Chelsea Wolfe im Interview: „Dieses Album ist wie eine Séance für meine eigene Seele“

Chelsea Wolfe im Interview: „Dieses Album ist wie eine Séance für meine eigene Seele“
Foto: Magdalena Wosinska

Während sich der Sommer langsam dem Ende neigt, zieht die Dunkelheit herauf: Mit The Dark veröffentlicht Chelsea Wolfe ihr neuntes, von Geistern heimgesuchtes Album, das die Musikerin einmal mehr als düstere Gestaltwandlerin sondergleichen präsentiert, die Pforten zwischen verschiedensten Welten öffnet.

Müsste man The Dark in der Musiklandschaft verorten, wäre die Beschreibung „dark-folk-beeinflusster Alternative Rock“ wohl am naheliegendsten – entsprechende musikalische Unterstützung gab’s unter anderem von Troy Van Leeuwen (Queens Of The Stone Age) und Robin Finck (Nine Inch Nails). Aber Chelsea Wolfe spielt seit nunmehr über 15 Jahren sowieso in ihrem ganz eigenen, jenseitigen Reich, in dem weltliche Grenzen und Regeln nicht gelten. Also sagen wir einfach: Dieses Album ist Chelsea Wolfe durch und durch. Wie könnte es auch anders sein.

Wir sprachen mit der Singer/Songwriterin über die Rückkehr zu sich selbst und das Verlassen der Komfortzone sowie neu gefundene Klarheit im Leben und in der Musik.

Chelsea, um über The Dark zu sprechen, müssen wir wohl erst mal auf den Vorgänger She Reaches Out To She zurückkommen, denn da ging es um Wiedergeburt und Neuanfänge. Wohin haben die dich geführt?

Dieses Album fühlt sich definitiv mit dem vorherigen verbunden an, auch wenn sie klanglich nicht sehr ähnlich sind und der Entstehungsprozess ganz anders war. In den letzten fünf, sechs Jahren habe ich viele Veränderungen durchgemacht. Es fing damit an, dass ich mit dem Alkohol aufgehört habe, und das letzte Album She Reaches Out entstand sehr stark aus diesem Gefühl der Neuheit heraus – so, als würde ich die Dinge zum ersten Mal kristallklar sehen. Ich fing an, viele Veränderungen in meinem Leben vorzunehmen und hatte naiverweise das Gefühl, ich hätte alles durchschaut. Aber dann wurde mir klar: Oh nein, ich habe meinen Scheiß überhaupt nicht im Griff. (lacht) Genau da setzt dieses Album an: Es geht darum, mich noch mehr mit schwierigen Dingen auseinanderzusetzen – mit Sachen, die ich lange Zeit nicht sehen wollte, und das dann einfach in Songs zu kanalisieren, während ich es durchlebe.

Wenn du deine Alben im Nachhinein betrachtest, hast du dann das Gefühl, dass dort so etwas wie ein Dialog zwischen dir zu verschiedenen Zeitpunkten in deinem Leben stattfindet?

Ehrlich gesagt sehe ich da vielleicht eher gemeinsame Charaktere oder Themen, wie zum Beispiel Dunkelheit und Leere. Ich habe das Gefühl, dass das auf meinen Alben auf unterschiedliche Weise sehr präsent ist. Auf dem Cover des letzten Albums war ein Ei zu sehen, und das ist so eine Art Leitmotiv in meinem Kopf. Für mich ist das Innere dieses Eies voller Potenzial und Geheimnisse, und das erforsche ich jetzt noch weiter. Ich wollte aber auch einfach einen Liebesbrief an die Dunkelheit schreiben, die ich schon so lange erkunde.

Chelsea Wolfe im Circle Store:

Das Erste, was mir an diesem neuen Album auffiel, war die Produktion. Deine Musik hat traditionell eine traumhafte Unschärfe, während dieses Album in gewisser Weise sehr klar und reduziert klingt. Warum hat dich diesmal gerade das angesprochen?

Zum ersten Mal habe ich mich bei diesem Album wirklich auf traditionelle Songwriting-Strukturen konzentriert. Das war etwas, das ich erkunden, besser verstehen und damit experimentieren wollte. Deshalb habe ich erstmals mit einer Songwriting-Partnerin zusammengearbeitet, nämlich Jenn Decilveo. Sie hat die Dinge wieder auf die eigentliche Songstruktur zurückgeführt und mir dabei geholfen, richtige Refrains zu schreiben. Das ist etwas, worauf ich mich nicht immer konzentriere. (lacht) Wie du schon gesagt hast, ist ein Großteil meiner Musik eher verträumt und verschwommen, und das ist definitiv der Kern dessen, was ich bin. Ich weiß, dass ich auch wieder dorthin zurückkehren werde. Aber das hat einfach mit meiner aktuellen Lebensphase zu tun: Ich möchte mit etwas anderem experimentieren. Und ich glaube, dass es sich für diese Art des Songwritings einfach anbietet, die Dinge etwas klarer und direkter zu gestalten und den Gesang fast ohne Effekte zu hören.

Jenn Decilveo hat schon mit vielen großen Pop-Künstler:innen zusammengearbeitet. Ging es dir darum, dass sie diese Art von Pop-Sensibilität auch in das Songwriting einbringt?

Jenn war definitiv daran interessiert, in die Welt meiner Musik einzutauchen, was ich wirklich cool fand. Aber gleichzeitig denke ich, dass ihre melodische Sensibilität einfach von Natur aus eher poporientiert ist. Sie ist großartig darin, eingängige Melodielinien zu schreiben, und ich war bereit, meine Komfortzone zu verlassen und mich zum ersten Mal darauf einzulassen. Früher war es so: Wenn ich etwas schrieb, das ich als eingängig empfand, stieß es mich fast ab, und ich hätte einen Song fast nicht auf ein Album gepackt, wenn ich das Gefühl hatte, dass irgendetwas daran zu perfekt oder zu catchy war. Sogar Carrion Flowers, der mittlerweile einer meiner Lieblingssongs ist, kam mir damals irgendwie peinlich vor. (lacht) Dieses Mal dachte ich mir: Ich probier’s einfach mal aus. Und dann habe ich festgestellt, dass mir diese Melodien mit der Zeit im Kopf hängen geblieben sind und mir eigentlich richtig gut gefallen.

Wie du bereits gesagt hast, beschäftigt sich dieses Album viel mit Dunkelheit, Tod und dem Ende von Dingen, was für viele Menschen, besonders in der westlichen Welt, viele negative Assoziationen weckt. Welche Reaktionen oder Emotionen sind damit für dich verbunden?

Das ist ein wirklich guter Punkt: In der westlichen Kultur soll man ja eigentlich nicht über den Tod nachdenken oder darüber sprechen. Ich bewundere Sterbebegleiter:innen und habe kürzlich von Chören erfahren, die für Menschen singen, die im Sterben liegen. Ich finde das unglaublich schön und habe selbst ein paar Songs auf dem Album zu dem Thema gemacht. Vor allem die letzten beiden Lieder beschäftigen sich mit dem Leben nach dem Tod, dieser Art von Übergang und dem Raum dazwischen. Ich habe viel daran gearbeitet, meine matriarchalen Vorfahren zu ehren und zu versuchen, durch Rituale eine Verbindung zu ihnen herzustellen. Gleichzeitig habe ich den Kontakt zu meiner Großmutter wieder aufgenommen, mit der ich über 20 Jahre lang nicht gesprochen hatte. Es war etwas ganz Besonderes, als Frau in meinen Vierzigern wieder Kontakt zu ihr aufzunehmen, während sie bereits Ende 80 ist. Das hat mir geholfen, die Dinge auf eine andere Art zu sehen – sozusagen mit den Augen einer Älteren –, und ich glaube, dass das auch meiner Musik viel Energie verliehen hat.

Ich wurde auch sehr von einem Film inspiriert, den ich schon immer geliebt habe: What Dreams May Come. Darin geht es vor allem um das Leben nach dem Tod und die verschiedenen Bereiche des Jenseits – und darum, in die Hölle zu greifen, um jemanden, den man liebt, herauszuholen. Dieser Film hat mich schon immer fasziniert, deshalb habe ich den Großteil des Songs Dancer In The Sky darüber geschrieben.

Sich der Dunkelheit zu stellen –auch der Dunkelheit in sich selbst – kann sehr schmerzhaft sein. Wie hilft dir die Musik bei diesem Prozess?

Dieses Album hat viel mit Loslassen zu tun, was ein schwieriger und langwieriger Prozess sein kann. Mir kommt immer wieder dieses Bild von einem Brunnen in den Sinn, so wie ich es in dem Song Swallower beschrieben habe: wie manche Beziehungen einseitig werden und man eimerweise Energie in diesen bodenlosen Abgrund schüttet. Man erwartet, dass sich der Brunnen füllt und diese Person zu jemandem wird, mit dem man sich als gleichberechtigter Partner fühlen kann, aber der Brunnen ist einfach bodenlos. Irgendwann muss man sich also entscheiden: Entweder man gießt weiter, bis man völlig ausgelaugt ist, oder man hört damit auf und fängt an, in sich selbst zu investieren. Es gibt da also eine Menge, womit ich mich auseinandersetzen muss, auch in meiner Beziehung zu mir selbst und wie ich mit mir umgegangen bin – körperlich, geistig, spirituell.

Wie ich schon sagte: Auf dem letzten Album dachte ich, ich hätte die Dinge im Griff, was wirklich lustig ist. Aber auf diesem Album gebe ich einfach zu, dass das nie ganz der Fall sein wird, und das ist okay für mich. Ich werde einfach weiterhin für mich selbst, für die Personen, die ich liebe, und für meine Arbeit da sein, mich den schwierigen Dingen stellen und versuchen, einen sicheren Raum in mir selbst zu finden. Ich glaube, die Dunkelheit ist eigentlich auch so ein sicherer Ort. Ich weiß, dass viele von uns, die das Dunkle lieben, auch Dinge lieben, die gemütlich und süß sind. Ich habe zum Beispiel viel über Guillermo del Toros Frankenstein-Film nachgedacht und darüber, wie dieser Film zeigt, dass der Mensch eigentlich das Monster ist, während das Monster der Liebenswerte ist.

Auf deinem Albumcover und in Videos sieht man den Mono Lake. Welche Bedeutung hat dieser See für dich?

Der Mono Lake ist ein uralter Salzsee mitten in den Bergen Kaliforniens, der ein ganz seltsames Gefühl vermittelt. Es scheint eigentlich unmöglich, dass es mitten in dieser Gegend einen solchen Ort geben sollte. Im Laufe der Jahre, als der See immer weiter austrocknete, wurden die Tuffsteinformationen freigelegt, die man auf dem Cover sieht. Der See war im Begriff zu sterben, dabei ist er ein wichtiger ökologischer Lebensraum. Die Tatsache, dass dieser See am Austrocknen war und Menschen der Meinung waren, er sei es wert, gerettet zu werden, und damit begannen, wieder Wasser hineinzuleiten, damit er weiterleben konnte – das fühlte sich wie eine gute Analogie für eine Entscheidung an, die ich als Frau, die in die zweite Hälfte ihres Lebens eintritt, treffen musste: Werde ich einfach zerbröckeln und weiter meine ganze Energie in diese bodenlosen Abgründe stecken, die mich völlig auslaugen, die meine Haut grau werden lassen und mir das Gefühl geben zu sterben, oder werde ich einige Veränderungen vornehmen und einen anderen Ansatz versuchen?

Wie schaffst du es angesichts des Musikerinnenlebens auf dich zu achten und mit dir in Verbindung zu bleiben?

Ich glaube, ich lerne das noch. Vieles davon hat damit zu tun, mich so zu akzeptieren, wie ich bin. Mir ist erst vor kurzem klar geworden, dass ich wirklich viel Zeit für mich allein brauche. Das habe ich lange geleugnet, weil ich das Gefühl hatte, es sei egoistisch, diesen Freiraum zu brauchen und mich nicht immer um die Bedürfnisse anderer zu kümmern. Ich wusste nicht, wie man Nein sagt. Nun lerne ich langsam, damit klarzukommen, so zu sein, wie ich bin – nämlich eine echte Introvertierte und Einsiedlerin.

Für dieses Album ist das Motiv der Séance wichtig. Inwiefern hängt das mit den Themen des Albums zusammen?

Der Song Turn The Key war sozusagen die Inspiration dafür. Da kommen viele Bilder von Séancen vor, und dieser Song und dieses Album sind wie eine Séance für meine eigene Seele. Es geht einerseits wie gesagt darum, aufzuhören, mich selbst im Stich zu lassen, wie ich es im Grunde in der ersten Hälfte meines Lebens getan habe. Außerdem gefiel mir die Parallele dazu, dass Heilung selten linear und endgültig ist: Manchmal verliert man jemanden und wünscht sich diesen letzten Kontakt zu ihm. Man will einen richtigen Abschluss, ein finales Gespräch – genauso wie in einer Séance eben. Aber manchmal muss man auch erkennen, dass das nicht funktioniert und man diesen Abschluss in sich selbst schaffen muss.

Also möchtest du dabei vor allem zu dir selbst Kontakt aufnehmen?

Ja. Ich habe vor langer Zeit mal die Frage gelesen: Wenn du ein Geist wärst, was wären die drei Dinge, die dich herbeirufen würden? Ich liebe es, darüber nachzudenken, was die Ankerpunkte sind, die mich wieder zu mir selbst zurückbringen. Ob es nun ein Lied ist, ein Spaziergang im Wald, Meditieren, einen Fantasy-Roman zu lesen oder was auch immer: Das sind Dinge, die einen wieder zu sich selbst zurückbringen können, wenn man das Gefühl hat, in zu viele verschiedene Richtungen gezogen worden zu sein und gar nicht mehr weiß, wer man eigentlich ist.

Bei Geistern und dem Leben nach dem Tod geht es in gewisser Weise auch immer darum, etwas zurückzulassen. Kommt dir das jemals in den Sinn, wenn du etwas kreierst – dass es ein Stück von dir ist, das du hinterlassen wirst?

Das Konzept des Vermächtnisses ist nichts, worüber ich nachdenke. Ich mache Musik nicht mit diesem Ziel; es war einfach schon immer ein wesentlicher Teil von mir und ich hatte das Glück, daraus eine Karriere machen zu können. Aber ich denke schon an Künstler:innen, die ich liebe und die zu früh von uns gegangen sind, wie zum Beispiel Townes Van Zandt, und daran, wie sehr ich mich mit seiner Musik oder Videoaufnahmen von ihm verbunden fühle. Es ist so besonders, dass ich das tun kann, weil er diese Dinge hinterlassen hat, und dass jemand das eines Tages auch mit mir tun kann. Vielleicht findet in hundert Jahren jemand einen Song von mir, der ihm gefällt. Das ist so cool und hat durchaus etwas Geisterhaftes –ein altes Artefakt, das in jemandes Leben zu etwas Gegenwärtigem wird.

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