Interview mit Kristin Hersh: „Erinnerungen sind die Knochen unseres Geistes“

Kristin Hersh
Foto: Pete Mellekas
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Mit den Throwing Muses hat Kristin Hersh ab Anfang der Neunziger den Alternative Rock geprägt. Als Solokünstlerin lässt es die Sängerin und Multiinstrumentalistin etwas ruhiger angehen. Mit ihrem neuen Album Sugar On Blackstone liefert die US-Amerikanerin nun den Soundtrack dieses Herbstes.

Kristin Hersh sitzt auf gepackten Kisten und Kartons. Nachdem sie die letzten Jahre in Providence verbracht hat, wo die 60-jährige Indie-Rock-Pionierin auch aufwuchs, zieht es sie nun wieder zurück in ihre Wahlheimat New Orleans. Zum Abschied hat Hersh der Stadt an der amerikanischen Ostküste ein eigenes Album geschrieben; ihr mittlerweile dreizehntes Solowerk, das in Zusammenarbeit mit ihren langjährigen Weggefährten Rob Ahlers (50 Foot Wave) und Pete Harvey (Throwing Muses) entstand.

Neben Bands wie den Pixies, den Breeders oder Lush zählt Kristin Hersh mit ihren Throwing Muses seit Beginn der 1990er Jahre zu den wichtigsten Vertreter:innen des typischen 4AD-Sounds irgendwo zwischen erdigem Indie-Rock, dissonantem Noise-Pop und einer ätherischen Entrücktheit. Auf ihrem neuen Album Sugar On Blackstone erzählt sie nun in einer reduzierten, minimalistischen Klangästhetik von sich schließenden Kreisen. Vom Loslassen und von Neubeginn. Und von Dingen, die vielleicht für immer unvollendet bleiben. Nachdenklich, melancholisch-versponnen und doch irgendwie hoffnungsvoll. Ein letztes Gespräch, bevor die Möbelpacker kommen.

Kristin, du scheinst ein großes Faible für Orte zu haben. Dein letztes Album war Clear Pond Road betitelt, den neuen Longplayer hast du nach einer Straße in Providence, Rhode Island benannt.

Das stimmt! Clear Pond Road war extrem von New Orleans geprägt und hatte eine sehr zurückgelehnte Lagerfeueratmosphäre. Das neue Album fühlt sich für mich viel urbaner an, obwohl es hier auch Bären, Waschbären, Füchse und sogar Berglöwen gibt. Nachdem ich die ganze Welt betourt habe, bin ich mit dieser Platte wieder dahin zurückgekehrt, wo mein kleiner Bruder und ich damals aufgewachsen sind. Ich habe gegenüber dem Park gewohnt, wo wir als Kinder getobt und wo ich meine aller ersten Songs geschrieben habe.

Deine neuen Stücke wirken wie verblichene Polaroids, die wehmütige Erinnerungen wecken.

Sie haben definitiv etwas Unscharfes, Diffuses. So wie die Heimvideos aus den 70er- und 80er-Jahren. Oder die Heimvideos in unseren Köpfen, die langsam verblassen und immer undeutlicher werden. Manche vermischen sich auch mit unseren Träumen. Erinnerungen sind die Knochen unseres Geistes. Sie sind die Stütze für unser Fühlen und Denken. Wenn mein Bruder und ich traurig oder wütend waren, haben wir oft in diesem Park Basketball gespielt. So lange, bis es schon dunkel wurde und wir den Korb gar nicht mehr erkennen konnten. Ich kann uns immer noch dort sehen. Er liegt an der Hope Street, der Straße der Hoffnung. Ich finde, das ist eine schöne Metapher.

Ihr hattet keine leichte Kindheit. Warum bist du trotzdem nach Providence zurückgekehrt?

Es war eine Art Experiment. Meine Familie stammt eigentlich aus dem Süden. Als wir nach New England zogen, wurden wir von den Leuten als Landeier belächelt; inklusive aller Vorurteile, die man über Südstaatler so hat: ungebildet, plump, rassistisch... Wir waren nie Teil der Gemeinschaft und ich habe mich dort auch niemals wirklich zuhause gefühlt. Mein Bruder und ich hatten es nicht einfach, aber wir hatten einander und sind bis heute eng verbunden. Irgendwann lernte ich dann unseren Drummer kennen und wir gründeten eine Band. Das half mir, mich damit abzufinden, eine Außenseiterin zu sein. Später hat es mich in raus in die Welt gezogen, um Songideen zu sammeln.

Wie hat es sich angefühlt, wieder da zu sein?

Bittersüß. So wie diese Lieder. Es gibt viele Kreise, die sich mit diesem Album schließen. Und auch viele Abschiede. Meine Therapeutin würde sagen, dass es eine gute Sache ist, darüber zu sprechen. Aber tatsächlich ist es eine ganz schön harte Angelegenheit. Zwei Songs handeln von meinem guten Freund Dom, der vor einem Jahr erschossen wurde und von dem ich mich nie richtig verabschieden konnte.

Kristin Hersh
Foto: Pete Mellekas

Der Tod spielt eine große Rolle auf Sugar On Blackstone. Der Blackstone Path führt in Richtung eines historischen Friedhofs...

Ein wunderschöner, friedlicher Ort. Man blickt direkt auf den Fluss und kann die Eichhörnchen beobachten. Manchmal trifft man auf verlorene, oder besser gesagt, suchende Seelen. Ein Spaziergang auf dem Blackstone ist wie Meditieren. Und er führt irgendwann wieder zurück zur Hope Street, auf der viele meiner Bekannten leben. Das ist ein Teil der Bedeutung des Albumtitels. Mit Sugar ist natürlich die Musik gemeint. Sie macht alles erträglicher. Nimmt dich in den Arm, tröstet dich und gibt dir Hoffnung in hoffnungslosen Momenten.

Was macht dir in Zeiten von MAGA, Krieg und Klimakrise Hoffnung?

Ich bin noch nie einem Rassisten, Sexisten oder gar Republikaner begegnet. Und ich habe noch nie jemanden getroffen, der dieses Regime unterstützt. Ich lebe zwar in Amerika, aber dieses Land besteht aus fünfzig einzelnen Bundesstaaten. Ein Großteil der Menschen ist sich darüber einig, dass die derzeitige Regierung nicht für die Mehrheit von uns spricht. Was mit einem Wirtschaftskrieg angefangen hat, hat sich mittlerweile zu einem militarisierten Krieg gegen die amerikanische Bevölkerung ausgeweitet. Der Feind ist da und er ist sehr machtvoll. Aber die Macht des Volkes wird ihn schlagen.

Seit einem Autounfall als Teenager kannst du deine Songs schon fertig im Kopf hören und bist durch deine Synästhesie außerdem in der Lage, Töne als Farbe wahrzunehmen. 

Mittlerweile bin ich in Behandlung. Ich habe zwar aufgehört, Songs zu hören, dafür konnte ich mich plötzlich an viele Dinge erinnern, die ich längst vergessen hatte. Jetzt spiele ich einfach, was mir so einfällt. Früher hat es meine Studiotechniker und Producer irgendwie beunruhigt, dass ich alles haargenau im Kopf hatte. Heute sage ich ihnen: Keine Sorge, ich bin wieder „normal“ (lacht). Aber ich kann Töne immer noch sehen. Akkordfolgen habe ich mir immer nur in Form von Farben merken können. Bei unseren Konzerten schaue ich auf die Setlist und sehe, dass Song XY orange beginnt und dann zu Aquamarin wechselt, bevor ein Hauch von Rot dazukommt. Wenn ich live spiele, starre ich die ganze Zeit auf das Griffbrett meiner Gitarre, um zu sehen, welche Farbe ich als nächstes spielen muss.

Welche Farbe hat dein neues Album?

Die Farbe eines Sonnenuntergangs in all seinen verschiedenen Abstufungen. Es gibt den Song Dom In Orange, der von meinem guten Freund Dom handelt, der erschossen wurde. Zwei Tage nach seinem Tod hatte ich das Gefühl, ihn auf der anderen Straßenseite zu sehen. Es wirkte, als würde er sich verstecken, weil er so abrupt aus dem Leben gerissen wurde und sich nicht mehr verabschieden konnte. Als würde er sich dafür schämen, seinen Hinterbliebenen so viel Kummer zu bereiten. Ich sagte zu ihm, dass alles gut ist und er keine Schuld hätte. Am nächsten Tag sah ich ihn zum zweiten Mal; diesmal getaucht in ein sattes Rot-Orange. Als ich seiner Witwe davon berichtete, brach sie in Tränen aus und erzählte, dass Orange seine Seelenfarbe war. Vielleicht hat er nun seinen Frieden gefunden.

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