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Robert Finley und seine Tochter und Mitmusikerin Christy Johnson (Foto: Jim Herrington)

Robert Finley im Interview: „Mit 65 bin ich erst richtig lebendig geworden“

Zehn Jahre ist es her, dass Robert Finley mit Age Don’t Mean A Thing sein Debütalbum vorlegte. Das Besondere daran: Der Sänger aus der rund 3.000 Einwohner:innen zählenden Kleinstadt Bernice im US-Bundesstaat Louisiana war zu diesem Zeitpunkt bereits 61 Jahre alt – ein Alter, in dem andere Musiker:innen ihre Karriere meist längst hinter sich haben.

Finleys Geschichte ist mindestens so bemerkenswert wie seine raue, soulgetränkte Stimme. Jahrzehntelang arbeitete er – nach seiner Zeit in der US-Army – als Zimmermann, spielte nur gelegentlich Musik und verlor schließlich durch eine Krankheit sein Augenlicht. Erst danach begann seine zweite, späte Karriere: Er wurde von der Music Maker Relief Foundation entdeckt und später von Black-Keys-Musiker Dan Auerbach produziert. Heute gilt Robert Finley als eine der eindrucksvollsten Stimmen des modernen Soul und Blues. Mittlerweile hat er fünf Studioalben veröffentlicht. Zuletzt erschien 2025 Hallelujah! Don’t Let The Devil Fool Ya.

Im Gespräch blickt der inzwischen 72-Jährige auf seinen ungewöhnlichen Weg zurück – von Baumwollfeldern in Louisiana über eine Army-Band in Deutschland bis zu seinem späten Durchbruch im Musikgeschäft.

Robert, Ihr Debütalbum feiert dieses Jahr seinen 10. Geburtstag. Wenn Sie an diese Zeit in Ihrem Leben denken, woran erinnern Sie sich besonders gerne?

Mein Debütalbum Age Don’t Mean A Thing war in Wahrheit gar nicht meine erste Aufnahme. Ich hatte vorher schon eine Platte gemacht, die A Lifetime Of Blues hieß. Die habe ich in San Francisco aufgenommen, bei einer kleinen Plattenfirma. Der Mann dort wollte gerade erst sein Label aufbauen, und ich wollte meine Karriere starten. Also hat er mir für die Aufnahme nichts berechnet. Er meinte, vielleicht würde ich ihm helfen, sein Label bekannt zu machen.

Etwa sechs Jahre später habe ich ihn zufällig wieder getroffen. Er war inzwischen nach Nashville gezogen, also muss es wohl auch seiner Karriere geholfen haben – genauso wie meiner. Ich war dort für ein Konzert, und er war auch da. Wir konnten ein paar Fotos machen und backstage ein bisschen reden. Kurz danach waren wir in Helena, Arkansas, beim King Biscuit Festival. Dort traf ich Tim Duffy von der Music Maker Relief Foundation. Mit ihnen war ich damals auf Tour, als ich einen Anruf bekam: Dan Auerbach wollte mich treffen und fragte, ob ich ein paar Songs für ein Magazin aufnehmen würde, das sie gemacht hatten. Das Magazin hieß Murder Ballads.

Hatten Sie davor von Dan Auerbach schonmal gehört?

Nein, ich wusste damals überhaupt nicht, wer Dan Auerbach war. Ich hatte noch nie von den Black Keys gehört. Zu der Zeit war ich 65 und er war 36 – also eine ganze Generation Unterschied. Aber die Leute auf der Tour sagten mir: „Mann, Dan Auerbach will dich treffen. Du wirst ein Rockstar.“ Ich dachte nur: „Na ja, mal sehen.“ Ich war müde, aber natürlich auch neugierig. Als wir schließlich im Studio waren, saß ich mit den Jungs zusammen, und dann kam er heraus und stellte sich vor: „Hi, ich bin Dan.“ Ich sagte: „Freut mich, ich bin Robert Finley.“ Aber ich hatte wirklich noch nie von den Black Keys gehört. Für mich war das einfach eine Gelegenheit, Blues für dieses Magazin aufzunehmen.

Wir sollten vier Songs aufnehmen und hatten vier Tage Zeit. Aber glauben Sie es oder nicht: Wir haben alle vier Songs in vier Stunden aufgenommen, noch vor dem Mittagessen. Dan sagte danach: „Verdammt, du kommst einfach von der Straße rein und erledigst das alles sofort.“

Hier gibt’s Robert Finley auf Vinyl:

Wie liefen die ersten gemeinsamen Aufnahmen so ab?

Das Verrückte war: Ich konnte die Texte nicht lesen. Also musste er mir die Worte ins Ohr sagen. Ich sagte zu ihm: „Spiel mir zuerst die Musik vor, dann sag mir die Worte.“ Und dann habe ich sie so laut gesungen, wie ich konnte.

Während ich sang, sah ich die Musiker im Studio herumspringen und sich bewegen. Ich wusste gar nicht, was los war. Sie waren völlig begeistert, dass ich alle vier Songs so schnell im Kasten hatte. Dan kam danach zu mir und sagte: „So etwas hat noch nie jemand gemacht. Willst du ein Album aufnehmen?“ Und ich sagte: „Ja, ich wollte mein ganzes Leben lang ein Album machen.“ Eine CD hatte ich zwar schon aufgenommen, aber ein richtiges Album noch nie.

So entstand dann das Album Goin’ Platinum. Ich habe keinen einzigen Song darauf geschrieben – und ich nehme auch keinen Credit für Dinge, die ich nicht gemacht habe. Dan, Bobby Wood und einige der alten Studiomusiker aus Memphis haben die Songs geschrieben. Das waren echte Legenden. Manche hatten früher für James Brown oder Isaac Hayes geschrieben. Sie nannten sich die „Memphis Boys“. Jeder, der damals in Memphis aufgenommen hat, hat irgendwann mit ihnen gearbeitet. Für mich war es unglaublich, mit all diesen Leuten gleichzeitig im Studio zu sein.

Der Titel Goin’ Platinum entstand übrigens als Witz. Wir wussten zuerst gar nicht, wie das Album heißen sollte. Dan spielte die Songs seiner damaligen Freundin vor, und sie sagte immer wieder: „Ich liebe das. Ich liebe das.“ Ich sagte nur: „Mach dir keine Sorgen – wir gehen damit Platin.“ Dan meinte später, er habe sich den Kopf über einen Titel zerbrochen, und ich hätte ihn einfach so herausgehauen. So entstand der Name.

Wie kam dann der Titel Ihres neueren Albums Hallelujah! Don’t Let the Devil Fool You zustande?

Als wir im Studio waren, gab es keine Notizen, kein Papier, keinen Stift – gar nichts. Ich hatte Dan nämlich gesagt, dass ich gern ein Gospelalbum machen würde. Als sie mich dann anriefen und sagten: „Wir wollen ein neues Album machen“, fragte ich zuerst: „Was wollt ihr, dass ich singe?“ Dan sagte: „Mir egal. Sing einfach.“ Ich hatte also nichts vorbereitet. Aber ich ging kurz ins Badezimmer und sprach ein kleines, stilles Gebet. Ich sagte: „Herr, wenn das eine Gelegenheit ist, jemandem zu helfen oder Zeugnis abzulegen, dann hilf mir.“ Ich hatte nichts aufgeschrieben, wusste nicht, was ich sagen sollte. Also sagte ich: „Wenn du sagst, dass du sprichst, wenn man den Mund aufmacht – dann ist jetzt der Moment.“

Dann gingen wir ins Studio. Dan spielte den ersten Track. Die Band bestand größtenteils aus Musikern aus Großbritannien. Sie spielten die Musik, ich hörte zu – und dann entwickelte ich den Song daraus.

Wissen Sie noch, was der erste Song der Sessions war?

Der erste Song war Holy Ghost Party. Dabei dachte ich an meine Kindheit zurück. An Sonntage, wenn wir nicht auf den Feldern arbeiten mussten. Das war unser einziger freier Tag. Ich habe damals nicht so viel gearbeitet – ich war eher der Wasserjunge. Aber Wasserjunge zu sein ist auch harte Arbeit, wenn man ständig Wasser zu den Leuten auf dem Feld tragen muss. Meine Mutter gab mir einen Eimer und sagte: „Bring deinen Brüdern Wasser.“ Und ich schwöre, meine Brüder haben mich damals gequält. Sie haben das ganze Wasser getrunken, obwohl sie gar nicht so durstig waren – nur damit ich wieder loslaufen und neues holen musste.

Heute lachen wir darüber, aber damals war das für mich eine Tortur. Diese Erinnerungen versuche ich auch auf der Bühne zu erzählen, weil viele Menschen sich darin wiedererkennen. Wichtig war mir immer, dass alles, was ich erzähle, wahr ist. Bevor wir das Album Sharecropper’s Son veröffentlichten, ließ ich alle meine Geschwister reinhören. Ich wollte sicher sein, dass alles stimmt. Ich wollte nicht, dass später jemand sagt: „So war das nicht.“

Denn wenn man die Wahrheit sagt, befreit sie einen. Wenn man lügt, muss man immer weiterlügen, um die erste Lüge zu verdecken. Irgendwann holt einen das ein. Deshalb versuche ich immer, die Wahrheit zu erzählen.

„Man ist nie zu alt, um zu träumen. Und auch nie zu alt, damit ein Traum noch wahr werden kann.“

Robert Finley

Welche Botschaft wollen Sie mit Ihrer Musik weitergeben?

Ich singe über Dinge, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Über Dinge, die ältere Menschen kennen und über die junge Menschen mehr erfahren wollen. Wenn man ehrlich ist, verstehen die Leute das. Viele meiner Songs handeln einfach vom Leben. Zum Beispiel: Was herumgeht, kommt irgendwann zurück. Oder: Was nach oben geht, kommt auch wieder herunter. Jeder versteht solche Dinge.

Und ich singe nicht über Zeug wie „Zieh dich aus“ oder solche Sachen. Niemand bringt sein Kind zu einem Konzert, wenn solche Texte laufen. Ich versuche über Dinge zu singen, von denen ich möchte, dass meine Kinder und Enkel sie hören. Ich singe über das echte Leben. Manche sagen: „Ist das Gospel oder Blues?“ Ich sage: „Es ist die Wahrheit. Nennen Sie es, wie Sie wollen.“

Man kann auch nicht zu einem Apfelbaum gehen und erwarten, dass dort Birnen wachsen. Wenn es ein Apfelbaum ist, wachsen dort Äpfel. So einfach ist das. Ich versuche also, alles so ehrlich wie möglich zu halten. Ich möchte, dass meine Enkel später die Wahrheit hören. Und ich glaube fest daran: Man ist nie zu alt, um zu träumen. Und auch nie zu alt, damit ein Traum noch wahr werden kann.

Sie sind mit Mitte 60 erst bekannt geworden.

Die meisten Menschen gehen mit 65 in Rente. Ich sage immer: Mit 65 bin ich erst richtig lebendig geworden. Und ehrlich gesagt, musste ich erst mein Augenlicht verlieren, um das zu erkennen. Ich musste meine physische Sicht verlieren, um wirklich zu sehen, was ich tun kann. Wenn ich noch so gut sehen könnte wie früher, würde ich wahrscheinlich gar nicht das machen, was ich heute mache. Manchmal arbeitet Gott eben auf geheimnisvolle Weise.

In den 1970er-Jahren waren Sie als Soldat in Deutschland stationiert, waren auch Bandleader einer US-Army-Band. 

Es war 1974, als ich zum Militär ging. Ich bin an meinem 19. Geburtstag eingetreten, weil ich wusste: Wenn ich zwei Jahre diene, bin ich mit 21 ein erwachsener Mann, wenn ich wieder rauskomme.

Ich machte zuerst die Grundausbildung. Dort brauchten sie eine Band, und ich meldete mich freiwillig. Wenn man in der Band war, musste man viele andere Dinge nicht machen, weil man mit Proben und Auftritten beschäftigt war. Also stellte ich schon während der Grundausbildung eine Band zusammen. Ich sang damals einen Song mit der Zeile: „Everybody thinks I’m lazy, but God knows I’m just tired.“ Eigentlich war das ein kleiner Scherz über meinen Drill Sergeant. Aber sie gaben mir tatsächlich einen Preis dafür – „Entertainer of the Year“. Es war nur eine kleine Tafel ohne Namen. Also nahm ich ein Messer und ritzte meinen Namen selbst hinein.

Später reparierten Sie Helikopter in der Army.

Später kam ich zur Ausbildung als Hubschrauber-Techniker. Meine offizielle Bezeichnung war Aircraft Armament Subsystems Mechanic. Das bedeutete: Wenn eine Bombe nicht explodierte oder eine Waffe nicht funktionierte, musste ich wissen, wie man sie entschärft. Bei solchen Dingen hat man nur einen Versuch – wenn man einen Fehler macht, war es das. Ich schloss die Ausbildung sogar als Jahrgangsbester ab. Danach sagten meine Ausbilder, wir würden eine Abschlussfeier machen und bräuchten eine Band. Sie schauten in meine Akte, und mein Drill Sergeant aus der Grundausbildung hatte schon geschrieben: „Dieser Typ ist genau der Richtige dafür.“

Also bekam ich wieder die Aufgabe, eine Band zusammenzustellen. Ich fragte einfach jeden Soldaten: „Was kannst du spielen? Was ist dein Talent?“ Wenn jemand Gitarre spielte, Schlagzeug oder Saxofon, dann nahm ich ihn in die Band. Viele meldeten sich freiwillig – auch weil sie dann keinen Wachdienst oder Küchendienst machen mussten. Sie mussten nur zu den Proben erscheinen. Und im Militär gilt: Wenn du nicht zur Probe kommst, giltst du als AWOL, also unerlaubt abwesend. Deshalb waren immer alle pünktlich.

Außerhalb der Army gab es dann aber bestimmt Leute in Ihren Bands, die nicht so pünktlich waren, oder?

Als ich später aus dem Militär raus war und versuchte, mit zivilen Musikern zu arbeiten, war das ein Schock. Niemand war zuverlässig. Im Militär waren alle pünktlich, aber draußen reichte schon ein hübsches Mädchen, und jemand verpasste die Probe.

Das frustrierte mich so sehr, dass ich irgendwann sagte: Ich höre damit auf. Aber ich wollte meinen Traum nicht aufgeben. Also begann ich, Solo-Shows zu spielen. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich damals zum ersten Mal nach Deutschland kam. Ich kam an einem Freitag mit dem Zug auf der Basis an. Der Sergeant sagte mir: „Melden Sie sich Montagmorgen zum Dienst.“ Ein junger Soldat brachte mich ins Freizeitzentrum, damit ich dort andere Soldaten kennenlernen konnte.

Ich kannte niemanden. Also lieh ich mir einfach eine Gitarre aus. Ich spielte ein bisschen und sang vor mich hin. Irgendwann schaute ich auf – und plötzlich standen viele Leute vor der Tür und hörten zu. Der Mann vom Freizeitzentrum sagte: „Unser Gitarrist ist gerade nach Hause gegangen. Wir haben morgen ein Konzert und keinen Gitarristen.“ Das war ein Freitag, und der Auftritt war am Samstag. Er fragte mich, ob ich spielen könnte. Ich sagte: „Ich weiß doch gar nicht, was ihr spielt.“ Er antwortete: „Ist egal. Du machst einfach dein Ding, wir begleiten dich.“

So lernte ich praktisch das ganze Bataillon an meinem ersten Wochenende kennen. Am nächsten Tag trat ich schon als Bandleader auf – mit einer Band, die ich gerade erst kennengelernt hatte. Ich war damals erst 19. Wir spielten auf einem großen Familienpicknick der ganzen Einheit. Alle Offiziere waren da. Der erste Song, den ich spielte, war von Chuck Berry – My Ding-A-Ling. Ich wusste gar nicht, wie frech der Text eigentlich war.

Wie lief die Show dann schlussendlich ab?

Das Publikum liebte es. Der Bataillonskommandeur kam danach zu mir und sagte: „Wenn du irgendetwas brauchst, sag Bescheid.“ Damals wusste ich noch gar nicht, wie viel Macht dieser Mann tatsächlich hatte.

Später arbeitete ich auch mit dem Militärpfarrer zusammen, weil ich aus einer kirchlichen Familie kam. Ich spielte öfter Musik in der Kapelle. Rückblickend sehe ich erst, wie viele junge Männer damals zu mir aufschauten. Sie hatten diesen speziellen Handschlag – den sogenannten „dap“. Man musste das mit jedem machen, um zu zeigen, dass man dazugehört. Bis heute weiß ich nicht genau, was das eigentlich bedeutet, aber man macht es einfach.

Wie blicken Sie heute auf diese Zeit zurück?

Heute bin ich 72 und erzähle Geschichten aus der Zeit, als ich 19 war. Aber ehrlich gesagt: Als ich damals zum Militär ging, dachte ich nicht, dass ich jemals lebend zurückkommen würde. Ich meldete mich freiwillig während des Vietnamkriegs. Viele Freunde aus meiner Kindheit wurden eingezogen. Wir hatten zusammen Baumwolle gepflückt, zusammen die Schule besucht. Einige von ihnen kamen nicht zurück – sie kamen in Särgen nach Hause.

Ihre Familien bekamen Geld für ihr Opfer. Und ich lebte damals auf der Straße. Ich dachte mir: Wenn ich sowieso sterben werde, dann soll meine Mutter wenigstens ein Haus bekommen. Vielleicht ein Auto. Ich wollte, dass sie etwas davon hat. Ich war überzeugt, dass ich in Vietnam sterben würde. Ich sagte später zu meinen Freunden: Als sie hörten, dass ich komme, haben sie wahrscheinlich den Krieg beendet, weil sie dachten: „Dieser verrückte Kerl ist auf dem Weg.“

Ich wurde allerdings nie in den Krieg geschickt. Ich war dafür zuständig, die Waffen der Hubschrauber zu warten – Granatwerfer, Maschinengewehre, solche Dinge. Ich wusste, wie man sie auseinanderbaut und wieder zusammensetzt. Aber bevor ich tatsächlich eingesetzt wurde, ging der Krieg zu Ende. Plötzlich brauchten sie keine Hubschrauber-Techniker mehr. Also musste jeder eine neue Aufgabe wählen.

Ich wechselte in den Bereich Programmdirektion im Freizeitzentrum. Dort fühlte ich mich sofort zuhause. Die Leiterin des Zentrums beantragte sogar, dass ich dauerhaft dort arbeiten sollte, weil ich gut darin war, Soldaten zusammenzubringen. Wenn ein neuer Soldat auf die Basis kam, fragte ich ihn immer: „Was kannst du? Spielst du ein Instrument?“ Dann stellte ich Bands zusammen – Country-Bands, Soul-Bands, was auch immer möglich war. Ich brachte einfach die Leute zusammen, die zusammenpassen.

Hat Ihnen diese Erfahrung später auch bei Ihrer Solo-Karriere geholfen? Als Bandleader lernt man ja, wie man ein Team zusammenstellt.

Ja, das hat definitiv geholfen. Ich sage das nicht arrogant, aber ich habe gelernt, auch ganz allein zu unterhalten. Wenn ich nur mit meiner Gitarre auf der Bühne stehe, kann ich eine Show machen.

Aber wenn man mit einer Band spielt, ist es etwas anderes. Dann kann ich mich freier bewegen. Wenn ich Gitarre spiele, sind meine Hände gebunden. Ich muss im Takt bleiben, kann nicht einfach tanzen oder mich frei bewegen. Ich mache immer noch Solo-Shows, besonders in den USA. Aber ich liebe es auch, mit einer guten Band zu reisen – mit Musikern und Musikerinnen, die meine Songs kennen.

Sie wissen nicht, was ich sagen werde, und sie wissen nicht, was ich auf der Bühne tun werde. Aber sie kennen die Musik. Und ich sage ihnen immer: Spielt einfach die Songs und lasst mich ich selbst sein. Sogar meine Tochter weiß manchmal nicht, was ich als Nächstes mache. Ich selbst weiß es oft auch nicht. Es passiert einfach. Ich schaue ins Publikum und bekomme meine Energie von den Menschen.

„Nicht jeder hat das Glück, alt zu werden. Wenn man nicht alt wird, stirbt man jung – und das will eigentlich niemand.“

Robert Finley

Sie genießen das Livespielen sichtlich in vollen Zügen.

Der beste Teil eines Konzerts ist für mich eigentlich der Moment danach. Während der Show können tausende Menschen schreien und jubeln, aber man weiß gar nicht genau, was sie wirklich fühlen. Nach der Show sitze ich am Merch-Tisch, und die Leute kommen zu mir. Manche mit Tränen in den Augen. Manche stehen einfach nur in der Schlange, um „Gute Nacht“ zu sagen.

Viele fragen: Warum stehen Menschen so lange an, nur um kurz Hallo zu sagen? Ich sage immer: Ich verbringe mehr Zeit in der Lobby nach der Show als auf der Bühne. Weil ich diese direkte Begegnung brauche. Wenn jemand zu mir kommt und sagt: „Ich bin 72“ oder „Ich bin 81, und das war der beste Abend seit langem“, dann ist das das, was mich weitermachen lässt. Meine Songs handeln vom Alltag. Von Dingen, die jeder kennt. Mein Lieblingssong ist Nobody Wants To Be Lonely. Ich habe das selbst erlebt, auch mit meinem besten Freund

Ich gehe oft in Pflegeheime und rede mit älteren Menschen. Viele verstehen nicht: Nicht jeder hat das Glück, alt zu werden. Wenn man nicht alt wird, stirbt man jung – und das will eigentlich niemand. Darum sage ich immer: Lasst Pflegeheime Orte sein, auf die man sich freut, wenn man alt wird – und keine Orte, die sich wie eine lebenslange Strafe anfühlen. Es bricht mir das Herz, wenn ältere Menschen erzählen, dass sie nie Besuch bekommen. Deshalb singe ich über solche Themen. Über Einsamkeit. Über das Leben.

Songs wie What Goes Around Comes Around oder Get It While You Can handeln von echten Erfahrungen. Ich singe nicht über Dinge wie „Shake your booty“. Jeder kann seinen Hintern schütteln – aber was bedeutet das schon? Wenn Gott dir eine Bühne gibt und tausende Menschen zuhören wollen, dann solltest du etwas sagen, das ihnen hilft. Etwas Positives. Etwas, das sie mit nach Hause nehmen können.

Was würden Sie sagen ist der Schlüssel zum Erfolg im Leben?

Der Schlüssel zum Erfolg ist für mich: bescheiden und fokussiert bleiben. Lass dir nicht vom Schulterklopfen den Kopf verdrehen. Neulich ging ich spazieren. Ich gehe nicht weit allein – vielleicht einen Block vom Hotel entfernt. Da sah ich einen Obdachlosen auf dem Gehweg schlafen.

Im Hotel gab es Frühstück. Also ging ich zurück, holte mir ein großes Frühstück, packte es in eine Geschenktüte und ging wieder raus. Ich gab ihm die Tüte. Ich hatte auch eine kleine Flasche Whiskey dabei und legte sie dazu. Ich wollte keine Fotos, kein Lob. Ich wollte nur jemandem helfen. Es hätte auch ich sein können. Manchmal hilft man am besten, wenn man einfach etwas Gutes tut und weitergeht. Ich sah sein Lächeln, als ich ihm die Tüte gab, und das reichte mir. Ich glaube fest an das Prinzip: Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden möchtest.


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