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Die junge Frau und der Blues: Wer ist eigentlich das Generationstalent Muireann Bradley?
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Dieses Gitarrenspiel, diese Stimme: Mit noch nicht mal 20 Jahren gilt die Irin Muireann Bradley als größte Hoffnung des Country Blues – eine alte Seele in einem jungen Körper, eine aufstrebende Stimme, die auch die große Garde der Blues-Legenden begeistert.
Nach einer prägenden neuen Blues-Stimme kann man an vielen Orten suchen. In Ballybofey würden das wohl die wenigsten tun. Das verschlafene Nest liegt ganz im Norden Irlands im County Donegal, ein Durchgangsort, geteilt von der N15. Hier geht es eher um Pubs und um Fußball, weniger um den Blues der Zwanziger oder Dreißiger. In einem Haushalt aber eben schon: Muierann Bradley wird im Dezember 2006 geboren – mit einer Englischlehrerin als Mutter und einem Musiklehrer als Vater.
Muireann Bradley im Circle Store:
Eher Memphis Minnie als Taylor Swift
Früh hört sie ihm zu, früh fängt sie an, Gitarre zu spielen. Neun ist sie da. Und hoffnungslos vom alten, vom echten, vom authentischen Blues infiziert. Die Art, in der es um Leben und Tod geht. Ungeschminkt, roh, unpoliert, echt, von ganz tief unten. Sie hört eher Blind Blake, Rev. Gary Davis, Memphis Minnie, Elizabeth Cotten oder Mississippi John Hurt als Taylor Swift und Harry Styles. „Ich wuchs durchdrungen von diesem alten Blues auf“, sagt sie mal. „Mein Vater spielte diese Musik ununterbrochen und sprach endlos lang darüber.“ Für die junge Muierann war das aber weder öde noch anstrengend. Im Gegenteil: Er verpackte die Biografien der legendären Blueser:innen eher in Mythen und Legenden. Was sie ja meistens auch waren, wenn wir mal ehrlich sind.
Die kleine Reisegitarre mit extra leichten Saiten reicht ihr irgendwann nicht mehr. Mit Beginn des ersten Lockdowns stürzt sie sich ins Gitarrenspiel, lernt schnell, übt jeden Tag. Der Blues kann sie zu diesem Zeitpunkt schon gar nicht mehr verlassen. Sie hat ihn aufgesogen. „Es ist wichtig, die Songs am Leben zu erhalten. Diese Musiker sind so großartig, wir sollten ihre Erinnerung wachhalten“, sagt sie, als sie 17 Jahre alt ist. Ihr Fingerstyle-Spiel ist da schon nicht von dieser Welt.
Die Fackel wurde weitergereicht
Schon davor wird sie entdeckt: Am 31. Dezember 2023 tritt Bradley in der BBC-Fernsehsendung Jools Holland’s Annual Hootenanny auf und erhält Standing Ovations für ihre Interpretation des 1961 erschienenen Songs Candyman von Rev. Gary Davis. Wenige Monate zuvor steht sie erstmals überhaupt auf einer Bühne. Und nur ein Jahr später nimmt Decca sie unter Vertrag. Decca! Auf demselben Label wie Billie Holiday, Nina Simone und Ella Fitzgerald sei „ein wahr gewordener Traum“, wie sie damals sehr nachvollziehbar sagt.
Decca veröffentlicht 2025 ihr Album I Kept These Old Blues neu, eine hinreißende Sammlung von zwölf klassischen Country-Blues-Stücken. Das kann man in aller Länge und Breite beschreiben. Oder man lässt den legendären Stefan Grossman, selbst eines ihrer größten Vorbilder, zu Wort kommen. Er sagt damals: „Eine wunderbare Musikerin. Jetzt kann ich mich zur Ruhe setzen: Die Fackel wurde weitergereicht.“
Teenage-Künstlerin mit alter Seele
Muireann Bradley gibt dabei weder dem Delta Blues oder dem Texas Blues des Südens noch dem Piedmont Blues des Ostens den Vorzug. Sie behandelt alle drei regionalen Marken des Country Blues gleichermaßen ehrfürchtig. Und lässt sich auch bei ihren eigenen Songs von ihnen leiten, inspirieren, lenken. Von denen schreibt sie mittlerweile mehr und mehr. Am 23. Oktober 2026 erscheint ein neues Album von ihr. Eine Doppel-EP, genauer gesagt. Sie heißt Rose Dogs & Blackwood Pew. Und ist ein beeindruckend ausformuliertes Statement einer Künstlerin, die in diesem Dezember 20 Jahre jung wird. „Eine Teenage-Künstlerin mit einer alten Seele“, wie Clash treffend urteilt.
Die Veröffentlichung vereint erstmals die fünf Songs der 2025 digital erschienenen EP Rose Dogs mit den sechs Songs der neuen EP Blackwood Pew. Es ist ein neues Kapitel: Erstmals steht Muireann Bradley nicht nur als brillante Interpretin, sondern als eigenständige Songwriterin im Mittelpunkt. Das Release umfasst drei neue Eigenkompositionen sowie neue Bearbeitungen ausgewählter Klassiker. Gemeinsam ergeben sie ein Werk, das tief in Country Blues, Folk und irischer Musik verwurzelt ist und zugleich den unverwechselbaren Charakter einer jungen Künstlerin offenbart, die ihre eigene musikalische Sprache gefunden hat.
Die handgefertigte Gitarre
Behutsam wurde ihr bislang vorwiegend akustischer Sound um Bass, Schlagzeug, Slide-Gitarre und Keyboards ergänzt. Das macht den Sound voller, die Arrangements atmosphärischer. Doch ihre Stimme und ihr filigraner Stil stehen immer noch da, wo sie hingehören: ganz, ganz vorn.
Und nun noch etwas herrlicher Nerd-Content: Der Titel Blackwood Pew verweist auf die Gitarre, die auf sämtlichen neuen Aufnahmen zu hören ist – ein maßgefertigtes Instrument aus australischem Blackwood-Holz, dessen Boden und Zargen aus einer über 200 Jahre alten Kirchenbank aus Tasmanien gefertigt wurden. Gebaut wurde sie von Steve Brown, der nach einem Konzert so beeindruckt war, dass er Bradley das Instrument anfertigte. Eine schöne Geschichte, die vor allem eines zeigt: wie sehr ihre Musik die Menschen begeistert.