Seit mittlerweile sechs Jahrzehnten gelten die Scorpions als erfolgreichster deutscher Rockexport aller Zeiten. Auf der remasterten Neuauflage ihres 1972er Debütalbums Lonesome Crow blicken die niedersächsischen Hardrock-Pioniere nun auf ihre frühen Anfänge zurück.
Aus einem kleinen Vorort von Hannover in die große weite Welt: Mit Kultalben wie Lovedrive (1979), Blackout (1982) oder Love At First Sting (1984) haben die Scorpions den Hardrock und Metal geprägt wie kaum eine zweite Band. Nach über 120 Millionen verkaufter Tonträgern, Sold-Out-Tourneen rund um den Globus und mit ganzen Generationen begeisterter Fans im Rücken wirft die 1965 gegründete Formation einen Blick zurück auf ihre Ursprünge.
Sänger Klaus Meine und Gitarrist Rudolf Schenker im Gespräch über ihre ersten musikalischen Gehversuche, den Umgang mit Rückschlägen und ihren unerschütterlichen Glauben an den ultimativen Megarockstardom.
Welchen Stellenwert hat Lonesome Crow heute im Schaffen der Scorpions?
Rudolf Schenker: Dieses Album stellt unsere Wurzel dar. Die Basis, auf der alles andere aufgebaut hat. Man kann erkennen, dass wir schon damals in der Lage waren, einen internationalen Standard zu erreichen. Selbst, wenn uns diverse Rückschläge immer wieder vor neue Herausforderungen gestellt haben. Ob es die Einberufung zur Bundeswehr war oder der Weggang meines Bruders, der diese Platte durch sein exzellentes Gitarrenspiel geprägt hat. Nichtsdestotrotz haben wir uns durch keine Hürde entmutigen lassen, sondern immer unser Ding durchgezogen.
Wie hat es sich angefühlt, sich nach so langer Zeit noch einmal mit eurem Frühwerk zu beschäftigen?
Klaus Meine: Es ist ganz schön, nochmal zurückzuschauen und sich daran zu erinnern, wie diese lange, verrückte Reise damals angefangen hat. Natürlich auch, weil wir gerade unser 60. Bandjubiläum feiern. Lonesome Crow ist eine Liebhaber-Platte für Die-Hard-Fans, die tief in die Vergangenheit dieser Band eintauchen und unsere Wurzeln erkunden wollen. Die meisten sind sehr überrascht, weil sie die Scorpions, die man heute kennt, darauf nur in Ansätzen wiederfinden. Ein komplett anderes Ding; das Debüt einer jungen Gang auf der Suche nach einer musikalischen Richtung. Es ist spannend, nach 53 Jahren in die alten Bänder einzutauchen, neu zu remixen und neue Klangfenster im Dolby-Atmos-Sound aufzumachen.
Lonesome Crow im Circle Store:
Wie kam es eigentlich zu eurem ersten Plattenvertrag?
Rudolf Schenker: Mein guter Freund Frank Bornemann von Eloy schlug vor, in ein bestimmtes Studio in Hamburg zu gehen. Als wir dort ankamen, saß zu unserer großen Überraschung Conny Plank am Mischpult! Die Aufnahmen liefen sehr gut. Als wir am zweiten Tag den Song Lonesome Crow einspielten, kamen plötzlich zwei Typen rein – Dicky Tarrach und Frank Dosdal von den Rattles! Während wir im Aufnahmeraum spielten, sahen wir sie hinter der Scheibe wild mit Conny diskutieren. Daraufhin bot er uns an, direkt eine ganze Platte mit uns zu machen. Dicky und Frank hatten sofort unser Potenzial erkannt und ihn überzeugt, weiter mit uns zu arbeiten. So kam unser erster Plattenvertrag mit dem Brain Label zustande.
Wie war die Arbeit mit Conny Plank?
Klaus Meine: Conny war ein angesagter, junger Producer, der mit Bands wie Kraftwerk oder Neu! gearbeitet hat. Er erkannte sehr schnell unser Potenzial und nahm uns an die Hand. Bei den Recordings stellte er sich als großartiger Typ heraus, der auch gerne mal einen durchgezogen hat. Das Ergebnis kann man auf psychedelischen Stücken wie dem Titelsong von Lonesome Crow hören, der nicht nur Conny viel Spaß gemacht hat. Manchmal zogen die Dope-Rauchschwaden auch zu uns in den Aufnahmeraum und haben uns mit angetörnt. Uns war klar, dass wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. Die Tatsache, dass wir mit einem so visionären Produzenten arbeiten durften, der so viele bahnbrechende Meilensteine geprägt hat, ist der Grund, weshalb wir bis heute über dieses Album sprechen.
Ihr alle wart damals Anfang/ Mitte 20. Wie habt ihr euch finanziell über Wasser gehalten?
Klaus Meine: Wir haben davon geträumt, professionell Musik machen zu dürfen. Die einzigen, die damals von ihrer Musik leben konnten, waren Tanzmusiker, die am Wochenende in Landgaststätten oder auf Hochzeiten spielten. Als Rockband musste man eher Geld mitbringen, statt es zu verdienen. Ich habe eine Ausbildung zum Dekorateur gemacht, aber nicht sehr lange in diesem Beruf gearbeitet. Zeitweise habe ich auch Medikamente als Fahrer für Apotheken ausgeliefert. Bei meiner letzten Arbeit hatte ich einen Juniorchef, der mir immer frei gab, wenn wir Gigs hatten. Das habe ich ihm bis heute nicht vergessen.
Rudolf Schenker: Ich habe eine Lehre zum Starkstromelektriker gemacht. Später habe ich das Bandmanagement übernommen und von meiner Wohnung in Laatzen aus unsere Platten verkauft. In den Anfängen wurden immer wieder von äußeren Umständen ausgebremst. Wie durch die Einberufung unseres ersten Solo-Gitarristen zur Bundeswehr, der keine Zeit mehr für die Band hatte und ersetzt werden musste. Ein Rückschlag war auch, dass unser Drummer Wolfgang Dziony nach dem Release von Lonesome Crow ausgestiegen ist, weil sich mit unseren damaligen Einnahmen keine Familie ernähren ließ und er ein Angebot für einen gut bezahlten Job erhalten hatte.
Keine rosigen Aussichten...
Klaus Meine: Das wenige Geld, das durch Nebenjobs reinkam, floss sofort wieder in die Band. Eines Tages schnauzte Rudolf mich an, ich solle mir endlich das Rauchen abgewöhnen, um mehr Kohle für die Bandkasse beizusteuern. Wir brauchten ständig neues Equipment oder sind auf Tour mit unserem alten Opel „Blitz“-Transporter liegen geblieben. Gerade Mitte/ Ende der 70er mussten wir während des Deutschen Herbstes auch öfter mal rechts ran fahren, weil die Polizei unseren Bus und unser Equipment genau gecheckt hat. Offenbar hat man uns mit unseren langen Mähnen für Sympathisanten der Baader-Meinhof-Bande gehalten. Gefährliche Zeiten. In dieser Situation hat sich gezeigt, wer es ernst mit der Band meinte und wer einen sicheren Job oder die Familie vorzog.
Auf Lonesome Crow ist eine wilde Mischung aus Krautrock, Psychedelic und Jazz zu hören. Wobei ihr euch damals strikt gegen die Bezeichnung als Krautrock-Band gewehrt habt. Warum?
Klaus Meine: 1971/1972 war es ein völlig offenes Blatt, wohin die stilistische Reise gehen sollte – eine Suche, die man deutlich auf Lonesome Crow hören kann. Trotzdem haben wir uns dem Krautrock-Genre nie zugehörig gefühlt. Im Gegensatz zu Kraut-Acts, die größtenteils mit deutschen Lyrics unterwegs waren, haben wir uns schon sehr früh für englische Texte entschieden. Auch wenn unser Englisch damals nicht wirklich gut war. Außerdem wurde in den wichtigen Musikzeitschriften wie Sounds oder dem Musikexpress nur groß über englische oder amerikanische Bands berichtet, während deutsche Krautrock-Gruppen immer nur mit einer kleinen Spalte erwähnt wurden. Wir haben immer von einer internationalen Karriere geträumt. Auch wenn das bedeutete, gegen den Strom zu schwimmen.
Rudolf Schenker: Wir waren auf Stilsuche, auf der wir uns von anderen Bands abgrenzen wollten. Wir wollten weder Krautrock machen noch die amerikanischen oder englischen Bands kopieren. Eine völlig authentische und ehrliche Entwicklung, die sich immer weiter fortgesetzt hat. Ob später mit Uli Jon Roth, der sehr stark von Jimi Hendrix beeinflusst war, oder anderen Musikern, die ebenfalls ihre eigenen Einflüsse mit in den Sound einbrachten. Die Mischung aus den Einflüssen von Klaus und mir, kombiniert mit dem Stil von Uli Jon Roth, war sehr interessant für viele Bands, die gerade anfingen, Musik zu machen. So wie Megadeth oder Metallica. Bands, die bis heute vom Einfluss der Scorpions und einem eigenständigen Stil schwärmen, der völlig anders war, als der der amerikanischen Gruppen.
Konntet ihr mit Lonesome Crow tatsächlich umsetzen, was ihr vor den Recordings im Kopf hattet?
Klaus Meine: Wir hatten null Erfahrung und waren ganz auf Conny angewiesen, der uns ja auch den ersten Plattendeal mit Brain und Metronome besorgt hat. Nach ein oder zwei Wochen war die Produktion im Kasten. Es waren unsere ersten Schritte, bei denen wir nur wenige Möglichkeiten zur Mitsprache hatten. Außerdem hätten wir wohl auch nicht das Selbstbewusstsein gehabt, ein Veto einzulegen. Wir haben einfach alles in Connys Hände gelegt und ihm vertraut. Für eine Außenseiterband aus Hannover war es eine große Herausforderung, in der eingeschworenen Hamburger Szene zu bestehen. Für uns der nächste amtliche Schritt, den wir rückblickend ganz gut gemeistert haben.
Welche Erinnerungen habt ihr noch an die Lonesome Crow-Sessions?
Klaus Meine: Conny war skeptisch bei dem Namen Scorpions und schlug vor, uns in Stalingrad umzubenennen. Außerdem sollten wir mit einer Stacheldraht-Ästhetik spielen. Er hat damals schon eine gewisse Rammstein-Ästhetik vorweggenommen. Bei dem Namen Scorpions zu bleiben, war aber eine gute Entscheidung. Während der Aufnahmen sagte Rudolf zu ihm, dass wir eines Tages in Amerika spielen würden. Daraufhin hat er laut gelacht und gemeint, dass sie dort nur auf eine Band wie uns warten würden. Es war von Anfang an unsere Vision, eines Tages den ganzen Globus zu rocken. Die meisten Leute aus unserem Umfeld haben uns für solche Pläne nur belächelt. Doch das hat uns nicht davon abgehalten, unseren Rock’n’Roll-Traum zu verfolgen. Es hätte tausend Gründe gegeben, zu scheitern. Doch die Geschichte der Scorpions ist wirklich außergewöhnlich. Als in Deutschland noch die Neue Deutsche Welle angesagt war, waren wir schon ein paar Schritte weiter und haben dreimal hintereinander den New Yorker Madison Square Garden ausverkauft...
Rudolf Schenker: Wichtig ist, wo man seine Ziele setzt. Wir haben uns schon immer als internationale Band gesehen. Lonesome Crow erschien in Deutschland bei Brain/Metronome und direkt auch in Amerika auf Billingsgate Records. Weil ich zu dieser Zeit das Bandmanagement übernommen hatte, war meine Telefonnummer auf die Rückseite des Plattencovers abgedruckt. Nachdem das Album in den Vereinigten Staaten veröffentlicht wurde, klingelte bei mir ständig das Telefon. Meistens nachts oder frühmorgens. Amerikanische Fans fragten, wann wir endlich auf Tour kommen würden. Allerdings konnte ich außer „yes“ und „no“ nicht wirklich Englisch sprechen. Ich musste dann immer unsere Nachbarin zum Übersetzen rüberholen. Eine wahnsinnig aufregende Phase mit sehr wenig Schlaf.
Scorpions für Zuhause:
Wer hat euren besonderen Stil beeinflusst?
Klaus Meine: Wir wurden hauptsächlich vom britischen und amerikanischen Gitarrenrock beeinflusst. Melodiöser Rock von den Beatles oder The Who einerseits, andererseits auch Bands wie Led Zeppelin oder die Stones, die eher vom Blues kamen. In der Zeit vor der Veröffentlichung unseres ersten Albums haben wir live viele Coverversionen von Led Zep oder Rory Gallaghers Band Taste gespielt. In den frühen 70ern sind wir mit Chris Farlowe und seiner Band Colosseum getourt. Das war eine große Inspiration für mich. Ein großes Vorbild war auch Roger Daltrey. Unser Producer Dieter Dierks hat ab dem dritten Album mit mir intensiv an meinen Vocals gearbeitet und mich sehr geformt. Dieter hat unseren gesamten Sound in den 80er-Jahren geprägt und geholfen, das zu entwickeln, was man heute als die Scorpions-DNA bezeichnen könnte.
Der Album-Nachfolger Fly To The Rainbow gestaltete sich nach Lonesome Crow viel rockiger...
Klaus Meine: Nach dem Weggang von Michael Schenker schlossen wir uns Uli Jon Roth und seinen Leuten an. Wir waren eine völlig andere Band. Natürlich hatte Uli großen Einfluss auf das Songwriting. Einerseits war alles mehr Hendrix-beeinflusst, andererseits waren auch Stücke dabei, die Rudolf und ich geschrieben haben, wie This Is My Song zum Beispiel. Dieser Soundmix hatte mit Lonesome Crow eigentlich gar nichts mehr zu tun.
Mittlerweile sind sechs Dekaden vergangenen. Im vergangenen Jahr habt ihr euer 60. Bandjubiläum gefeiert. Was ist euer Erfolgsrezept?
Klaus Meine: Dieses Jubiläum ist ein besonderer Moment auf unserem langen Weg. Es hat sehr viel mit der Chemie zwischen Rudolf und mir zu tun. Eine Chemie, die in Lonesome Crow ihren Grundstein hat. Rudolf ist genauso verrückt wie ich und hat die gleichen Träume, ohne ein Träumer zu sein. Keiner von uns hätte damit gerechnet, im Alter von 30 noch Musik zu machen und auf der Bühne zu stehen. Die meisten unserer Freunde, die damals schon einen festen Job oder Familie hatten, haben über uns nur den Kopf geschüttelt und uns geraten, endlich wach zu werden. Heute freuen wir uns über jedes weitere Jahr, in dem wir auf Tour gehen und es gut läuft. Wenn es nach mir ginge, könnte es ruhig noch ein wenig so weitergehen!
Rudolf Schenker: Eigentlich sollte nach unserer Farewell-Tournee 2010/2011 Schluss sein. Das war auch ernst gemeint. Als von MTV gegen Ende der Tour das Angebot einer Unplugged-Show kam, war ich wieder voll an Bord. Auch das Internet hatte einen positiven Effekt. Durch das Internet und die Streamingdienste haben wir unglaublich viele junge Fans gewonnen, die uns in den letzten Jahren ganz neu entdeckt haben. Alleine Wind Of Change hat mittlerweile über eine Milliarde Streams. Früher haben mich Schulfreunde angesprochen und gefragt, was ich mal machen will, wenn ich 30 bin. Mit der Musik Geld zu verdienen, war für sie völlig undenkbar. Damals war mir nur wichtig, etwas zu machen, was mich happy macht und dass wir eine gute Chemie in der Band haben. Das war und bleibt das Wichtigste. Wir leben nun seit sechs Dekaden unseren großen Rock’n’Roll-Traum, an den wir immer geglaubt haben. Wir haben uns immer gesagt: Was die Stones können, können wir erst recht! Das ist bis heute unser Motto.
Worauf seid ihr heute am meisten stolz?
Klaus Meine: Rudolf drückt unsere größten Erfolge immer mit den Worten „Love, Peace and Rock and Roll“ aus: Still Loving You, Wind Of Change und Rock You Like A Hurricane. Das sind die drei Grundpfeiler, auf denen unsere History aufbaut und die dazu beigetragen haben, dass die Scorpions als eine der ganz wenigen deutschen Bands eine Weltkarriere hingelegt haben. Es ist schwer, aus so einer langen Geschichte Höhepunkte rauszufiltern. Aber einer der geilsten Momente für mich war, als wir 1983 als Co-Headliner auf dem US-Festival mit Van Halen vor einer Viertelmillion Fans im San Bernadino Valley auf der Bühne gestanden haben und über uns fünf Kampfjets über das ganze Tal geflogen sind. Ein echter Top Gun-Moment! Weitere Highlights waren natürlich Rock In Rio 1985 zusammen mit AC/DC und Queen vor 350.000 verrückten südamerikanischen Fans oder das Music Peace Festival in Moskau.
Dennoch hattet ihr zeitweise mit herben Rückschlägen zu kämpfen.
Klaus Meine: Es bleibt nicht aus, dass man in 60 Jahren auch durch tiefe Täler gehen muss. Gerade in der Zeit zwischen dem Release von Lonesome Crow und In Trance musste die Band wirklich ums Überleben kämpfen. Auch die 90er waren für jede Classic-Rock-Band schwierig. Alle Bands aus diesem Genre, die in den 80ern erfolgreich waren, hatten in den Nineties zu kämpfen. Ende der 90er waren wir an einem Punkt angelangt, an dem uns die Fans bei dem experimentellen Eye II Eye die rote Karte gezeigt haben. Wir waren eine Band aus dem Gestern, die mit dem Heute konfrontiert war. Wir mussten erstmal wieder zurück auf die Beine kommen. So wie mit unserem Projekt mit den Berliner Philharmonikern auf dem Nachfolger Moment Of Glory, um dann 2003 mit Unbreakable wieder zurück in die Spur zu finden. Keine leichten Jahre. Der Erfolg ist eine schöne Sache, die aber auch die Egos ganz schön durcheinanderwirbeln kann und die viele Herausforderungen mit sich bringt.
War eine Auflösung je Gesprächsthema?
Klaus Meine: Nein. Was ganz klar das Verdienst von Rudolf als starkem Bandmotor ist, der immer an uns geglaubt hat. Es gibt immer wieder Momente, in denen man zweifelt und sich hinterfragt. Nicht jedes Album ist am ersten Verkaufstag gleich ein Megaerfolg. Das haben wir auch erlebt. Trotzdem konnten wir uns immer neu motivieren. Unsere Fans standen immer hinter uns, auch wenn es mal nicht so gut lief. Wenn es schleppend in Deutschland lief, lief es gut in Asien oder anderen Ländern. Es gab immer irgendwo auf der Welt eine Erfolgsgeschichte zu erzählen. Es ist ein schönes Gefühl, heute für drei unterschiedliche Fangenerationen zu spielen. Egal ob in Europa, in Asien oder auf dem amerikanischen Kontinent. Wir versuchen auch in unruhigen Zeiten, mit unserer Musik Brücken zu bauen. Das haben wir schon immer getan. Als Nachkriegsgeneration in Deutschland aufzuwachsen, hat uns geprägt. Auch als wir als deutsche Band nach Russland gegangen sind, um mit russischen Fans englische Songs zu singen. Natürlich hat auch Wind Of Change für mich deshalb eine ganz besondere Bedeutung.
Wie kam es eigentlich zu Wind Of Change?
Rudolf Schenker: Wir kamen im Herbst 1982 von unserer US-Tour zurück. Als wir uns im Proberaum auf unser nächstes Album vorbereiteten, hatte ich die Idee, doch mal in Russland zu spielen. Mir ging es darum, zu zeigen, dass aus Deutschland eine neue Generation kommt, die nicht mit Panzern, sondern mit Gitarren aufläuft und statt Granaten Love, Peace und Rock’n’Roll bringt. Als wir 1985 in Budapest auf dem Monsters Of Rock-Festival gespielt haben, bekam unsere Idee eine neue Dynamik. Doch statt einer Show in Moskau bot uns die russische Seite erstmal zehn Konzerte in Leningrad an. Ein Jahr später wurden wir dann zum Moscow Music Peace Festival eingeladen, wo wir zusammen mit Ozzy Osbourne, Bon Jovi und Mötley Crüe zu sehen waren. Man konnte damals schon merken, wie sich die Welt veränderte. Diese Veränderungen und die Öffnung des Ostens haben Klaus dann zu Wind Of Change inspiriert.
Sprechen wir mal über Skandale. Trotz eures Megaerfolgs habt ihr euch scheinbar auffällig zurückgehalten. Ganz getreu den Zeilen aus dem Niedersachsenlied „sturmfest und erdverwachsen“...
Klaus Meine: Das ist unsere Mentalität. Vielleicht haben wir unsere Skandale auch nie an die große Glocke gehängt (lacht). Doch it is what it is. Wir sind mit unserer Philosophie sehr gut durch die Jahre gekommen, sonst hätten wir nicht unser 60. Jubiläum mit Fans gefeiert, die aus aller Welt nach Hannover gekommen sind. Und angesichts der Tatsache, dass diese Show schon lange im Vorfeld ausverkauft war, muss man über nicht gelieferte Skandale auch gar nicht weiter nachdenken.
Rudolf Schenker: Dummes Zeug haben wir auch gemacht. Im Four Seasons haben wir damals nach unserem Auftritt auf dem Dach getanzt. Irgendwann fiel ein Fernseher aus größer Höhe durch ein Glasdach. Wir mussten uns dann eine andere Unterkunft suchen, inklusive Doc McGhee, dem damaligen Manager von Kiss, der auch dabei war. Es war Rock’n’Roll pur. Trotzdem war uns die Musik immer wichtiger als das, was drum herum passierte.
Ihr bestreitet im September eure nächste Residency in Las Vegas. Wie lässt sich die Stadt der Sünde und des Glücksspiels mit euren niedersächsischen Wurzeln vereinbaren? Hannover und Las Vegas könnten unterschiedlicher nicht sein!
Rudolf Schenker: Ich mag an Las Vegas, dass dort immer etwas passiert. Es ist keine Stadt, in der nachts die Bürgersteige hochgeklappt werden. Natürlich ist es ein ganz besonderes Erlebnis, die Scorpions live in Las Vegas zu sehen. Wir haben eine Bühne, auf der wir experimentieren und uns richtig ausprobieren können. Was Hannover angeht, finde ich diese besondere Erdung sehr wichtig. Man kommt hier einfach nicht auf dumme Gedanken. Hier wohnen meine alten Freunde, die nicht abgehoben oder komplett fertig sind, sondern mit beiden Beinen auf dem Boden stehen. Es gibt viele Beispiele aus meinem Musiker-Bekanntenkreis, die nach ihrem Umzug nach L.A. oder Vegas unter die Räder gekommen sind.
Ihr habt schon immer gerne mit außergewöhnlichen Künstler:innen zusammengearbeitet: Angefangen bei Fotograf:innen wie Ellen von Unwerth und Helmut Newton, über den Pyrotechniker Gert Hof, der euren Auftritt auf dem Roten Platz in Moskau inszeniert hat, bis hin zu Gottfried Helnwein und dem britischen Graphicdesign-Studio Hipgnosis. Was macht den besonderen Reiz aus?
Klaus Meine: Es hat uns immer großen Spaß gemacht, mit Leuten zu arbeiten, die in der Kunstwelt verankert waren. Künstler:innen wie Helnwein, Newton oder von Unwerth, von denen wir direktes Feedback bekamen, weil sie auch ihrerseits Bock hatten, mit einer Rockband zu arbeiten. Ich war vor kurzer Zeit noch in der Helmut Newton Foundation in Berlin und wurde wieder an unsere gemeinsame Arbeit in Paris am ikonischen Love At First Sting-Albumcover erinnert. Gerade mit Helmut gibt es viele Geschichten zu erzählen. Wir haben sehr bedauert, dass es nicht mehr zu einer weiteren Zusammenarbeit mit ihm gekommen ist. Fast hätten wir aber mit Andy Warhol zusammengearbeitet. Das ist damals an irgendwelchen, im Nachhinein wirklich lächerlichen Forderungen gescheitert, was Merchandise-Lizenzen betraf. Leider haben wir diese Chance verpasst. Am liebsten würde ich heute nochmal mit Gottfried Helnwein arbeiten.
Eure Erfolge lassen sich nur im Superlativ beschreiben. Was steht neben einer Kollaboration mit Helnwein für die Zukunft noch auf der To-Do-Liste?
Rudolf Schenker: Natürlich unsere kommende Residency in Vegas! Unsere ausverkaufte Homecoming-Show in Hannover im letzten Jahr war ein weiterer Meilenstein. Und das trotz der Tatsache, dass man in Deutschland eigentlich erst sehr spät an uns geglaubt hat. Damals haben Musikjournalisten geschrieben, sie würden unsere Platten als Untersetzer für ihren wackelnden Schreibtisch nehmen. Als wir dann mit In Trance im englischen Melody Maker besprochen wurden, fielen einigen Schreibern die Augen aus dem Kopf. Doch rückblickend sind wir sehr dankbar für alles, was auf unserem Weg bisher passiert ist.