Beabadoobee im Interview: „Ich musste einfach mal ein Emo-Album machen“

Beabadoobee
Foto: Erika Kamano

Beabadoobee ist eine der markantesten Indie-Pop-Queens der letzten zehn Jahre geworden. Auf ihrem vierten Album Pylon dreht sie das aber nun um: Midwest Emo mit Features von Paramore und Deftones. Aus welcher Einsamkeit das kam, erzählt sie uns im Gespräch.

Strommasten mit Heimweh

Bei unserem Zoom-Call sitzt Beatrice Laus alias Bea alias Beabadoobee gerade im Büro ihres Labels Dirty Hit und signiert im Sekundentakt CDs – was der Qualität unseres Gesprächs keinesfalls Abbruch tut. Vielmehr ist die Situation ein guter Aufhänger, um über das zu sprechen, was sie gerade in der Hand hält: Pylon. Das Cover, das sie da signiert, ist eine Collage aus Dingen, die sie nach einer Tour in ihrer Tasche gefunden hat. Eine Menge random Zeug also, das so wirken sollte, „als hätte man es irgendwo im Boden vergraben gefunden“, erzählt die Musikerin. „Wenn man unterwegs ist, sammelt man Sachen an.“

So willkürlich also diese Mischung aus Gegenständen wirken mag, so ausschlaggebend war das Unterwegssein für das neue Album. „All diese Dinge haben eine gewisse Bedeutung in Bezug darauf, dass ich von meinem Zuhause getrennt bin.“ Denn die neuen Songs schrieb Beabadoobee entweder auf Tour oder in den Pausen dazwischen, in diesem seltsamen Gefühl von Rast- und Heimatlosigkeit, von konstanter Bewegung, von riesigen Crowds und doch von Isolation.

Beim Blick aus dem Tourbusfenster war der Albumtitel die einzige Konstante zwischen dem Zuhause und den fremden Orten: Pylon, also ein Strommast. „Wenn man durch Amerika mit all diesen trostlosen Gegenden fährt, sind Strommasten oft das Einzige, was dort existiert“, meint Beabadoobee. „Sie tragen ja die Leitungen, die die Städte miteinander verbinden. Genau das hat mich zu ihnen hingezogen. Ich hatte wohl ein verzweifeltes Bedürfnis, mich an irgendetwas festzuhalten, das mir das Gefühl gab, mit all dem verbunden zu sein, was ich zuhause liebte.“

„‚Oh mein Gott, dieser Song kommt raus – peinlich!‘“

Das war keine einfache Zeit, aber dementsprechend persönlich gerieten die Songs. Schon die erste Single Sun Has Set zeigte Beatrice Laus von einer sehr entschiedenen Seite, mit kalten Ansagen an eine einst geliebte Person. Switchblade beleuchtet das eigene Scheitern und die schwierige Aufgabe, erwachsen zu werden. Memories klingt glücklicher und verliebter, enthält aber auch wunderbare unausgesprochene Tagebuchgedanken wie: „When I’m with you / Don’t need to feel the need to feel removed“.

Beabadoobee sieht ihr viertes Album daher als ihr verletzlichstes Werk: „Es ist das erste Album, bei dem ich denke: ‚Oh mein Gott, dieser Song kommt raus – peinlich!‘ (lacht) Denn als Künstlerin denke ich beim Schreiben eines Songs nicht unbedingt an dessen Nachwirkungen. Ich denke einfach daran, was ich für mich tun muss – und das ist, Musik zu schreiben.“ Sie gibt aber auch zu: „Ich musste einfach mal ein Emo-Album für mich selbst machen. Ich glaube, ich war… einfach traurig.“

Ist Pylon also fast schon pessimistisch? „Oh, ja! Es gibt Anflüge von Optimismus, aber im Vergleich zu meinen anderen Alben liefert Pylon nicht unbedingt eine Antwort. Genau darin liegt für mich der Reiz der Platte: Es hat etwas Schönes, zu akzeptieren, dass man nicht auf alles eine Antwort hat. Zu akzeptieren, dass ich wohl den Rest meines Lebens damit verbringen werde, Dinge zu begreifen.“ Nun lebt Pylon zwischen der Traurigkeit und der Freude darüber, diese Karriere verfolgen zu können. „Es begrüßt dieses Chaos“, fasst Bea diese Ironie zusammen.

Zurück zum Emo

Eine weitere Sache, die die Musik und der Albumtitel teilen, ist Strom. Verzerrte Gitarren, frickeliger Lärm und auch einiges an Wut hört man. Zwar gibt es auch wie immer sanftere Songs, aber selbst diese weisen eine ungestüme Elektrizität auf: Im Song Powerlines zittern die Gitarren kurz und abgehackt, was zum Songtitel wunderbar passt; und auch Spark bringt später einen überraschenden Knall, nachdem Bea in dem Lied erwähnt, in eine Steckdose zu fassen.

Ein Beabadoobee-Album klang schon lang nicht mehr so rockig, am ehesten kommt da noch ihr Debüt Fake It Flowers heran. Nach zwei Nachfolger-Alben, die Bea eher als Kultfigur im Indie-Pop zementierten, zieht sie dieses Mal Inspiration aus Emo, Grunge und Alt-Rock – Genres, die sie schon immer geprägt haben. Midwest-Emo-Gitarren etwa konnte man schon auf älteren Songs wie Pictures Of Us hören, nun bekommen sie aber mehr Raum. Was fasziniert Bea daran? „Beim Midwest Emo ist es diese kompromisslose Art, nicht nur in den Texten, sondern auch im Sound“, meint sie. „Man scheut sich nicht davor, ein gewaltiges Gefühl zu erzeugen, während es sich gleichzeitig intim und in sich geschlossen anfühlt. Es liegt eine gewisse Schönheit in diesem kontrollierten Chaos.“

„Auch wenn dieses Album im Kern vielleicht etwas pessimistisch ist, finde ich es wichtig, diese Gefühle nicht nur textlich, sondern auch klanglich einzufangen“, fährt sie fort. „Und wie steigert man die Intensität eines Gefühls? Etwa durch einen Gitarrensound, der Euphorie auslöst. Ich war regelrecht besessen davon, Klänge zu finden, die so dissonant waren, dass sie ein Gefühl von Angst hervorriefen, als wolltest du sterben – genau das liebe ich an Emo-Musik. Es geht nicht nur um die Texte. Man versucht nicht bloß, ein tiefes Gefühl in drei Worte zu fassen. Man nutzt Gitarren und viele andere Instrumente, um dieses Gefühl wirklich erlebbar zu machen.“

Turnstile und Paramore leisten Gesellschaft

Bei der Umsetzung halfen Stars aus genau diesen Bereichen, die Beabadoobee so inspirierten: Echte Legenden wie Hayley Williams von Paramore oder Chino Moreno von Deftones liefern kleine Gesangs- bzw. Schreieinlagen. Emo-Held:innen von Title Fight und Pinegrove schreiben mit. Auf einem Song tauchen The 1975 auf, auf einem anderen Brendan Yates von Turnstile.

So eine fette Gästeliste war gar nicht von Anfang an geplant. Ab und an hatte Beas Team sich bei jemandem gemeldet, mal kam die Anfrage von den Gästen selbst, und am Ende wurde es zu einer echten Wundertüte. Dieses Schreiben und Aufnehmen im selben Raum sei nervenaufreibend gewesen, meint Bea. Die Arbeit mit Hayley Williams auf Nothing To Prove beschreibt sie so: „Es war einfach großartig, eine Verbindung zu jemandem aufbauen zu können, den ich schon so lange bewundere, und zu spüren, dass sich unsere Erfahrungen gegenseitig bestätigen.“ Mit Chino Moreno entstanden zwar noch zwei weitere Songs, die es nicht aufs Album geschafft haben; so schreit er nun nur am Ende des Songs Satellite, „aber ich hätte schon alles dafür gegeben, Chino auf meinem Album schreien zu lassen. Selbst das bedeutet mir einfach die Welt.“

Beabadoobees reifstes Album

Allein das macht Pylon zu einem Beweis dessen, wie weit Beabadoobee gekommen ist. Aber auch textlich wirken die Songs so reif, als könnten sie an keinem früheren Punkt in ihrer Karriere geschrieben worden sein. „Davor war ich noch nicht so weit, darüber zu schreiben“, sieht Bea selbst. „Das Thema ‚Unterwegssein‘ war für mich extrem sensibel, weil es einen so großen Teil meines Lebens ausmachte; es fühlte sich einfach zu heikel an, mich da so verletzlich zu zeigen. Irgendwann kam dann der Moment, in dem sich das Tourleben gesund anfühlte, obwohl ich gleichzeitig eine gewisse Traurigkeit verspürte. Doch gerade dieses gesunde Umfeld – zum Beispiel nüchtern zu spielen und eine liebevolle Band um mich zu haben – schuf mir einen Raum. Ich konnte all jenen Gefühlen, die ich sonst immer verdrängt hatte, plötzlich nicht mehr ausweichen. So war es mir zum ersten Mal seit langer Zeit möglich, all das zu verarbeiten.“

Abschließend reflektiert Bea den Reifeprozess: „Natürlich wächst man und der Wortschatz sowie die eigenen Erfahrungen verändern sich, aber ich bin nicht die Art von Künstlerin, die für eine neue Ära ihren Vibe komplett umkrempelt. Die Künstlerin Beabadoobee ist im Grunde nur Bea – da gibt es keine Trennung. Ich bin einfach auf eine nervige Art und Weise so sehr ich selbst; das lässt sich gar nicht vermeiden!“

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