Review: „Everybody Scream“ von Florence + the Machine ist ein Folk-Horror-Kunstwerk

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Review: „Everybody Scream“ von Florence + the Machine ist ein Folk-Horror-Kunstwerk

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Florence Welch hat eine Nahtoderfahrung hinter sich. Wie so etwas klingt, zeigt sie auf markerschütternd intensive Weise: Mit Everybody Scream legen Florence + the Machine ein weibliches, sinnliches, abgründiges, verhextes Folk-Horror-Kammerspiel vor. Betreten auf eigene Gefahr.

Hier gibt's Everybody Scream auf Vinyl:

Keine ist wie sie. Florence Welch ist mehr Naturgewalt als Sängerin, mehr zur Erde gesandte Naturgöttin als Mensch. Seit über 15 Jahren trägt sie ihre Botschaft durch ihre Band Florence + the Machine nach außen, wurde zum Popstar wider Willen, zum Aushängeschild feministischer Selbstbestimmung in der Musikbranche und zum Liebling der Stars. Taylor Swift will mit ihr arbeiten, alle anderen wollen es auch. Weil sie sich nie verbiegen ließ, immer gesagt hat, was sie denkt. Und natürlich grandiose, unverwüstliche, zutiefst magische Kunst erschaffen hat.


Ein Album fürs Museum

Everybody Scream ist in vieler Hinsicht als die Krönung ihres Schaffens zu betrachten. Die obersten Zweige im Krone eines Weltenbaums, der in der Popmusik seinesgleichen sucht. Nach dem verzehrenden Debüt Lungs, dem gotischen Spuk von Ceremonials oder späteren Kunstwerken wie Dance Fever ist das jüngste Album von Florence + the Machine mehr noch als alle Vorgänger ein Kunstwerk, das eigentlich eher als Gemälde in ein Museum als auf den Plattenspieler gehört. Alles daran – das Artwork, die begleitenden Fotos, die berauschenden Musikvideos, sogar die eigens entworfene Schriftart – ist aus einem Guss, wirkt wie das Werk präraffaelitischer Meister. Und ist doch „nur“ Popmusik.

Wie macht sie das?

Verschiedene Ansätze: Durch bedingungslose Hingabe an die Kunst. Durch den schonungslosen Willen, dorthin zu gehen wo es weh tut. Und durch einen unbedingten, eisenharten Glauben an sich selbst. Nur so konnte Everybody Scream überhaupt erst geboren werden. Denn in vielerlei Hinsicht ist das Album eine Geburt für Florence Welch. Eine Wiedergeburt vielleicht sogar. Eine Eileiterschwangerschaft bringt sie in Lebensgefahr, in Momenten der Todesnähe erscheint ihr ein Raum voller Frauen, die alle schreien. Darüber schreibt, singt und schreit sie jetzt auch: Everybody Scream ist der kollektive Urschrei aller Frauen. Der unterdrückten, missbrauchten, ungesehenen, klein gehaltenen Frauen. Aber auch aller anderen Frauen. Diesen Schmerz, sagt sie, tragen alle in sich. Und durch ihre Lungen und mit ihrer unfassbaren, ins Mark treffenden Stimme wird er in die Welt hinausgeschrien.

Erstes Folk-Horror-Werk des Pop

Das hat nicht zufällig etwas von einem Ritus. Von einem magischen Zirkel. Inspiration für Everybody Scream fand Florence Welch in Horror und Folklore, in Hexerei und Magie. Sie studiert das inhärent weibliche Wesen der Magie, trägt Traditionen, Geschichten, Schicksale und Anrufungen zu einem Album zusammen, das durchaus als erstes Folk-Horror-Werk der Popmusik gelten darf. Und (wie immer bei ihr) zahlreiche Nachahmerinnen und Nachahmer finden wird.


Everybody Scream ist in Sachen kerzenbeschienener Mystik durchaus nah an Ceremonials, klanglich aber eine ganze Ecke vielseitiger. Vom evokativen, intensiven, hypnotischen Gothic-Folk-Ritus des Titelsongs über die gemeinsam mit Ethel Cain vorgetragene, sich langsam aufbauende Nummer One Of The Greats bis hin zu furiosen Momenten wie Witch Dance oder sardonischen Abrechnungen (Music by Men) ist das sechste Album von Florence + the Machine ein Hybrid aus der rockigen Lebhaftigkeit von Dance Fever und der unapologetisch gotischen Hexensabbat-Aura von Ceremonials. Das beste beider Zwischenwelten also.

Kaiserin des melodischen Crescendos

Dass dieses Album persönlich ist, ist bei einer wie Florence Welch müßig, ist fast eine Beleidigung. Persönlich ist alles, was sie macht, vielleicht sogar zu sehr. Dennoch ist Everybody Scream noch mal eine andere Liga. Sie macht Superkräfte aus ihrem Schmerz und ihrem Leid und erschafft damit ein universelles Manifest. „Ich habe diese Quelle der Trauer, mit der ich zu kämpfen habe“, sagt sie in einem neuen Interview. „Ich befand mich in diesem Nebel und musste einen Sinn und mein eigenes Glaubenssystem finden.“


Das fand sie in Mystik, in Magie, in Spiritualität. Und schmiedet mit Aaron Dessner von The National, Mitski, vor allem aber Mark Bowen einen dringlichen, intensiven und dissonanten Sound, der ihre poetischen Folk-Horror-Texte und ihren andersweltlichen perfekt repräsentiert. Die Königin des melodischen Crescendos war sie schon davor. Spätestens jetzt ist sie die Kaiserin.

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