Masayoshi Takanaka: Die ungewöhnliche Geschichte der japanischen City-Pop-Legende
popkultur14.04.26
Ein 73-jähriger Mann, der auf einem roten Surfbrett Gitarre spielt – Instagram-For-You-Pages und YouTube-Startseiten kriegen mittlerweile nicht genug von ihm. Junge Leute werden auf ihn aufmerksam, Jahrzehnte, nachdem er in seiner Heimat Japan zum Gitarrenhelden wurde. Und er ist dabei keine virale Sensation, die nach ein paar Wochen wieder vergessen ist. Dieser Mann erlebt seit ein paar Jahren ein karriereumkrempelndes Revival und ein ganzes Genre an alter japanischer Musik namens City Pop erlangt zugleich weltweit nie erhoffte Beliebtheit. Doch wer ist Masayoshi Takanaka und wo kommt sein später Erfolg her?
Masayoshi Takanaka: Von den Beatles zu Roxy Music
Masayoshi Takanaka kommt 1953 zur Welt, wächst in Tokio auf und ist schon früh von Musik umgeben. Doch als ihm sein älterer Bruder als Teenager zum ersten Mal westliche Musik zeigt, hinterlässt dies einen besonders bleibenden Eindruck. Inspiriert von Bands wie den Beatles, The Ventures oder Cream nimmt der junge Takanaka bald Gitarrenunterricht.
Seine ersten Bands, in denen er mit gerade mal 18 Jahren spielt, haben Namen wie The Evil, Flied Egg oder Sadistic Mika Band. Letztere beschert Takanaka seinen bis dahin größten Erfolg. Mit einer Mischung aus Jazz-Fusion und altem Rock & Roll schafft die Sadistic Mika Band es als erste japanische Rockband ins Vereinigte Königreich – sogar ins Vorprogramm von Roxy Music.
Doch Erfolg hin oder her, Mitte der 70er löst sich die Sadistic Mika Band nach einer bandinternen Scheidung auf. Für Takanaka ist das das Zeichen, sich eigenständig an Musik zu probieren. Absolut richtige Entscheidung!
„Während man lebt, kann man machen, was man möchte. Wenn man tot ist, kann man gar nichts mehr machen.“
Jazz-Fusion für den Surf-Urlaub
Schon das 1976 erscheinende Solo-Debütalbum Seychelles stellt einen Sound vor, der schlicht glücklich macht: Eine verträumte, sommerliche Jazz-Fusion, für die man kein Jazz-Nerd sein muss, um sie zu fühlen. Ja, Masayoshi Takanaka ist ein Virtuose an der Gitarre, aber er spielt hier nie unnötig angeberisch mit seinem Instrument herum; sein Spielstil ist fließend und zutiefst melodisch. Mal gibt’s Gesang, mal lässt er Tracks ganz instrumental. Yacht Rock, Samba und einen Hauch von Disco nimmt er mit ins Boot, um catchy, tanzbar und ein wenig tropisch zu klingen.
Apropos Boot: Masayoshis Takanakas Markenidentität ist stark maritim geprägt. Albumcover mit Stränden, leuchtend blauen Meeren, Songtitel wie Blue Lagoon – und natürlich nicht zuletzt die ikonische Surfboard-Gitarre. Richtig gelesen, später in seiner Karriere baut Takanaka eine eigene Gitarre aus einem ausgehöhlten Surfbrett. Nicht sehr praktisch auf der Bühne, aber sie zeigt seine Liebe für den Ozean und die Surfkultur, und nicht zuletzt ist sie einem verstorbenen Freund gewidmet. Dessen Tod habe Takanaka zum Nachdenken animiert, erklärt er Surfer Today: „Während man lebt, kann man machen, was man möchte. Wenn man tot ist, kann man gar nichts mehr machen. Also entschied ich mich dazu, eine Surfbrett-Gitarre zu machen.“ Die Gitarre entsteht zwar erst in den 2000ern, doch Takanakas Meeresverbundenheit zeigt sich schon im Titel seines Debütalbums Seychelles.
Fleißige Arbeit zahlt sich aus
Natürlich bleibt es nicht nur bei diesem Klassiker-Debüt. Ab Seychelles bleibt Takanaka fleißig und veröffentlicht jedes Jahr mindestens ein Album – einen Streak, den er übrigens bis in die frühen 2000er beibehält, und auch danach bleibt er noch ähnlich regelmäßig am Ball. Und der Erfolg ist mit ihm: Im Jahr 1982 schafft er mit Saudade sein erstes Nummer-1-Album in Japan. Bald schon darf er mit internationalen Stars spielen: Performances mit Santana oder Tina Turner, ein Album mit Little Richard. So wird der junge Virtuose schnell zu einem nationalen Gitarrenhelden.
Aber eben primär zu einem nationalen. Klar, zu der damaligen Zeit kriegt man als Musikkenner:in auch in anderen Kontinenten von Takanaka mit. Aber erst circa 50 Jahre nach seinem Karrierestart erlebt der Gitarrist einen internationalen Hype, den er so noch nie erfahren hatte. Wie kam es dazu?
City Pop: Der nostalgische Klang des urbanen Japans
In den 2010ern wird ein ganzes Genre namens City Pop wiederentdeckt – Samples in nostalgischer Vaporwave-Musik, aber auch Musiknerd-Blogs sei Dank. City Pop ist ein sehr breiter Begriff, aber es umfasst unterschiedliche japanische Popmusik aus den 70ern und 80ern. Vieles davon wirkt wie eine Antwort auf den Yacht Rock und Pop Rock von Steely Dan oder Supertramp, leicht angejazzte, gebildete Popmusik mit einer urbanen Ästhetik.
Glitzernd, triumphierend, nostalgisch – der perfekte Soundtrack zum damaligen Wirtschaftsboom Japans. Die Musik von Künstler:innen wie Tatsuro Yamashita spiegelt die japanischen Metropolen in ihrer wohlständigsten Form wider, beflügelt von Luxus und neuen Technologien. Eine eigenartige Magie geht von dieser zur Irrelevanz verkommenen Musik-Ära aus, ihr strahlender Optimismus beflügelt eine Nostalgie, die in grauer werdenden Zeiten fasziniert.
Die Gen Z wird aufmerksam
Auch Masayoshi Takanaka reiht sich musikalisch sowie mit seinen bunten Albumcovern und der verspielten Persönlichkeit in die Riege des City Pop ein. Infolge dieses Genre-Hypes schlägt der YouTube-Algorithmus Mitte der 2020er seine Musik immer mehr Menschen vor. Mit seiner visuell auffälligen Surfboard-Gitarre ist auch die Viralität auf Instagram und TikTok nicht verwunderlich. Zudem taucht Takanakas Musik in Benny Safdies Sportdrama The Smashing Machine auf. Immer häufiger sieht man Takanaka plötzlich im Internet – und das merkt auch er selbst.
Dem Guardian erzählt Takanaka im März 2026 davon, nach Jahrzehnten auch wieder in Los Angeles gespielt zu haben: „In Japan sind die meisten Leute auf meinen Konzerten in ihren 50ern, 60ern oder 70ern. Aber in LA waren die meisten in ihren 20ern. Man konnte ihre Energie wirklich fühlen, das Publikum hat so laut gejubelt. Das hat mich wirklich emotional gestimmt.“ Und das gönnt man ihm von Herzen.