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Yard Act im Interview: „Das Genre-Denken zerstört die Kreativität“
featuresYard Act sind keine großen Fans von Genre-Definitionen, und das hört man auch auf ihrem neuen Album You’re Gonna Need A Little Music. Zwischen so unterschiedlichen Acts wie Idles, Beck und Jamiroquai könnte man Vergleiche ziehen, aber am besten lassen wir Sänger James Smith selbst über seine Musik sprechen. Im neuen Album steckt nämlich noch viel mehr – vom Kampf mit dem eigenen Ehrgeiz bis zum Ende des amerikanischen Tech-Traums.
Seit 2020 macht die Band aus Leeds Wellen und schlängelt sich durch Abriss, Poesie und trockenen Humor. Doch mit ihrer dritten Platte haben Yard Act sich nun darum bemüht, alles so live und unmittelbar einzufangen. Weniger stoisch und noch roher und energischer als zuvor klingt You’re Gonna Need A Little Music daher, denn wie Smith sagt: „Energie ist ein rein menschlicher Ausdruck.“
You’re Gonna Need A Little Music und mehr von Yard Act:
James, was ist bei euch seit eurem vorherigen Album Where’s My Utopia? passiert und wie hat sich diese Entwicklung zur neuen Platte angefühlt?
Ich glaube, heutzutage wird von Künstler:innen erwartet, sich zwischen den Alben auf fast schon künstliche Weise rasend schnell weiterzuentwickeln. Aber so funktioniert das nicht. Wir wachsen und entwickeln uns eher langsam und stetig weiter. Es ist ein Prozess, der sich im Laufe der Zeit wandelt. Wenn man älter wird, gewinnt man einfach an Selbstvertrauen; und damit meine ich nicht nur uns als Einzelpersonen, sondern auch uns als Band. Während die Band als Konzept reift, entsteht ein echtes Gefühl der Gewissheit, dass wir auf dem richtigen Weg sind und genau das tun wollen. Man beginnt, die Außenwelt mehr und mehr auszublenden, und fühlt sich sicherer auf dem eigenen Weg. Weil wir dieses Mal mehr Zeit für uns selbst hatten – und auch mehr Zeit für den Prozess an sich, ohne uns ständig an ein Publikum anpassen zu müssen –, sind wir innerlich viel stärker gewachsen. Das hat uns eine größere Sicherheit in Bezug darauf gegeben, wer wir sind, was wir tun und warum wir es tun.
Die neuen Songs wirken auch melodischer und nochmal zugänglicher als zuvor.
Ja, da würde ich zustimmen. An den Arrangements dieser Songs haben wir intensiv gearbeitet. Ich fühlte mich durch diesen Sprechgesangsstil recht eingeengt und verspürte den Drang, daraus auszubrechen. Das haben wir dann auch wirklich forciert, die Songs auf Where’s My Utopia? tun das ziemlich stark. Natürlich ist der Sprechgesang eine Art Markenzeichen für uns, denn damit haben wir uns ja einen Namen gemacht. Ich finde es also schön, darauf zurückzugreifen, anzudeuten, dass wir das beherrschen, und es entsprechend einzubauen. Aber was die Melodien angeht: Ich habe mich gesanglich viel freier gefühlt, weil ich direkt auf die Musik reagiert habe. Anstatt erst Texte zu schreiben und zu versuchen, sie dann in die Songs einzupassen, bin ich beim Schreiben unmittelbar auf die Musik eingegangen. Dadurch hatte ich dann melodisch viel mehr Freiheit.
„Hier haben wir es mit vier Energiebündeln zu tun, die miteinander kommunizieren, indem sie ihre Instrumente miteinander zanken lassen.“
Und die Songs wurden auch mehr live als Band eingespielt?
Absolut – und das ist schon bizarr. Denn obwohl wir in erster Linie als Live-Band wahrgenommen werden, sind unsere ersten beiden Alben auf eine ganz andere Weise entstanden, weil uns schlicht die Zeit oder der Raum für die klassische Herangehensweise fehlten. Das erste Album entstand während der Pandemie am Laptop und das zweite schrieben wir hinten im Tourbus am Laptop. Zwar gab es auch Studioarbeit, aber das Ganze basierte stark auf den Demos, die wir bereits ausgearbeitet hatten. Das galt besonders für das zweite Album, daher rührt auch dieser elektronische Sound mit starkem Fokus auf Samples. Die Demos waren von Grund auf so angelegt, und wir haben sie dann für die Live-Performance adaptiert.
Diesmal haben wir jedoch unser eigenes Studio in Leeds gebaut. Wir konnten also gemeinsam im selben Raum Songs schreiben und alles gleichzeitig aufnehmen. Das hat den Prozess definitiv in eine viel lebendigere Richtung gelenkt. Besonders Sams Gitarrenspiel hat das zur Geltung gebracht, denn er ist ein Musiker, der stark auf andere reagiert, er spielt immer in direkter Interaktion mit seinem Gegenüber. Vor allem reagiert Sam natürlich auf das Publikum, da läuft er zur Höchstform auf, wenn er sich ein bisschen in Szene setzen kann. Aber wenn er mit Jay, Ryan und mir spielt, ist sein Stil anders: Er spielt mit viel mehr Gefühl, mit Ebbe und Flut – das ist einfach das Zusammenspiel von Menschen, die aufeinander eingehen. Bisher hatten wir das so noch nie einfangen können. Und das hat das Gefühl bei der Entstehung der Musik definitiv stark gesteuert.
Also ging es auch darum, die Energie der Live-Shows einzufangen?
Total! Energie ist etwas, das man nicht künstlich erzeugen kann und das kein Computer leisten kann. Energie ist ein rein menschlicher Ausdruck. Hier haben wir es mit vier Energiebündeln zu tun, die miteinander kommunizieren, indem sie ihre Instrumente miteinander zanken lassen. Im Klang dieses Albums kann man das wirklich spüren: wie die Finger auf die Saiten greifen und wie die Hände auf das Klavier hämmern. Vor allem spürt man die Stimmen in ihrer ganzen, schiefen Pracht: vielleicht ein wenig unsauber in der Intonation, aber eben sehr menschlich. Das war uns enorm wichtig und wir haben so viel davon wie möglich bewahrt.
Zu den Texten: Gibt es einen Song, der die Themen der Platte am besten auf den Punkt bringt?
Ja, ich glaube, der letzte Song Over The Barrel bildet den Kontrast ab: einerseits düstere Themen und andererseits diese Lichtblicke, die sich ihren Weg hindurch bahnen. Es gibt auf dem Album eine Geschichte in der Geschichte: Die Erzählung eines Roadtrips ausgehend von Balamory, das ist eine fiktive Insel aus einer Kindersendung. Kennt man das in Deutschland?
Balamory?
Genau, so heißt auch die Fernsehsendung. Lustigerweise war sie schon seit etwa 15 Jahren nicht mehr im Fernsehen gelaufen und wurde ausgerechnet dann wieder in Auftrag gegeben, als wir das Album fertigstellten.
Das ist ein Zeichen!
Ja, ich komme mir vor wie ein billiger Nostradamus, der vorhersagen kann, dass alte Fernsehserien zurückkehren oder so etwas! Aber ja, der Weg von Balamory zur Bucht von San Francisco: Das steht sinnbildlich für das Silicon Valley, den amerikanischen Tech-Traum und den amerikanischen Traum im Allgemeinen, aber auch für dessen Niedergang. Die Geschichte entfaltet sich entlang dieses Roadtrips und endet schließlich am Meer. Das ganze Album handelt von der Realität, für die man sich entscheidet, und von der Vorstellung, dass es hier auf der Erde acht Milliarden Realitäten gibt, wobei jede:r eine eigene Perspektive und Vision hat. Können wir uns überhaupt noch auf irgendetwas einigen, wenn wir so sehr auf unseren eigenen Überzeugungen beharren? Was verbindet uns eigentlich noch?
Over The Barrel kann man aus zwei Perspektiven betrachten – ich will es nicht genau erklären, aber das Fass kann für zwei Dinge stehen. Das Album spielt mit der Idee, dass es sich bei diesem Fass nicht unbedingt um das handelt, an das man zuerst denkt. Es ist also auch eine Frage des Optimismus. Ich glaube, das fasst das Album am besten zusammen.
Mich hat das an den griechischen Philosophen Diogenes erinnert, der in einem Fass gelebt hat.
Ah, ich weiß, wen du meinst! Die Geschichte habe ich schon lang nicht mehr gehört. Vielleicht ist das unterbewusst miteingeflossen.
In dieser Roadtrip-Geschichte des Albums wird auch öfters jemand namens Janie erwähnt. Ist das eine fiktive Figur?
Janie ist die Verkörperung meiner Beziehung zu Ehrgeiz. Sie steht für persönlichen Antrieb und ist sozusagen meine Zwillingsflamme. Denn ich ringe ständig mit dem Gedanken, dass ich im Augenblick zufrieden und frei von Verlangen und Ehrgeiz sein möchte. Wenn man nämlich kein gesundes Verhältnis dazu hat, schießt man irgendwann über das Ziel hinaus. Man wird nie zufrieden sein und nie genug haben. Aber ganz ohne das passiert eben auch nichts. Mir hat Ehrgeiz im Leben durchaus gute Dienste geleistet. Ohne diesen Ehrgeiz hätte ich viele der großartigen Dinge, die ich erlebt habe, nie erfahren. Aber andererseits hat er mich oft in Schwierigkeiten gebracht. Janie steht also für dieses Verhältnis zu unseren persönlichen Wünschen und für deren Vor- und Nachteile.
Berlin findet auch in einigen Songs Erwähnung. War das eine wichtige Stadt bei der Entstehung der Platte?
Ja, besonders im Song Janie Said. Mein bester Freund Billy lebt in Berlin, und vor der ganzen Janie-Idee war Billy der Name des Songs. Das Ganze ging auf einen Tag in Berlin zurück, an dem ich mit ihm darüber sprach, was ich gerade durchmachte. Zudem stammen die Field Recordings im Hintergrund des Songs alle aus der Gegend um Kreuzberg. Berlin spielt also eine ziemlich große Rolle auf dem Album.
Es gibt ja auch diesen Verweis am Ende von Redeemer auf „Herr Schmidt“: Im Grunde geht es um die Tatsache, dass ich ein großes Interesse an deutschen Wörtern habe, für die es im Englischen kein direktes Äquivalent gibt. Wenn man versucht, Gefühle in Worte zu fassen, die man selbst nicht ganz versteht, dann haben die Deutschen wahrscheinlich genau das richtige Wort dafür.
Zu Beginn eurer Karriere wurdet ihr primär als Post-Punk-Band eingeordnet. Auch wenn das auf jeden Fall noch da ist, erinnert mich zum Beispiel der Titelsong der neuen Platte sogar an Jamiroquai.
Stimmt!
In den letzten zehn Jahren hat sich diese neueste Welle des Post-Punk zu einem der spannendsten Rock-Genres entwickelt. Wie hast du diese Entwicklung wahrgenommen?
Für mich hat das eigentlich keine große Bedeutung. Ich verstehe schon, dass es eine schnelle Methode ist, um jemand anderem grob zu vermitteln, worum es geht. In letzter Zeit bin ich aber immer mehr zu der Ansicht gekommen, dass es keinen wirklichen Zweck erfüllt. Ich glaube, das Genre-Denken zerstört die Kreativität. Diese Besessenheit, neue Werke anhand bereits existierender Genres und der Vergangenheit definieren zu wollen, hindert die Leute meiner Meinung nach daran, Musik wirklich zu genießen und ihre emotionale Aussage zu erfassen. Es ist eine sehr katalogartige, fast schon nerdige Art, künstlerischen Ausdruck rational zu erfassen. Es stört mich nicht, wenn man uns so einordnet – das geschieht ja sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Aber ich habe mich nie an Genres gebunden gefühlt und auch nie das Bedürfnis verspürt, mich an ein bestimmtes Genre zu halten.
„Die ganz Großen haben nicht einfach dagesessen und darauf gewartet, etwas zu verändern.“
Sämtliche Musik entsteht ja aus Inspirationen aus der Vergangenheit und der individuellen Perspektive.
Absolut, letztlich ist alles Rekontextualisierung. Meiner Ansicht nach arbeiten alle Künstler:innen gemeinsam auf den nächsten großen Durchbruch hin. Es liegt nicht in der alleinigen Verantwortung des Einzelnen, neue Wege zu beschreiten. Die ganz Großen haben nicht einfach dagesessen und darauf gewartet, etwas zu verändern. Sie haben immer weiter geschaffen, bis sie zufällig auf etwas Neues stießen. Und ich glaube, in diesem kosmischen Sinne tragen alle Künstler:innen zu dieser Entwicklung und diesem neuen Weg voran bei.