Schallplatten nass abspielen: Warum Sammler:innen besser die Finger davon lassen

Vinyl nass
Foto: Getty Images

Flüssigkeit auf die Platte, Nadel in die nasse Rille – und das Knistern verschwindet. Oder? Was in den Siebzigerjahren zum Vinyl-Alltag gehörte, gilt heute als Risiko für Schallplatte und Tonabnehmer. Tatsächlich kann die Methode das Rauschen senken. Nur sauberer wird die Platte dadurch nicht.

Das bekannteste System zum Schallplatten nass abspielen hieß Lenco Clean. Ein zusätzlicher Arm lief dem Tonarm voraus und verteilte mit einer kleinen Bürste fortlaufend Flüssigkeit in der Rille. Wie etabliert das Verfahren zeitweise war, zeigt die  Anleitung des Thorens TD 160: Sie nennt unterschiedliche Antiskating-Einstellungen für nasse und trockene Rillen.

Leiser heißt nicht sauberer

Zwei Verfahren werden bis heute gern verwechselt: Beim Nassreinigen wäscht man die Platte, spült sie und lässt sie vollständig trocknen. Erst danach landet sie wieder auf dem Plattenteller. Beim Nassabspielen zieht die Nadel dagegen durch eine noch feuchte Rille.

Der Unterschied ist sofort hörbar: Flüssigkeit kann Knistern und andere Störgeräusche dämpfen. Sie bindet lose Partikel, unterdrückt vorübergehend elektrostatische Aufladung und verändert die Reibung zwischen Diamant und Rille. Gerade bei stark verschmutzten Platten klingt das Ergebnis zunächst überzeugend.

Doch die Nadel wäscht keinen Schmutz heraus. Sie schiebt vielmehr gelöste Partikel vor sich her und verteilt sie in der Flüssigkeit. Sobald diese verdunstet, bleibt der Schmutz zurück – unter Umständen gleichmäßiger und hartnäckiger über die Rille verteilt als zuvor. Deshalb rauschen manche nass abgespielten Platten später trocken stärker als vor der Behandlung.

Eine historische  Stellungnahme von EMT beschreibt den Effekt bereits ausführlich. Techniker:innen nutzten die nasse Wiedergabe demnach für bestimmte Messungen, im professionellen Studiobetrieb spielte sie dagegen kaum eine Rolle. Auch das stärkere Rauschen beim anschließenden trockenen Abspielen war bekannt.

Unterm Mikroskop betrachtet

1977 untersuchte der Audioingenieur George Alexandrovich Schallplattenrillen mit einem Rasterelektronenmikroskop und präsentierte seine Aufnahmen bei der Audio Engineering Society. In einem  Fachartikel von 1979 beschrieb er ungewöhnliche Verschleißspuren an nass abgespielten Rillen.

Alexandrovich lieferte damit zunächst eine Beobachtung. Das Argument gegen die Methode entstand allerdings auch gleich aus seiner Erklärung für selbige: Bei trockener Wiedergabe bilde sich an der Kontaktfläche möglicherweise für einen Moment eine extrem dünne erwärmte Schicht. Flüssigkeit könne diesen Vorgang verhindern und dadurch den Abrieb verstärken. Mehr als eine Theorie wollte Alexandrovich darin selbst nicht sehen. Die Aufnahmen sind ein Warnsignal, beweisen aber nicht, dass jeder nasse Durchgang automatisch eine Platte beschädigt.

Viel eindeutiger ist die Forschung seitdem ehrlich gesagt nicht geworden. Eine  Fachdokumentation des Council on Library and Information Resources stellt gegensätzliche Erfahrungen nebeneinander. Kritiker:innen warnen vor einem veränderten Dämpfungsverhalten des Nadelträgers und vor Schmutz, der in Platte und Tonabnehmer gelangt. Andere Fachleute berichten von erfolgreichen einmaligen Überspielungen problematischer Lack- und Schellackplatten. Eine belastbare Antwort, die für alle Materialien und Abtastsysteme gilt, gibt es nicht.

Aus Flüssigkeit und Staub wird Schlamm

Das größte praktische Risiko steckt häufig in der verwendeten Mischung. Leitungswasser hinterlässt beim Verdunsten Mineralien. Reinigungsmittel mit unbekannter Zusammensetzung können Duftstoffe, Farbstoffe oder andere Zusätze enthalten, die einen Film auf der Platte bilden. Daran haftet neuer Staub, der beim nächsten Abspielen an der Nadel landet.

Auch die häufig empfohlene Mischung aus jeweils 50 Prozent destilliertem Wasser und Isopropanol eignet sich nicht als allgemeines Rezept. Alkohol kann abhängig vom Material Schäden verursachen. Auf Schellack-, Lack- oder Acetatplatten hat er deshalb nichts verloren. Gleichzeitig kann Flüssigkeit am Nadelträger entlang bis in den Tonabnehmer gelangen.

Shure riet beim V15 Type IV ausdrücklich vom Nassabspielen ab. In der  technischen Dokumentation warnt der Hersteller davor, dass Flüssigkeit und Staub die Bürste des Systems mit einer schlammartigen Masse zusetzen können. Die Warnung gilt für dieses konkrete Modell. Sie zeigt aber, warum man nicht jeden Tonabnehmer bedenkenlos durch eine nasse Rille schicken sollte.

Die Profis trocknen erst, dann hören sie hin

Professionelle Archive reinigen ihre Schallplatten ebenfalls mit Flüssigkeit. Sie lassen die Nadel nur nicht gleichzeitig darüberlaufen. Die Library of Congress verwendet eine milde Lösung aus Tergitol und deionisiertem Wasser. Ihre Fachleute spülen die Platte danach mit reinem Wasser, saugen die Flüssigkeit ab und lassen den Tonträger trocknen. Erst anschließend beginnt die Wiedergabe. Auch das Northeast Document Conservation Center trennt Reinigung und Abspielen konsequent. Bei geeigneten Lackfolien setzt es deionisiertes Wasser mit 0,5 Prozent Tergitol ein, spült gründlich nach und tupft die Oberfläche vorsichtig trocken. Zuvor kontrollieren Fachleute das Material auf Risse und sich lösende Schichten, weil Lack Wasser aufnehmen kann. Also nichts da mit mal eben nass machen!

Die International Association of Sound and Audiovisual Archives empfiehlt zusätzlich, ausschließlich Mittel mit bekannter Zusammensetzung zu verwenden und das Etikett trocken zu halten. Für die eigene Sammlung ergibt sich daraus eine wenig spektakuläre, aber sichere Reihenfolge: waschen, spülen, trocknen, abspielen. Ob Vakuummaschine, manuelles Waschsystem oder Ultraschallgerät, das Ziel bleibt gleich: Der Schmutz muss von der Platte verschwinden, bevor die Nadel kommt.

Nur bei einer seltenen, stark beschädigten Platte kann ein einzelner nasser Durchgang noch sinnvoll sein – etwa für eine Digitalisierung, wenn selbst gründliches Reinigen nicht reicht und der Tonabnehmer die Flüssigkeit verträgt. Für gut erhaltenes Vinyl ist Nassabspielen dagegen keine Pflegemethode, sondern ein vermeidbares Experiment.

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