Reeperbahn Festival 2026: Die besten Geheimtipps aus dem Line-up

Jan Delay beim Reeperbahn Festival 2026
Foto: Christian Hedel

Das Reeperbahn Festival 2026 fand vom 16. bis 19. September in Hamburg statt und präsentierte wieder über 400 frische Live-Acts. Hier sind sieben Künstler:innen, die uns besonders überzeugt haben.

Für Musiknerds, Konzertveranstalter:innen, Labels und Musiker:innen ist das Reeperbahn Festival in Hamburg jedes Jahr ein Fixstern. In Deutschland ist es das wichtigste Treffen der Musikindustrie und zugleich ein Showcase von unfassbar vielen aufstrebenden Live-Acts, die in der nächsten Zeit in die größere Aufmerksamkeit explodieren könnten. Es ist ein Festival zum Musik-Entdecken und mit dieser Neugierde geben die Besucher:innen den Konzerten eine Aufmerksamkeit und ein aktives Zuhören, wie man es sonst selten beobachtet.

Unter dem Motto „Forever Legit?“ fand man 2026 obendrein etliche Vorträge, Diskussionen, Preisverleihungen und interaktive Formate, die die Zukunft der Musikindustrie behandelten. Wie sollte man diese Kunst- und Unterhaltungsbranche in Zeiten von künstlicher Intelligenz, gekürzten Fördergeldern und dem Hinterfragen von Machtstrukturen weiter gestalten? Auch Formate wie der sehr gute Live-Podcast Zwischen Zwei und Vier von Melanie Gollin und The-Circle-Autorin Rosalie Ernst erklärten dies unterhaltsam.

Hoffnung für die Zukunft gab das erschlagende Angebot an Live-Musik. Mit über 400 Acts auf circa 70 Bühnen rund um die Reeperbahn, in kleinen Clubs, Außenbühnen, Theatern und selbst Sparkassenfilialen war die Stadt voller Musik – wie kann man sich da entscheiden? Am besten dem Instinkt oder Empfehlungen folgen, war die Devise. Neben Stars wie Anna von Hausswolff oder Jan Delay waren vor allem die unbekannteren Künstler:innen interessant. Die sieben folgenden Acts stachen besonders heraus.

Agatha Is Dead!

Die Berliner Band Agatha Is Dead! feiert einen älteren Rock-Style auf zeitgenössische Weise, indem sie Blues und Post-Punk mit viel Alternative-Flavour kombiniert. Der bluesige Hintergrund blitzt dabei nur noch in Momenten klar hervor, verleiht dem Ganzen aber durchgehend eine subtile Coolness, die Lilly Bartholomew-Günther in ihrem Gesang einfängt. Ein wenig tanzbar, ein wenig unheilvoll, ziemlich viel Abriss – so wirkt das Konzert, das den Mittwochabend abschließt. In die kalte Ausstrahlung des Bahnhof Pauli passt das vom Ambiente super, wenn Moshpits und Erinnerungen an eine alte U-Bahn-Station aufeinandertreffen.

Almost Monday

Am ersten Mittag treten sie noch als einer der ersten Acts am N-Joy Reeperbus auf und versprühen da mit einem Akustik-Set schon sommerliche Indiepop-Vibes. Später am Abend sieht man Almost Monday dann bei ihrem vollen Set im Betty mit einem noch wesentlich discotauglicheren Sound. Für das Ende des Abends eignet sich der Stil besonders gut, da er das ganze Publikum zum Tanzen bringt, mit seinen verspielten Synthesizern, Basslines und Kopfstimmen-Gesängen. Es folgen lauter Ohrwürmer, zu denen man sich nicht nicht bewegen kann. Dieses Jahr haben Almost Monday schon mit Bands wie Young The Giant oder Cold War Kids getourt; bei dem doch eher generischen Bandnamen könnten einige sie dennoch im Dschungel an Pop-Acts bisher leicht übersehen haben.

Vom Reeperbahn Festival 2026 in dein Plattenregal:

Boy With Apple

An Shoegaze und Dream Pop mangelt es beim diesjährigen Reeperbahn Festival nicht, doch die mitunter schönsten Atmosphären schaffen Boy With Apple – dieser Bandname kommt übrigens von einem Gemälde aus dem Film Grand Budapest Hotel. Mit zwei Gitarren, zwei Sängern, einem Bass und reichlich Synthesizern bauen die Schweden dichte Klangwände, die herumschweben und auch mal intensiv anschwellen. Im Gespräch nach der Show kommen diese Antworten auf die Frage, wie die vier Mitglieder ihre Musik mit einem Wort beschreiben würden: „verträumt“, „echt“, „Gefühle“ und „zusammenhängend“.

Efeu

Beim Betreten des bis zum Rand gefüllten Baalsaals treffen einen erstmal Temperaturen, die vermuten lassen würden, man schaue sich den späteren Live-Act namens Die Sauna an. Aufgrund dessen werden wahrscheinlich die Lichter so weit gedimmt, dass man in den hinteren Reihen kaum etwas sieht. Was trotz alldem eindeutig ist, ist die Abrissstimmung, die Efeu schon zur Mittagszeit kreieren. Tanzbare Indie-Songs mit Wiener Schmäh bekommen live eine noch schranzigere Punk-Energie, die sich unmittelbar auf das Publikum überträgt. „Viel zu viel Teer, viel zu viel Gras / Ich hoffe, wir verlieren das / Aber uns nicht“ – noch etliche Performances später spukt das im Kopf umher.

Lowertown

Wer Indie-Rock-Bands mit ausgefranstem, leicht rustikalem Sound wie Feeble Little Horse oder Westside Cowboy liebt, wird Lowertown aus der Hand fressen. Sie nehmen sich genauso gerne Zeit für Punksongs wie für Folkrock mit Mundharmonika, für verschachtelte Riffs wie für langsame Gitarrenintros. So saugut das US-Quartett zusammenspielt, so unterschiedlich erscheinen sie auf der Bühne. Bassist und Drummer sind konzentriert mit geschlossenen Augen dabei, die Sängerin disst das Publikum mit ironischer Motzigkeit. Und währenddessen sieht der Gitarrist (und zweiter Sänger) wie eine Mischung aus Jeff Buckley und Timothee Chalamet aus, der sich mit den unberechenbaren Bewegungen eines Jonny Greenwood fast schon übertrieben seiner Performance hingibt. Ein gleichermaßen stimmig wie spontan wirkendes Highlight des ersten Abends.

Miaw

Eine der spannendsten Stilmischungen des diesjährigen Festivals liefert diese Gruppe aus Kopenhagen. Was Miaw selbst als „schnelle Dreamwave“-Musik bezeichnen, begeistert sowohl die Drum’n‘Bass- als auch die Indie-Crowd. Breakbeats, dröhnender Bass und glitchende Samples stehen wie selbstverständlich neben Shoegaze-Gitarren und verträumtem Gesang. In der kleinen Molotow Top Ten Bar fesselt und pulsiert das, selbst wenn ein Bandmitglied so ekstatisch mit seinem Shaker tanzt, dass er das Kabel des Laptops herausreißt. Die Band spielt konsequent weiter und schließt das Set mit überglücklichen Gesichtern ab.

Tommy Barlow

Kaum etwas schreit „Geheimtipp“ so sehr wie ein Act, der erst drei Songs veröffentlicht hat, dann aber die wohl umwerfendste Performance des Jahres abliefert. Tommy Barlow hatte man höchstens auf dem Schirm, wenn man verfolgte, wer dieses Jahr so auf dem renommierten Label Young unter Vertrag genommen wurde. Nach diesem Reeperbahn Festival sollte er aber – in einer gerechten Welt – sofort an die Spitze der angesagtesten Art-Pop-Künstler:innen flitzen. Sobald man sich auf einen Sessel im spärlich beleuchteten Imperial Theater setzt, wird man Zeuge eines einschüchternden wie gänsehauterzeugenden Schauspiels. Größtenteils nur mit Geige, Gitarre und einer unerhört tiefen und brechenden Stimme erzeugt Barlow eine immense Anspannung im Raum. In wenigen Momenten darf das Ganze dann mal laut ausbrechen und direkt in die Knochen fahren. Zum Schluss entlässt der Brite das Publikum mit ohrenbetäubenden Rückkopplungen, bis der Applaus ertönt. Es bleibt Lärm, Schockstarre und Bewunderung.

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