
Golden Years haben Tocotronic ihr wunderschönes neues Album getauft. Es ist wieder als Ur-Trio entstanden, schaut eher nach vorn als zurück, ist ein Bekenntnis zum Moment. Schöner über das Leben hat Dirk von Lowtzow noch nie gesungen.
Die letzten Jahre haben Tocotronic oft zurückgeschaut. Nie verklärt-nostalgisch natürlich, aber durchaus melancholisch. Nach den Bestandsaufnahmen folgt jetzt der Aufbruch in die Zukunft. Bei einer Gegenwart wie dieser tut es gut, sein Heil in dem zu suchen, was da jetzt noch kommt. Sind es die titelgebenden Golden Years? Die Band weiß es auch nicht so genau. Aber sie hofft es inständig.
Was macht es mit einer Band, wenn sie Ende 2021 einen Song mit dem Titel Nie wieder Krieg veröffentlicht und auf einmal ist Krieg in Europa?
Dirk von Lowtzow: Das war verstörend. Ich kann mich noch genau an die Situation damals erinnern: Zwei Tage vor dem Einmarsch Russlands in der Ukraine hatte ich noch ein Interview mit der Süddeutschen Zeitung – mit zwei Journalisten aus dem Politikressort, die zu diesem Zeitpunkt schon mehr wussten als ich. Wir haben in einem Café im Prenzlauer Berg über das Album gesprochen, als sie mir genau diese Frage nach dem Titel gestellt haben. Natürlich wusste man von den Truppenbewegungen an der ukrainischen Grenze der Ukraine, aber vielleicht haben wir das alle verdrängt oder waren wegen Corona im Kopf noch woanders. Dieser Moment gehört zu den verstörendsten Augenblicken in meiner Musikerbiografie.
„Als Band sind wir von einer gewissen Angst vor Vereinnahmung geprägt.“
Jan Müller: Ich hatte zwei Wochen vor dem Kriegsausbruch meine Haltung dazu ein bisschen geschärft, weil ich jemanden kennenlernte, mit dem ich mittlerweile gut befreundet bin. Yuriy Gurhzy, ein hier in Berlin lebender Ukrainer, der uns andere Gäste in einem Podcast erst einmal darauf hinwies, dass ja schon seit 2014 Krieg herrscht in der Ukraine. Da frage man sich schon, wie blauäugig wir eigentlich sind. Als es dann zu dem Überfall kam, fand ich es ebenso verstörend wie Dirk, das möchte ich gern unterschreiben. Als Band sind wir von einer gewissen Angst vor Vereinnahmung geprägt. Mir war klar, dass diese Parole schwierig ist, weil sie leicht von den falschen Kräften vereinnahmt werden könnte, von wegen wir hätten eine russlandfreundliche Haltung.
Verdrängen ist ein Stichwort. Wir kamen alle aus Corona, wollten Normalität. Sicherlich auch ihr als Band. Golden Years ist im Grunde euer erstes postpandemisches Album. Was hat diese Zeit mit Tocotronic gemacht, was habt ihr mitgenommen?
Dirk von Lowtzow: Sehr schmerzhaft war, dass wir unser letztes Album um ein ganzes Jahr verschieben mussten. Man kann es aber positiv umdeuten, weil eine ganze Menge Dinge, die das letzte Album zu dem gemacht haben, was es ist, erst durch diese gewonnene Zeit ermöglicht wurden. Wir haben ungewöhnlich lang an den Stücken gefeilt. Das hat diesem Album auf lange Sicht ganz gut getan. Auf Golden Years hat das aber keine Auswirkungen gehabt. Es fühlt sich unbelastet an, unbelastet und frisch. Ich habe zumindest nicht das Gefühl, dass wir Altlasten mit uns herumschleppen. Für mich ist es ein Neuanfang, ein Reset.
Ist ein neues Tocotromic-Album denn stets eine Gegenbewegung zum vorigen?
Dirk von Lowtzow: Das ist ein guter Gedanke. Als Songwriter versuche ich, das letzte Album einer kritischen Revision zu unterziehen und zu schauen, was im Nachgang vielleicht noch nicht so gut funktioniert hat, um es beim nächsten Album besser zu machen. Das ist durchaus ein Antrieb für mich.
Golden Years könnte natürlich auch der Titel einer nostalgischen Sitcom aus den Achtzigern sein...
Jan Müller: Du meinst wie die „Golden Girls“?
Genau, nur eben die Golden Boys. Ist es denn eher ein nostalgischer Rückblick auf goldene Zeiten oder ein hoffnungsvoller Ausblick auf die goldenen Zeiten, die noch bevorstehen?
Jan Müller: Wahrscheinlich bedingt sich das eh gegenseitig, aber für uns ist es eigentlich schon ein Blick nach vorn. Seit 2015 haben wir uns viel mit dem Rückblick befasst, haben ja auch die Tocotronic-Chronik veröffentlicht, dazu eine Best-Of und begleitend die Tourneen Hamburg Years und Berlin Years. Uns kam es dann aber irgendwann, dass dieses ganze Zurückblicken auch etwas Obsessives bekommen kann, weshalb wir jetzt eigentlich sehr gern nach vorne blicken.
Arne Zank: Golden Years ist ein Bejahen der Gegenwart. Der Zauber des Jetzt. Klar geht das nicht ganz ohne Nostalgie, aber zugleich ist da dieser Ausblick auf alles, was noch kommt. Und wenn es nur ein schöner Vorruhestand ist. Das Lied Golden Years beschreibt zudem blitzartige Momente von Glück in der Existenz, die uns ganz in der Gegenwart sein lassen.
Dirk von Lowtzow: Zugleich hat der Albumtitel natürlich etwas zutiefst Sarkastisches, weil wir derzeit eben alles andere als goldene Jahre erleben. Das macht auch schon die Typo des Albums deutlich, die ja eher an Crust-Punk oder Black Metal erinnert.
„Wir müssen Dinge auch mal zulassen und aushalten.“
Dennoch entströmt der Platte Optimismus. Fühlt ihr den auch selbst?
Jan Müller: Zunächst mal ist es immer gut, gegen den Zeitgeist zu schwimmen. Ich finde es schwierig, sich mit der Weltlage auseinanderzusetzen, aber da kann Musik natürlich auch ein Rückzugsort sein.
Dirk von Lowtzow: Musik hat ein gewaltiges Trostpotential. Man muss nur darauf achten, dass sie nicht sedierend oder pazifizierend wirkt oder dass sie einfach negative Gefühle zukleistert. Wir müssen Dinge auch mal zulassen und aushalten. Aber dass Musikmachen und Musikhören etwas Tröstendes haben, steht außer Frage. Und vielleicht haben wir es diesmal deswegen auch mehr zugelassen, uns von dem trösten zu lassen, was wir da so machen.
Hat dieses Festhalten der Gegenwart für euch auch etwas mit Achtsamkeit zu tun, die man mit Mitte 20 so vielleicht noch nicht hatte?
Dirk von Lowtzow: Ich glaube nicht, dass es was mit Achtsamkeit zu tun hat. Eher mit Porosität und Sensibilität oder dass man gefühlsdurchlässiger wird. Genau diese Momente, unwillkürliche Erinnerungen oder Utopien, die in uns aufblitzen, finden sich bei uns in sehr vielen frühen Stücken, etwa in Drüben auf dem Hügel. Dieses Geistesblitze oder Epiphanien des Glücks haben uns immer schon interessiert.
Kann ein Album beim Schreiben oder auch beim Live-Spielen dabei helfen, die Angst vor dem Tod ein bisschen in den Griff zu bekommen?
Dirk von Lowtzow: Das ist natürlich eine sehr große Aufgabe für Musik. Aber es gibt sicherlich Kunstwerke, die das können. Und warum sollte es ein Album von uns nicht auch können? Vielleicht. Die Antwort ist also vielleicht.
„Aus dieser Zerrissenheit heraus operieren wir.“
Dennoch ist das Album keine Introspektion oder Nabelschau, es schimmert auch Haltung durch. Ist das eine Gratwanderung zwischen starken Slogans und politischer Vereinnahmung?
Dirk von Lowtzow: Das ist eine gute Frage. Ich würde sagen, das kann man als Eiertanz beschreiben. Bei uns war es immer schon so, dass wir gehört und gemocht und geliebt werden wollten, wir uns aber immer schon mit allem, was wir hatten, gegen Vereinnahmung gewehrt haben. Aus dieser Zerrissenheit heraus operieren wir.
Nach über 30 Jahren in dieser Band seid ihr jetzt wieder in der klassischen Ur-Trio-Besetzung unterwegs, Gitarrist Rick McPhail ist nach 20 Jahren ausgestiegen. Was macht das mit einem, wenn man mehr als das halbe Leben mit diesen Menschen in einer Band spielt?
Dirk von Lowtzow: Wir sind sehr gern zusammen, aber es ist ebenso wichtig, die Band vom Privatleben zu trennen. Wir hatten das Glück, schon in unseren Anfangsjahren viel Aufmerksamkeit zu bekommen und konnten dadurch schon früh merken, dass es gesund ist, ein Leben außerhalb der Band oder sogar außerhalb der Musik zu haben.
Wie fühlt es sich an, jetzt wieder zu dritt zu spielen?
Dirk von Lowtzow: Einerseits ist es natürlich sehr traurig, weil wir 20 Jahre mit Rick zusammengespielt haben und er auch auf diesem Album wieder für diesen Rick-Gitarrenzauber gesorgt hat. Gleichzeitig fühlt es sich aber auch vertraut an, weil wir natürlich schon die zehn Jahre vor Rick als Trio unterwegs waren und in dieser Besetzung durchaus eine spezielle Dynamik haben.