Don Broco im Interview: Unberechenbar, aber nie beliebig

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Foto: Bethan Miller

Don Broco im Interview: Unberechenbar, aber nie beliebig

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Wir treffen Don Broco beim Berliner Stopp ihrer Nightmare-Tripping-Tour. Ein Gespräch über Songs, die bleiben und Songs, die lieber im Archiv wohnen dürfen, den wilden Sound des neuen Albums und darüber, warum diese Band live immer noch wirkt, als hätte jemand Alternative Rock, Funk, Metal, Pop und kompletten Unsinn in einen Mixer geworfen und dann die Turbo-Taste gedrückt.

Don Broco sind eine dieser Bands, bei denen man schon beim Versuch einer Genrebeschreibung ins Schwitzen kommt. Alternative Rock? Ja. Post-Hardcore? Auch. Funk? Irgendwie ständig. Nu-Metal-Gewitter? Inzwischen mehr denn je. Pop-Refrains? Aber hallo. Dazu diese sehr britische Portion Humor und die Riesenportion Energie, die gerade live direkt überschwappt. 


Als wir Rob Damiani und Simon Delaney im Juni in Berlin treffen, ist die Band mitten auf der Nightmare-Tripping-Tour. Don Broco wirken oft herrlich unberechenbar, aber nie beliebig. Ihre Songs können albern, hart, sexy, düster, funky, poppig und ziemlich breit grinsend sein – manchmal alles innerhalb von 40 Sekunden. Nightmare Tripping, das aktuelle Album, macht daraus keinen Kompromiss, sondern ein Programm.

Willkommen im Broco-Baukasten

Wenn Rob jemandem Don Broco zum ersten Mal zeigen müsste, würde er ausgerechnet den Titelsong des aktuellen Albums Nightmare Tripping wählen. Obwohl der Track eher auf der härteren Seite des Band-Sounds steht, sei er ein guter Einstieg, weil er vieles bündelt, was die neue Platte ausmacht. Er ist lang genug, um sich zu entwickeln, und voll genug, um die ganzen kleinen Broco-Eigenheiten sichtbar zu machen: die harten Kanten, die elektronischen Schlenker, den Pop-Instinkt, die Dynamik, das Drama, den plötzlichen Wahnsinn.


Das passt. Nightmare Tripping ist ein Song, der direkt mit der Tür ins Haus fällt. Dass ausgerechnet Nickelback auf dem Track auftauchen, klingt überraschend, ergibt aber dann im Don-Broco-Kosmos komplett Sinn. Diese Band liebt die große Geste, aber sie liebt sie mit einem Augenzwinkern. Sie kann Pathos spielen, ohne darin zu versinken. Sie kann Heaviness ernst nehmen, ohne komplett humorbefreit durch die Gegend zu laufen.

Auf Nightmare Tripping schiebt die Band ihren Sound noch einmal stärker in Richtung dunkel, hart, kantig. Songs wie CellophaneDisappearTrue Believers mit Architects-Frontmann Sam Carter oder Pacify Me zeigen Don Broco als Band, die ihre eigene Formel nicht nur wiederholen will. Da sind mehr harsche Vocals, mehr Druck, mehr düstere Farben. Gleichzeitig bleiben diese Hooks, die sich nicht abschütteln lassen. Das Entscheidende ist: Bei ihnen fühlt sich diese Mischung von verschiedenen Song-Elementen und Sounds nicht nach Kalkül an. Rob und Si erzählen im Interview sehr entspannt davon, wie viele Einflüsse in ihre Musik rutschen – und dass diese oft gar nicht direkt aus der Rockwelt kommen. Es sei selten, sagt Si, dass sie einen Rocksong im Kopf haben und denken: So etwas wollen wir jetzt auch schreiben. Spannender sei es, Inspiration aus etwas zu ziehen, das weit weg von ihrer Szene liegt, und daraus eine „heavy hitting version“ zu machen. Genau deswegen klingen Don Broco eben einfach nach Don Broco: Sie kopieren nicht, sie holen sich Ideen in ihre Werkstatt und klöppeln ihren eigenen Sound zusammen.

20 Versionen später klingt’s nach Don Broco

Songwriting bei Don Broco lässt sich vor allem als explorativ beschreiben: Die Band startet mit einer Idee, findet zehn mögliche Versionen, entwickelt noch fünf weitere und kehrt dann vielleicht ganz zum Ursprung zurück. Rob sagt, innerhalb einer Session könnten sie 20 verschiedene Versionen eines Songs ausprobieren, nur um dann wieder zur ursprünglichen Fassung zurückzukehren – oder eine kleine Idee aus Version 14 in Version zwei einzubauen.


Das klingt einerseits wahnsinnig spannend und andererseits nach der Art eines Prozesses, bei dem man irgendwann sehr leise in ein Kissen schreien möchte. Rob formuliert es selbst schön: Man könne das als interessant und aufregend sehen – oder als sehr lang und mühsam. Wahrscheinlich ist es beides.

Aber genau dieser Prozess erklärt, warum Don-Broco-Songs so viele Richtungswechsel haben. Kleine Stilbrüche sind hier Teil der Statik. Ein Song darf plötzlich umschalten, darf sich aufblasen, darf die Farbe wechseln. Wichtig ist nur, dass am Ende dieses Gefühl entsteht: Ja, das ist absurd – aber es sitzt.


Si beschreibt den Moment, in dem ein Song fertig ist, ziemlich simpel: Man weiß es, wenn man es weiß. Natürlich liege man nicht immer richtig. Manchmal höre man Jahre später etwas und denke: Verdammt, da hätten wir noch eine Abzweigung nehmen sollen. Aber das gehört dazu. Eine Band, die so viel ausprobiert, muss auch damit leben, dass sich manche Entscheidungen erst durch den Blick in den Rückspiegel anders bewerten lassen.

Rob erzählt sogar, dass sie manchmal eine Version verwerfen, später wieder hören und merken: Moment, eigentlich waren wir da doch auf der richtigen Spur. Don Broco sind also nicht die Band, die einen Song einmal aus dem Automaten zieht und fertig. Sie drehen ihn, schütteln ihn, treten dagegen, bauen einen Funk-Part ein, löschen ihn wieder und so weiter. Und irgendwann klingt es eben nach Don Broco.

Die Qual der Wahl

Auf Tour wird dieser ganze Backkatalog dann zum Luxusproblem. Nightmare Tripping ist das fünfte Studioalbum der Band, und Rob sagt, für diese Tour sei es besonders schwer gewesen, die perfekte Setlist zusammenzustellen, weil sie natürlich viele neue Songs spielen wollen – aber gleichzeitig die Tracks nicht verlieren dürfen, die eine Don-Broco-Show zu einer Don-Broco-Show machen.


Wann wird ein Song zum Klassiker? Rob hat dafür eine ziemlich gute Faustregel: Wenn ein Song drei Alben überlebt, also nach der Veröffentlichung auch noch in den nächsten zwei Albumzyklen in der Setlist bleibt, dann ist er wohl ein Kernstück. Nicht viele schaffen das. Aber ein paar schon: EverybodyT-Shirt SongPretty oder Come Out To LA zum Beispiel. Gerade Songs aus der Technology-Ära haben sich festgebissen und fühlen sich für die Band immer noch gut an.

Das ist bei Don Broco entscheidend: Es gibt Songs, die live einfach einrasten, sagt Rob. Wenn die Crowd die Energie zurückgibt und die Band selbst Spaß daran hat, dann bleibt ein Song. Wenn nicht, landet er irgendwann im Regal, selbst wenn er auf Platte seine Daseinsberechtigung hat.

Besonders ehrlich wird es, als die beiden darüber sprechen, welchen Song sie neuen Hörer:innen lieber nicht zuerst zeigen würden. Da landet man schnell beim ersten Album und bei Songs, die stärker aus der Pop-Punk-Phase der Band kommen. Whole Truth fällt als Beispiel. Rob sagt, diese Songs seien gut für das, was sie sind, fühlten sich aber nicht mehr wie Don Broco an. Live hätten sie nie richtig gepasst, also fanden sie auch keinen dauerhaften Spot im Set. 


Das ist ein gesunder Blick auf die eigene Vergangenheit. Don Broco verleugnen nicht, woher sie kommen, aber sie schleppen auch nicht jeden alten Song aus Nostalgie mit.

Eine Symbiose aus Abriss und schelmischem Grinsen

Dass Don Broco als Liveband so stark sind, liegt nicht nur an Energie, sondern an Timing, Stimmung und dem ein oder anderen humoristischen Seitenhieb. Bei ihnen ist Show nicht gleich Pose, sondern eher eine Art kontrolliertes Überdrehen.


In Berlin merkt man das besonders, weil diese Band im Clubformat einfach großartig funktioniert. Don Broco brauchen keine riesige Produktion, um groß zu wirken. Natürlich können sie Festivalbühnen füllen, aber in einem Raum wie dem Hole44 kommt ihre Besonderheit noch stärker durch: Es wird getanzt, geschrien, es gibt einen Circle Pit mit Rob in der Mitte. Absoluter Abriss, absolute Ekstase.

T-Shirt Song ist dafür das offensichtlichste Beispiel, weil kaum ein Don-Broco-Moment so sehr nach kollektiver Enthemmung schreit. Aber auch die neueren Songs haben dieses Potenzial – Nightmare Tripping oder noch viel mehr True Believers

Rockmusik ohne Scheuklappen

Im Gespräch wird auch klar, warum Don Broco mit moderner Rockmusik so gut klarkommen: Sie betrachten sie nicht als starres Regelwerk. Rob sagt, das Genre sei heute unglaublich breit geworden. Viele Menschen wachsen längst nicht mehr nur mit einer Szene auf, sondern hören alles Mögliche parallel. Genauso war es bei Don Broco selbst. Rock war der Bereich, zu dem sie als Teenager besonders hingezogen wurden, aber nie der einzige Kosmos, in dem sie sich bewegt haben.


Deshalb nervt sie auch wenig an der Art, wie über moderne Rockmusik gesprochen wird. Wenn es ehrlich gemacht ist, kann und soll sich jede:r ausprobieren. What a Don Broco thing to say!


Don Broco haben einen unfassbar modernen Sound, auch weil sie keine Angst vor Stilkontakt haben. Pop, Funk, Metal, elektronische Texturen – alles darf rein in den Mixer. Hauptsache, es fühlt sich nach ihnen an. Und wenn nicht, merken sie es offenbar ziemlich schnell und passen hier und da an.

Der Albtraum tanzt weiter

Vielleicht ist genau das der Grund, warum man Don Broco so gerne zuhört, auch im Interview. Rob und Si wirken nicht wie Musiker, die ihre Kunst mit schwerem Weihrauch einnebeln müssen. Sie können ziemlich präzise über Sound, Setlists und Songwriting sprechen, ohne dabei den Spaß aus der Sache herauszuerklären. Sie wissen, dass ihre Band manchmal absurd ist. Sie wissen aber auch, dass gerade darin die Stärke liegt.


In Berlin, auf der Nightmare-Tripping-Tour, fühlen sich Don Broco an wie eine Band, die ihren eigenen Wahnsinn noch einmal neu sortiert hat. Die neuen Songs pushen nochmal mehr, treiben die Energie nochmal weiter nach oben. Dazwischen steht eine Band, die nach fünf Alben immer noch klingt, als könnte sie jeden Moment eine komplett neue Tür eintreten. Das Set ist eine einzige Riesenparty und die Band geht mit der Crowd eine durchweg stimmige Symbiose irgendwo zwischen Kneipenabend, Fußballchor und Festivalcrowd-ohne-Festival ein. Irgendwie fühlt man sich als Teil einer ganz besonders liebevollen Freundesgruppe, bei der man zu jeder Zeit sein kann, wer man ist. 

Don Broco sind keine Band, die nebenbei läuft. Man lässt sich auf die Songs ein, wird einmal kräftig durchgeschüttelt und merkt nach dem dritten Richtungswechsel: Ach so, das soll so. Und dann will man eigentlich nur noch wissen, wo der Trip als Nächstes hingeht.

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