in Songs wie FRI(END)S auf Englisch, J-Hope umarmte den US-Rap ebenso, wie es RM tat und Jin sang zwar auf der mit Chris Martin geschriebenen Single The Astronaut in großen Teilen auf Koreanisch, die Leadsingle seines Albums Echo, Don’t Say You Love Me, war dann aber auch komplett auf Englisch. Das wollen wir ihnen allerdings in keiner Weise vorwerfen. Im Gegenteil: Die Rechnung ging ja auf – und es brauchte Dynamite und Butter, um BTS endlich hierzulande im Hit-Radio zu hören.
Deshalb ist es ein mehr als interessanter Move, dass BTS nun ihre Kultur im großen Stil in den Pop bringen. Denn die Band ist ja längst „Beyond The Scene“ und mehr als K-Pop. Vielleicht liefern sie mit ARIRANG also die große Korea- und K-Pop-Geschichtskunde – und selbst wenn nicht, ist diese Rückbesinnung zumindest auch eine Verneigung vor den ARMYs der ersten Stunden und Jahre, die damals noch Koreanisch lernten, um ihre Boys besser zu verstehen.