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Foto: JUNG YEON-JE/AFP via Getty Images

1Verse: Die erste K-Pop-Band mit Idols aus Nordkorea

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Sie haben erst zwei Singles veröffentlicht – doch trotzdem sind 1Verse (deren Bandname sich übrigens wie das englische Wort „Universe“ spricht) gerade in aller Munde: Das liegt vor allem an den beiden Idols Yu Hyuk und Kim Seok, die in Nordkorea geboren wurden und später flüchten konnten.

Shattered, die Debütsingle von 1Verse, ist zwar noch ein paar Millionen Streams von den großen K-Pop-Hits entfernt, zeigt aber schon das Potential dieser außergewöhnlichen Band, die Mitte Juli offiziell debütierte. Sehr raplastig ist der Sound, verbunden mit den dramatischen und/oder charmierenden Hooklines, die K-Pop für viele so unwiderstehlich machen.

Das Besondere an dieser Band ist, wie bereits erwähnt, die Tatsache, dass hier zwei im diktatorisch geführten und von der Außenwelt abgeschotteten Nordkorea geborene Idols am Start sind. Tatsächlich sind Yu Hyuk und Kim Seok sogar die einzigen koreanischen Member, denn Nathan Kousol ist Amerikaner mit Wurzeln in Laos und Thailand, Eric Hao (Stagename Kenny) ist Amerikaner mit chinesischen Wurzeln und Murata Aito ist Japaner. Zusammengebracht wurde die Band von der Produktionsfirma Single Beetle, die von Michelle Cho geführt wird. Sie war zuvor bei SM Entertainment – einem der vier großen Keyplayer im K-Pop.

Der Nordkorea-Konflikt ist die tiefste Wunde des Landes

Vor allem in Amerika ist das Interesse an 1Verse groß, aber auch in Südkorea wird man so langsam auf die Fünf aufmerksam. Kein Wunder: Die immer noch gefährlich angespannte Beziehung zum Regime von Kim Jong-un ist die große Wunde des Landes. Davon ist natürlich auch der K-Pop betroffen: Bandkarrieren müssen immer wieder für Jahre auf Eis gelegt werden, weil auch die Idols nicht vom zweijährigen Militärdienst ausgenommen sind – der natürlich in erster Linie wegen dem Nordkorea-Konflikt beibehalten wird.

K-Pop selbst wird dabei immer wieder von beiden Seiten instrumentalisiert. In Nordkorea ist es streng verboten, K-Pop zu hören – weil diese Musik einen schädlichen Einfluss auf die Ideologie des Landes habe. Die Strafen reichen dabei bis hin zu Gefängnis und Arbeitslager. Die Verbreitung südkoreanischer Kultur – egal, ob es sich dabei um Literatur, K-Drama-Serien, Filme oder eben Popmusik handelt – gilt als Bedrohung des Regimes. Trotzdem hört man immer wieder Berichte, dass junge Menschen über USB-Sticks eingeschmuggelte K-Pop-Songs hören. Im Gegenzug spielte Südkorea jahrelang im Grenzbereich ohrenbetäubend lauten K-Pop ab – eine Praxis, die laut der südkoreanischen Regierung erst Anfang August beendet wurde. Was Kim Jong-uns im System ebenfalls sehr mächtige Schwester Kim Yo-jong offen dementiert.

Yu Hyuk: Vom Geflüchteten zum Idol

Der heute 25-jährige Yu Hyuk konnte 2013 im Alter von zwölf Jahren in den Süden flüchten. Er stammt aus der armen Provinz Hamgyong und hatte von der K-Pop-Welle vorher nichts mitbekommen. Wie er der BBC erklärte, musste er in seiner Kindheit acht bis zehn Stunden am Tag entweder Feuerholz sammeln, um Reis kochen zu können, mühsam gesammelte Pilze verkaufen, oder für ein wenig Essen Botengänge für nordkoreanische Soldaten erledigen. Seine Familie sei eigentlich nicht sonderlich arm gewesen, bis seine Eltern sich getrennt hätten. Hyuk wurde von seinem Vater und seiner Oma großgezogen, bis seine Mutter in den Süden flüchtete, den Kontakt zu ihm suchte und ihn überzeugte nachzukommen. Hyuk flüchtete monatelang über mehrere Länder, bis er schließlich südkoreanisches Land betreten konnte. Die genaue Route behält er für sich, um andere Flüchtende nicht zu gefährden.

Hyuk lebte nur ein Jahr bei seiner Mutter, ging dann auf ein Internat und kämpfte mit dem extrem leistungsorientierten Schulsystem in Südkorea. Trost fand er im Rap und im Songwriting. Als er 2018 in einem lokalen TV-Programm portraitiert wurde, nahm die Managerin Michelle Cho Kontakt auf. Hyuk sagte der BBC sehr offen: „Ich habe ihr ein ganzes Jahr lang nicht über den Weg getraut, weil ich dachte, dass sie mich über den Tisch zieht.“ Das lag weniger an Cho als an der Tatsache, dass geflüchtete Nordkoreaner:innen oft Opfer von Scams wurden.

Kim Seok: USB-Sticks mit geschmuggeltem K-Pop

Kim Seoks Background ist ein anderer: Seine Familie gehörte in Nordkorea zu den besser gestellten. Der heute 24-jährige lebte recht nah an der chinesischen Grenze, wo es durchaus Wege gab, auf USB-Sticks und SD-Cards ins Land geschmuggelte K-Dramen zu sehen und K-Pop zu hören. 2019 flüchtete er. Wie und mit wem, verrät auch er nicht, weil er Angst um den Teil seiner Familie hat, der in Nordkorea geblieben ist.

Hyuk und Seok waren laut Michelle Cho von Anfang an große Talente, die allerdings anfang „überhaupt keinen Sinn für Popkultur“ hatten. Das machten sie allerdings mit Ehrgeiz und Durchhaltevermögen wett. Sie trainierten härter als viele andere Idols und beklagten sich nie. Manchmal hätten Cho und die Bandkollegen sie sogar in ihrem Ehrgeiz bremsen müssen. Außerdem hätten sie erst lernen müssen, ihre Meinung zu sagen und offen auf Menschen zuzugehen. „Ich glaube, sie waren es nicht gewohnt, Dinge zu hinterfragen oder ihre Meinung zu äußern“, sagte Cho der BBC. „Als ein Trainer sie zunächst nach den Gründen für ihre Überlegungen fragte, war die einzige Antwort: ‚Weil Sie das letztes Mal so gesagt haben.‘“

Noch mag diese spannende Backgroundgeschichte die Musik ein wenig überstrahlen, aber die ersten beiden Singles und Performances zeigen durchaus, dass man bei 1Verse bald auch mehr über die Musik und die anderen – nicht minder talentierten – Idols sprechen könnte.

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